Interview : Marco Baldi: "Es gibt schon Kontakte zur NBA“

Geschäftsführer Marco Baldi spricht mit dem Tagesspiegel über Alba Berlins Perspektiven im Basketball, den Umzug in die neue Arena und den Angriff auf Europas Spitze.

Herr Baldi, Alba Berlin zieht in die neue Berliner Großarena am Ostbahnhof ein. Der Hallenvertrag gilt für mindestens 15 Jahre mit einer Option auf zehn weitere Jahre. Wo steht Alba in 25 Jahren?

Das Ziel ist, sich unter den besten 15 Teams in Europa zu etablieren, vielleicht auch mal ganz vorne zu landen und sich ins Final Four der Europaliga zu schieben. Dazu wollen wir die Faszination des Basketballs weiter popularisieren. Vielleicht öffnet sogar die NBA ihren abgeschotteten Markt. Das wäre schon eine interessante Herausforderung.

Hat NBA-Chef David Stern schon angerufen?

Es gibt schon Kontakte. Und es gab auch schon organisierte Vergleiche zwischen europäischen und NBA-Teams, in denen die Europäer einige Male auch gewonnen haben. Von diesen Spielen hat die NBA wieder Abstand genommen, zumal die NBA ihren Meister gerne als „World Champion“ bezeichnet. Da kann man Niederlagen nicht gebrauchen.

Wie realistisch ist es denn, dass Alba irgendwann Teil einer globalen NBA wird?

Ziel ist, unseren Zuschauern und Partnern Basketball auf dem höchstmöglichen Level anzubieten. Solange das die BBL und die Europaliga ist, werden wir alles unternehmen, Alba dort erfolgreich zu präsentieren. Sollte die NBA in Europa den höchsten Level darstellen, werden wir versuchen, dabei zu sein.

Wann soll Alba in der europäischen Spitze angekommen sein?

Wichtig ist nicht, dass man es mal, sondern dass man es dauerhaft schafft. Und zwar mit unseren Mitteln. Diese Mittel kann man nicht über Nacht so ausweiten, dass man sofort gegen Panathinaikos Athen bestehen kann. Das kann mal passieren, vielleicht schon nächste Saison. Bis wir uns dauerhaft in der europäischen Spitze etablieren, werden sicher fünf bis zehn Jahre ins Land gehen.

Wie wichtig ist die neue Halle bei dieser Entwicklung?

Sie spielt mit ihren vielfältigen Möglichkeiten eine große Rolle. Am Anfang kann es auch etwas holprig werden, denn die Zeit ist knapp. Aber zum ersten Spiel in die Max-Schmeling-Halle mussten die Leute in Gummistiefeln durch den Schlamm waten, weil das Land drumherum nicht erschlossen war.

Bislang gilt das Alba-Publikum als sehr fachkundig. Wird es künftig weniger um Basketball als um Show gehen?

Der Kern wird und muss der Sport bleiben. Der Rahmen ist wichtig – besonders was die wirtschaftliche Entwicklung angeht. Aber das Drumherum wird nicht dafür sorgen, dass Alba sich automatisch weiterentwickelt, es wird sehr auf unsere sportliche Performance ankommen.

Was erwartet den Fan überhaupt?

Es geht mit der exzellenten Verkehrsanbindung los, man kann jetzt auch aus Brandenburg schnell zu einem Spiel kommen, es gibt Parkplätze. Die Halle selbst wird eine gewisse Strahlkraft haben und bietet zudem einen erstklassigen Komfort. Das ist perfekt gestaltet, da haben die Amerikaner große Erfahrung.

Es wird jetzt also alles amerikanisiert?

Ich habe Zweifel, dass all deren Konzepte bei uns funktionieren. Wir dürfen nicht alles blind kopieren, nur weil wir gehört haben, dass etwas in Los Angeles funktioniert. Wir müssen unsere Angebote danach ausrichten, was die Leute von uns kennen, was sie wünschen und womit man Alba identifizieren kann. Wir sind stolz auf unsere Werte und werden sie weiter leben.

Welche Werte sind das denn?

Es hört sich vielleicht schlicht an. Aber es ist zentral, dass man seine Versprechen hält. Wenn man Leistungen für Fans und Partner verspricht, muss das bis ins Detail funktionieren. Da kann man nicht sagen, jetzt ist alles eine Nummer größer und solche Sachen sind nicht mehr so wichtig.

Was wird es definitiv nicht geben?

Bei manchen Gegnern wird der Lachsack eingeschaltet, wenn ein Freiwurf danebengeht. Das soll es bei uns nicht geben. Wir respektieren unseren Gegner und verhohnepiepeln ihn nicht. Wenn der Berliner es aber gut findet, dass auf dem Videowürfel einer „Clap your hands" macht, dann wird das irgendwann kommen – auch wenn ich es nicht gut finde.

