Interview : Lucio: "Das Knie gehorcht mir wieder"

Herthas Brasilianer Lucio über die Mühen der Rehabilitation, Dankbarkeit und die Lust auf Bundesliga.

Sven Goldmann
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Comeback auf dem Kartoffelacker. Herthas Lucio im Testspiel gegen Swinemünde.Foto: Ottmar Winter

Bom Dia, Senhor Lucio, eigentlich wollten wir über Ihr Knie reden, aber lassen Sie uns kurz abschweifen. Wo haben Sie denn das blaue Auge her?



Sieht es schlimm aus? Ist ganz frisch, gerade im Training passiert, bei einem Zweikampf. Das ist ein gutes Zeichen.

Das blaue Auge?

Natürlich. Es zeigt mir, dass ich wieder voll dazugehöre. Die Kollegen schonen mich nicht, ich bin ein Spieler wie jeder andere. Das macht mich glücklich.

Niemand nimmt im Training Rücksicht darauf, dass da einer mitspielt, der um ein Haar Invalide geworden wäre?

Rücksicht? Wie sollte das denn funktionieren? Im Training passiert alles wahnsinnig schnell, der Trainer will Tempo sehen, da ist jeder mit sich selbst beschäftigt. Keiner kann es sich leisten, erst mal den Kopf zu heben und zu schauen, ob Lucio gerade in der Nähe ist. Entweder ich bin fit, dann mache ich das komplette Programm mit wie jeder andere. Oder ich bin verletzt, dann kann ich eben nur zuschauen. Ich bin froh, dass es so ist, wie es jetzt ist.

Vor 15 Monaten ist in Ihrem rechten Knie beim Spiel in Schalke so ziemlich alles kaputtgegangen, was kaputtgehen konnte. Haben Sie sich den Unfall mal auf Video angeschaut?

In diese Versuchung bin ich glücklicherweise nie gekommen, denn es gibt von dieser Szene kein Video. Ich bin nach einem Zweikampf mit dem Schuh im Rasen hängen geblieben, aber mein Körper hatte sich schon auf eine Drehung eingerichtet. Dabei ist es dann passiert, aber da war der Ball längst weg und die Fernsehkamera auch. Ich habe nur Fotos gesehen, wie ich vom Platz getragen wurde. Die waren schlimm genug.

Haben Sie die Röntgenbilder von Ihrem Knie aufgehoben?

Nein, damit will und möchte ich mich nicht weiter beschäftigen. Die Verletzung war gestern, heute bin ich gesund, morgen möchte ich wieder in der Bundesliga spielen. Am Anfang lief diese Szene immer mal wieder wie ein Film in meinem Kopf ab. Damals, als ich mit der Therapie begonnen habe. Aber das ist vorbei.

Der Weg dorthin war lang und schmerzvoll. Sie sind zweimal operiert worden und waren ein Jahr lang Stammgast beim Physiotherapeuten.

Das war eine schwere Zeit. Ich habe jeden Tag sieben Stunden lang in der Klinik gearbeitet, ich bin sogar zum Essen dageblieben. Das war richtig harte Arbeit und dazu eine sehr eintönige. Sieben Stunden lang dieselben Übungen, und das über einen Monat, dann gab es eine neue Übung. Wenn ich nach Hause gekommen bin, war ich so müde, dass ich mich kaum mit meiner Frau und meiner Tochter unterhalten konnte. Wahrscheinlich habe ich gar nicht gemerkt, wie liebevoll sie sich um mich gekümmert haben. Ich habe mir fest vorgenommen, das als gute Erinnerung an die Therapie mitzunehmen: dass mir so viele Leute geholfen haben. Meine Familie, die Physiotherapeuten und natürlich die Kollegen aus der Mannschaft, die mich immer aufgemuntert haben.

Wie schwer fiel es Ihnen, die Spiele Ihrer Mannschaft auf der Tribüne zu verfolgen?

Wenn man die ganze Woche mit den Physiotherapeuten arbeitet, freut man sich über jede Ablenkung. Die Spiele waren eine schöne Abwechslung.

Wie geht es dem Knie denn jetzt?

Gut. Es schmerzt nicht, es gehorcht mir wieder. Es sieht nach den beiden Operationen nicht mehr so schön wie früher aus, aber das ist nebensächlich.

Wann werden Sie Ihr Comeback in der Bundesliga geben?

Da setze ich mich nicht unter Druck. Auch das habe ich als etwas Positives aus dem letzten Jahr mitgenommen. Ich habe gelernt, mich zu organisieren, meine Grenzen zu erkennen, die Ungeduld zu bekämpfen. Ich bin lockerer geworden und mache mich nicht verrückt. Ich weiß, was geht und was nicht.

Im Dezember durften Sie ein paar Minuten im Uefa-Cup in Piräus mitmachen.

Das war mehr symbolisch. Es war schön, wieder das Trikot zu tragen, den Ball am Fuß zu führen, die ganze Atmosphäre zu spüren. Der nächste Schritt waren die Testspiele im Trainingslager, aber die Bundesliga ist noch mal ein anderes Niveau.

Trainer Lucien Favre sagt, Sie würden noch ein wenig zurückhaltend in die Zweikämpfe gehen.

Also, Angst habe ich nicht. Aber ich habe sehr lange nicht gespielt, und das intensive Training fordert sehr viel Kraft, die Belastung wird mit jedem Tag größer. Ich bin schon ziemlich erschöpft, es wird mit jedem Tag ein bisschen besser, aber die fehlende Spielpraxis kann man nicht so schnell aufholen. Ich bin jetzt bei etwa 70 Prozent meiner Leistungsfähigkeit.

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