Interview : Leandro Cufré: "Ich habe dafür bezahlt"

Herthas Cufré spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über seinen Tritt gegen Mertesacker und den Vorwurf, ein Passfälscher zu sein.

Leandro Cufre
Leandro Cufré. -Foto: dpa

Señor Cufré, irgendwie passt es mit Ihnen und dem Berliner Olympiastadion nicht.



Warum? Ich bin hier zwei Mal eingewechselt worden, erst gegen Eintracht Frankfurt und dann gegen Bayern München. Beide Spiele haben wir gewonnen, das ist doch eine gute Bilanz.

Gewiss, aber seit Ihrer Ankunft Ende Januar wartet man bei Hertha BSC auf Ihren Durchbruch. Wenn es um Leandro Cufré und Berlin geht, denkt kaum einer an die Bundesliga, sondern …

… ja, ja, diese Szene vor drei Jahren.

Nach dem WM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Argentinien traten Sie dem Bremer Per Mertesacker in die Weichteile. Das Bild ging um die Welt und hat Ihr Image geprägt.

Glauben Sie? Also, für mich ist das vergessen und vorbei. Ich will nichts entschuldigen, das war ein großer Fehler, eine dramatische Entgleisung. Aber man muss das alles im Zusammenhang der damaligen Ereignisse sehen. Es war damals eine ganz besondere Situation, wie ich sie noch nie erlebt habe. Für mich persönlich, weil ein paar Wochen zuvor mein Vater gestorben ist, da waren wir schon mit der Nationalmannschaft in Deutschland. Ich war also emotional in einer Ausnahmesituation. Damit will ich nicht rechtfertigen, was ich getan habe. Aber bevor es zu meinem Tritt kam, ist ja schon einiges zwischen beiden Mannschaften passiert, wenn auch keine Handgreiflichkeiten. Wir haben uns ganz schön angegiftet, wie wir da vom Platz gegangen sind.

Bis heute weiß niemand, was sich die Spieler damals verbal an den Kopf geworfen haben, bevor es zur Sache ging. Lüften Sie doch mal dieses Geheimnis.

Tja, worüber haben wir eigentlich geredet? Das Problem war ja, dass von den Deutschen keiner Spanisch sprach und von uns keiner Deutsch. Es war mehr eine Sache von giftigen Blicken und Gesten, von Schimpfwörtern, die keiner verstanden hat, aber der Ton war eindeutig. Es war wie bei einem schwülen Sommerabend, wenn etwas in der Luft liegt und alle auf den ersten Donner warten, mit dem das große Gewitter kommt.

An dieser Stelle kommen Sie mit Ihrem Tritt ins Spiel. Haben Sie mal bei Mertesacker angerufen und sich entschuldigt? Oder werden Sie das am Sonntag beim Heimspiel gegen Werder nachholen?

Bei allem Respekt: Das ist jetzt drei Jahre her, es war ein großer Fehler, aber ich habe das eigentlich schon fast vergessen. Und ich habe dafür bezahlt.

Seit der WM haben Sie nicht mehr für die Nationalmannschaft gespielt.

Ich stehe in Kontakt mit Diego Maradona, aber ich bin nicht so vermessen, das jetzt zum Thema zu machen. Erst einmal muss ich im Verein spielen.

Ihr Vertrag in Berlin läuft nach dieser Saison aus.

Über meine Zukunft mache ich mir keine Gedanken, vielleicht liegt sie in Frankreich, vielleicht in Italien, vielleicht auch ganz woanders. Erst mal zählt nur Hertha.

Die Suche nach einem Verein erschwert, dass Sie im Januar als Passfälscher aufgeflogen sind und Monaco verlassen mussten.

Halt, das stimmt nicht! Das ist eine Sache, die mich emotional viel härter trifft als der ganze Stress damals bei der WM. Ja, ich musste Monaco verlassen, aber im besten Einvernehmen, und niemand hat mich suspendiert. Wahr ist, dass mir meine italienische Staatsbürgerschaft aberkannt wurde und ich damit nicht mehr als EU-Bürger spielen konnte. Aber wie es dazu gekommen ist, das ist eine andere Geschichte.

Wir hören gern zu.

Es gab da ein rein administratives Problem, mit Dokumenten, die zwischen Rom, Buenos Aires und der italienischen Botschaft in Monaco zirkulieren. Ich gehe davon aus, dass im Sommer alles geklärt ist und ich einen neuen Pass bekomme.

Es sind sehr viele südamerikanische Fußballspieler enttarnt worden, die sich die italienische Staatsbürgerschaft mit gefälschten Dokumenten verschafft hatten.

Das ist es ja, was mich so aufregt! Dass ich mit solchen Leuten in einen Topf geworfen werde! Meine Mutter ist in Bari geboren, meine Frau ist Italienerin und auch meine drei Töchter haben die italienische Staatsbürgerschaft. Ich bin seit 1995 italienischer Staatsbürger, da war ich 17 und habe noch gar nicht daran gedacht, einmal in Europa Fußball zu spielen. Ich liebe Argentinien, aber in mir, in meiner ganzen Familie fließt italienisches Blut. Dass man mir jetzt wegen eines Formfehlers die Staatsbürgerschaft nimmt, hat mich schwer verletzt. Was würden Sie denn sagen, wenn Ihnen ein Beamter erklärt, dass Sie ab morgen kein Deutscher mehr sind?

Das Gespräch führte Sven Goldmann.

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