Interview : Manfred Wolke: "Es muss jetzt rauchen im Boxverband"

Alle deutschen Boxer draußen: Nach dem Boxdebakel von Peking kritisiert der Goldmedaillengewinner und Erfolgstrainer Manfred Wolke im Gespräch mit Tagesspiegel Online den deutschen Boxverband.

DDR-Mannschaft 1972
Olympionike Wolke. Hier als Fahnenträger der DDR 1972. Vier Jahre zuvor hatte Wolke Gold gewonnen. Als Trainer führte er Henry...Foto: dpa

Herr Wolke, überrascht es Sie, dass die deutschen Boxer bei diesen Spielen die schlechteste Bilanz aller Zeiten eingefahren haben?

Für mich war das keine Überraschung, es läuft ja insgesamt nicht für die deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen. Aber dass es bei den Boxern so schlimm ausgehen wird, war schon eine Enttäuschung. Rustam Rahimow hat bei seiner Niederlage gar kein Bemühen gezeigt, den Kampf gewinnen zu wollen. Wenn es nicht läuft, muss man wenigstens das Letzte aus sich rausholen, aber das haben die deutschen Boxer nicht gemacht.

Sie haben Rahimows Kampf gesehen. Wie beurteilen Sie seinen Auftritt?

Es war ein nackter, einfacher, mit primitivsten Mitteln geführter Kampf. Er ist nur gesprungen und gesprungen und war dabei völlig ideenlos. An diesem letzten Kampf sieht man sehr gut, dass derzeit einfach zu wenig angeboten wird. Das schlägt sich dann auch im deutlichen Ergebnis von 2:11 nieder.

Sind nur individuelle Fehler für das schlechte Abschneiden verantwortlich, oder gibt es auch strukturelle Probleme?

Es liegt nur zum Teil an den Sportlern, auch der deutsche Boxsportverband hat Fehler gemacht. Bei den Amateuren muss wieder eine andere Leistungsebene geschaffen werden. Es sind ja kaum noch Boxer da, und wir haben ein riesiges Nachwuchsproblem. Das sieht man auch hier in Frankfurt/Oder, wo ich als Trainer arbeite. Jahrelang kamen Welt- und Europameister von hier. Bei diesen Spielen war niemand aus Frankfurt dabei.

Sie haben 1988 Henry Maske bei seinem Goldmedaillengewinn in Seoul trainiert. Was haben Sie damals anders gemacht?

Bei Henry war die gesamte Einstellung anders, für ihn gab es nur den Sport und dafür hat er sich zerrissen. Heute treffen die deutschen Boxer auf Kontrahenten aus Ländern, die unsere Einstellung von früher haben. Da offenbaren sich eben die Unterschiede, die man jetzt auch gesehen hat.

Aber Maske war doch auch besonders talentiert.

Natürlich muss man als Boxer auch das nötige Talent mitbringen, um vorne mitzukämpfen. Aber man muss eben auch gut geschult sein, und daran mangelt es zurzeit.

Welche Konsequenzen würden Sie ziehen?

Der deutsche Boxsportverband muss in sich gehen, nach den Spielen muss das große Aufräumen stattfinden. Wir brauchen wieder eine grundlegende, fundierte Ausbildung für die Sportler und eine klare Leitung und Lenkung von Verbandsseite. Es muss jetzt rauchen im Boxverband.

Das Interview führte Martin Gropp.

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