Interview : „Leute, ich hab’ so viel erreicht“

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein über die Mehrkampf-Weltmeisterschaft am Wochenende in Berlin, über ihren alten neuen Trainer und über Anni Friesinger.

Claudia Pechstein
Claudia Pechstein: mit fünf Goldmedaillen Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin. -Foto: dpa

Frau Pechstein, die Mehrkampf-Weltmeisterschaft ist nicht gerade Ihre Lieblingsveranstaltung, Sie mögen lieber die Einzelstrecken-WM. Dafür findet die WM am Wochenende auf Ihrer Lieblingsbahn in Berlin statt. Was sagt das über Ihre Chancen?

Lieblingsbahn ist gut, sagen wir lieber Heimbahn. Es gibt Bahnen, an die ich bessere Erinnerungen habe. Weil ich da zwei Goldmedaillen geholt habe wie in Salt Lake City. Diese Bahnen sind auch schneller. Der Saisonhöhepunkt ist diese WM nicht für mich, da haben Sie Recht, aber in der eigenen Halle will ich schon glänzen.

Haben Sie überhaupt eine Lieblingsbahn?

Heerenveen, das ist das Eisschnelllauf-Mekka. Da weiß jeder Zuschauer in der Halle die Rundenzeiten und was sie bedeuten. Da ist immer was los. Berlin kann vielleicht das deutsche Mekka sein.

Hat Berlin etwas, das andere nicht haben?

Berlin ist eine der ersten Hallen fürs Eisschnelllaufen, 1986 erbaut. Die vier Pfeiler innendrin als Dachstützen gibt es in den moderneren Hallen nicht. Aber in Berlin hat sich nochmal etwas getan für die WM. Man hat einen Raum in die Halle gebaut, der später als Kraftraum genutzt werden kann. Und eine Klimaanlage gibt es nun auch. Es ist also nicht mehr wie früher, als es draußen minus zwanzig Grad waren und drinnen minus neunzehn.

Sie kennen jeden Millimeter in der Halle in Hohenschönhausen, haben Sie eine Lieblingsstelle?

Das Ziel, wenn das Rennen gut war. Ansonsten, kann ich nur sagen: Die Bahn ist schwierig zu laufen für Leute, die sie nicht kennen, weil die Kurven doch sehr groß sind im Verhältnis zu anderen Bahnen.

Können Sie mit diesem Heimvorteil auch aufs Podest kommen?

Ich hoffe, aber es wird sehr schwer. Mal sehen, was die anderen machen, die Holländerinnen, Kanadierinnen, die Tschechin Martina Sablikova, Daniela Anschütz.

Nach der Pensionierung von Joachim Franke trainieren Sie nun in Norwegen mit dem Amerikaner Peter Mueller. Wie schwer fiel Ihnen die Umstellung nach all den Jahren?

Der Grund meines Wechsels war ja, dass mein Trainer zurückgetreten ist und ich kein richtiges Trainingsgefüge in Berlin hatte. Dann kam mir die Idee mit Norwegen. Diese Gruppe hat mir auch mein Trainer empfohlen. Peter Mueller kennen wir beide schon lange. Er ist zwar vom Typ her komplett anders als Achim Franke...

...er redet angeblich ununterbrochen, ihr ehemaliger Trainer ist eher schweigsam...

...stimmt, aber er kann wie mein alter Trainer unheimlich gut motivieren. Manche sagen: Was ist das für ein Spinner. Aber ich finde gut, dass er viel lacht und die Sache trotzdem sehr ernst nimmt. Die Umstellung war also gar nicht so schwierig.

Was ist nun anders?

Das Training ist sehr viel intensiver. Die Jungs in der Gruppe vorher konnten gar nicht so schnell laufen. Da habe ich sehr viel Führungsarbeit gemacht. Jetzt bin ich soweit, dass ich mehr oder minder hinterherrennen muss. Das sind eben männliche Sprinter, ich bin eher Langstreckler.

Horizonterweiterung ist ein großes Wort, aber gibt es etwas, das Sie in Norwegen dazugelernt haben?

Ich sehe nun alles aus einer etwas anderen Perspektive. Ich sage mir: Ich habe alle Medaillenfarben im Schrank, ich laufe nur noch für mich. Deshalb gehe ich relativ gelassen an alles ran.

Kam diese Gelassenheit erst in Norwegen?

Die hätte ich schon 2002 haben können. Da hatte ich schon alles im Sack...

...vier Mal Olympisches Gold und den WM-Titel im Mehrkampf. Trotzdem waren Sie noch nicht so gelassen.