Räumlich wird es eine größere Distanz zwischen Fans und Spielern geben.

Als wir noch in der Sömmeringhalle gespielt haben, konnte jeder, wenn er sich nach vorne gebeugt hat, den Spielern die Hose runterziehen. Bis ich an meinem Platz war, habe ich 46 Mal die Hand geschüttelt und kannte im Prinzip jeden.

Dann kam der Umzug in die Max-Schmeling-Halle, von West nach Ost ...

... da hieß es dann: „Seid Ihr wahnsinnig? Was sollen wir da? Da fahre ich nicht hin, die Halle ist zu groß.“ Trotzdem wurde die Max-Schmeling-Halle vom ersten Tag angenommen. Bei Veranstaltungen auf einem gewissen Niveau kann eben nicht jeder jeden anfassen. Die Nähe, die die Mannschaft bisher zu den Fans hatte, wird sie unter Garantie auch in der O2-World haben. Die Ausmaße sind andere, aber die Tribünen werden bis zum Spielfeldrand reichen, die Nähe ist gegeben.

Wie erleben Sie denn die Meinung der Fans zum Umzug?

Ganz unterschiedlich. Es gibt kritische Stimmen, aber es gibt auch die Meinung: Ich möchte einen Klub unterstützen, der angreift, der Mut hat. Obwohl noch keiner die Halle von innen sehen konnte, fliegen hier die Dauerkartenbestellungen ein. Interessant ist zu beobachten, wie Fans der anderen Bundesligisten reagieren: Sie beneiden uns um die neue Arena.

Dennoch wird es schwer werden, 15 000 Fans in die Halle zu locken. In der abgelaufenen Saison lag der Schnitt bei rund 7000.

Wenn wir glauben, nur weil wir in die O2-World gehen, steigt die Zuschauerzahl um 50 Prozent, dann haben wir uns geschnitten. Es wird Stück für Stück mit viel Arbeit und sportlicher Performance gehen. Die neue Halle wird uns wirtschaftlich besser stellen. Zunächst werden wir anstreben, unser Budget bis 2010 auf 10 Millionen Euro zu erhöhen. Nur so werden wir in die Qualität der Mannschaft investieren können.

Mit wem konkurriert Alba denn wirtschaftlich?

Was den Spielermarkt anbetrifft ist die Hierarchie klar: Es gibt die NBA, dann kommen sieben, acht Topklubs aus Europa wie ZSKA Moskau oder Panathinaikos Athen. Danach kommt ein breites Feld, in dem wir uns behaupten müssen. Der Wettbewerb ist extrem: Sasa Obradovic hat bei seinem neuen Klub BC Kiew einen gut dreimal so hohen Spieler-Etat wie wir und spielt dabei nicht in der Euroleague.

Bereitet Ihnen Albas Umzug in dieser Hinsicht auch Sorgen?

Ich wache nachts manchmal auf und denke: Mensch, wenig Zeit, wir gehen nicht in eine Arena, in der schon alles fertig ist. Das ist aber auch eine Riesenchance. Wir tun alles für unsere Entwicklung, doch der deutsche Basketball insgesamt muss sich auch bewegen.

Derzeit kann man nur bei BBL-TV im Internet Spiele sehen. Muss sich das ändern?

Es hat höchste Priorität, dass wir es als Liga bald schaffen, regelmäßig im Fernsehen stattzufinden. Wenn das in nächster Zeit nicht funktionieren sollte, müssen wir versuchen, es selber in die Hand zu nehmen. Von allen Spielen in der O2-World wird es eine TV-Produktion geben, die wir anbieten können. Auf unserer Homepage oder bei interessierten Sendern.

Zum Weg ganz nach oben gehören Stars. Albas Vorstandschef Axel Schweitzer träumt davon, Dirk Nowitzki an dessen Karriereende nach Berlin zu holen. Von wem träumen Sie?

Nowitzki wäre schon toll. Ich würde mir auch wünschen, in ein paar Jahren den ein oder anderen unserer Jugendspieler bei den Profis wiederzusehen. Ich habe vor kurzem meinen Schreibtisch aufgeräumt und das Angebot gefunden, das wir Nowitzki vor Jahren gemacht haben, als er noch in Würzburg war. Gerade wenn man so ein Jugendprogramm wie wir betreibt, wäre so ein Typ wie er von unschätzbarem Wert.

Das Gespräch führten Helen Ruwald und Lars Spannagel.

Marco Baldi, 46,

ist Geschäftsführer und Vizepräsident

von Alba Berlin.

Seit 1990 arbeitet

er beim Basketball- Bundesligisten, der jetzt in Berlins neue Großarena umzieht.

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