Zumindest habe ich es mir noch nicht so bewusst gemacht. Ich hätte schon damals sagen können: Wisst Ihr was, lasst mich alle in Ruhe und gut ist’s. Aber ich habe eben auch sehr viel Spaß dabei. Und dann wird, wenn man mit wenigen Zehntelsekunden das Treppchen verpasst, gleich geschrieben: Der Lack ist ab und sonstwas. Da denke ich, Leute, ich hab’ so viel erreicht, ich kann darüber nur schmunzeln.

Tun Sie aber offensichtlich nicht. Es scheint Sie doch zu ärgern.

Natürlich ärgert es mich. Ich finde es einfach nicht fair. Wenn ich dann wieder auf dem Podium stehe, heißt es gleich: War ja super. Stimmt, denke ich dann, aber das vorher war auch nicht so schlecht.

Was werden Sie aus Ihrer Zeit in Norwegen mitnehmen?

Ich nehme schon jetzt die Erfahrung mit, dass ich auch unter einem anderen Trainer erfolgreich sein kann. Ich bin persönliche Bestzeit über 1500 Meter gelaufen. Das hätte ich mir nicht mehr so zugetraut.

Joachim Franke sagt, er sei vom Trainer zum Berater geworden. Wie kann man sich diese Ratgeberrolle überhaupt vorstellen?

Er will schon wissen, was ich trainiert habe. Wir tauschen uns viel aus, was man verändern kann und was ich nicht alles mitmachen sollte, weil es mein Körper eben nicht ganz so gut verträgt wie ein junger Sprinter. Wenn ich in Berlin zum Trainieren bin, sehen wir uns fast jeden Tag.

Darauf wollen Sie wohl nicht verzichten.

Ich finde es super. Ich habe ihm gesagt: Wenn Sie keine Zeit haben, Trainer, bleiben Sie doch zu Hause und machen Sie Ihr Ding. Aber er sagt: Ich mach’ das schon für Dich, das weißt Du. Deshalb hat er auch meinem Wunsch entsprochen, mich am Wochenende nochmal auf dem Eis zu coachen. Der Anstoß dazu kam übrigens von Peter Mueller. Er darf ja vom norwegischen Verband aus nicht bei meinen Rennen auf dem Eis stehen. Da hat er gesagt, wie wäre es in Berlin denn mit Achim? Der kitzelt das Letzte aus Dir heraus.

Wie schwer fällt es Ihnen, nach so vielen erfolgreichen Jahren anderen den Vortritt aufs Podest zu lassen?

Es ist ein komisches Bild, wenn keine Deutsche beim Weltcup auf dem Podium steht. Ich habe auch nicht so grandios viele Weltcupsiege, aber eben neun olympische Medaillen. Da kann man sagen: Mensch, da haste dich aufs Wesentliche konzentriert. Aber ich bin schon ein Typ, der immer gewinnen will, bei allem, was ich mache. Früher als Kind bei irgendwelchen Spielen wollte ich immer gewinnen, sonst war die Welt nicht ganz in Ordnung.

Und wie sieht die Welt aus, wenn Sie beim Weltcup wie in dieser Saison regelmäßig Vierte werden?

Dann sage ich: Lieber Vierter als Fünfter, Sechster, Siebter.

Damit machen Sie es sich doch ein bisschen zu einfach.

Wenn ich mein Bestes gebe und andere sind am Ende schneller, ist das eben so. Ich überlege aber auch, was nicht so gut gelaufen ist. Und ich fange mir schnell eine Erkältung ein. Dann kann ich nicht so gut sein wie die anderen, wenn sie gesund sind. Außerdem stimmt es nicht, dass ich noch kein Weltcuprennen in dieser Saison gewonnen hätte. Im Team waren wir sehr wohl erfolgreich. Zählt das nicht?

Was bedeutet es für Sie, dass Anni Friesinger bei dieser WM nicht mitlaufen möchte?

Das ist natürlich schade für Deutschland. Ich habe es am Anfang auch nicht ganz verstanden, weil sie früher immer gesagt hat: Die Mehrkampf-Weltmeisterin ist die Königin des Eisschnelllaufens. Da müsse man mitmachen und alles andere sei nebenher. So war sie eigentlich immer. Da hat mich ihre Absage schon gewundert.

Haben Sie mit ihr darüber gesprochen?

Nee, ich akzeptiere das so. Sie konzentriert sich eben auf die 1000 Meter. Und wenn es mit dem Einzeltitel klappt, hat sie alles richtig gemacht. Manchmal sage ich mir auch: In meinem nächsten Leben werde ich Sprinterin, dann bin ich eher fertig.

Das Gespräch führten Frank Bachner und Friedhard Teuffel.

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