Interview : Maria Riesch: „Meine Eltern tun mir leid“

Sie ist seit langem Deutschlands beste Skifahrerin. Im vergangenen Jahr wurde Maria Riesch Weltmeisterin im Slalom. Bei den Olympischen Spielen startet die Vielseitige mit guten Chancen in allen alpinen Disziplinen. Rieschs Geburts- und Wohnort ist Garmisch-Partenkirchen. Im großen Tagesspiegel-Interview spricht die 25-Jährige über aggressiven Schnee, Gummiknie, Psychothriller und ihr Mordsdekolleté.

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Maria Riesch. -Foto: ddp

Frau Riesch, Sie sagten mal: „Tempo ist generell meine Sucht. Mit 130 die Piste runter ist ein unbeschreibliches Gefühl.“



130 km/h fühlen sich ja schon im Auto recht flott an. Es ist ein Wahnsinn, das auf zwei Brettern zu erleben, ein Geschwindigkeitsrausch, den man ohne den Schutzraum Auto viel intensiver spürt.

Erleben Sie diesen Rausch im Kopf oder im Körper?

Im Bauch spüre ich die Geschwindigkeit, wenn ich eine Senke runterfahre und richtig schnell bin. Oder ein schöner Sprung, 30, 40 Meter weit, wenn man drei Sekunden durch die Luft segelt – das ist cool. Im Kopf ist es eher die Herausforderung, aus Kurven möglichst viel Tempo rauszuholen.

Skirennläufer scheinen vom Tempo nicht loszukommen: Der frühere Gesamtweltcup-Sieger Luc Alphand fährt jetzt Autorallyes wie Paris–Dakar. Wie sieht denn Ihr Punktekonto in Flensburg aus?

Gut. Ich hatte zwar mal Punkte, aber die sind weg.

Lindsey Vonn, Ihre größte Konkurrentin bei Olympia und zugleich beste Freundin, hat schon zweimal den Führerschein verloren.

Das habe ich auch schon zweimal hinter mir. Wir sind auf unseren zwei Brettern so schnell unterwegs, da kommen einem 80 km/h im Auto eher langsam vor. Wenn es auf der Autobahn keine Begrenzung gibt, fahre ich manchmal 200. Und ich denke dabei nicht: Oh, jetzt fahre ich aber schnell! Doch wenn ich rechts auf der Spur ganz weit vorn zwei Autos sehe, dann fahre ich langsamer, man weiß ja nie, was denen einfällt. Auf unserer Autobahn von München nach Garmisch ist aber in der Regel nichts los. Die meisten Skifahrer fahren zügig Auto, sogar Slalomfahrer wie der Felix ...

... Sie meinen Felix Neureuther …

…der fährt schon recht flott. In einem Auto kann man eben diesen Geschwindigkeitsrausch vom Skifahren am ehesten nacherleben.

Ihr Schweizer Kollege Daniel Albrecht sagte kürzlich in einem Interview: „Als Skifahrer musst du verrückt sein.“ Stimmt das?

Bei den Herren auf jeden Fall. Die haben ja um einiges härtere Strecken als die Damen, die Abfahrten von Kitzbühel und Beaver Creek möchte ich nicht unbedingt in einem Rennen runterfahren. Einige Männer sagen ja selber: Als Familienvater sollte man in Kitzbühel nicht mehr an den Start gehen.
Die Damen sind also nicht verrückt?

Ein bisschen schon. Aber die Rennen der Herren sind einfach viel spektakulärer. Im deutschen Fernsehen wird Kitzbühel ja immer live übertragen, obwohl die deutschen Abfahrer selten ganz vorne dabei sind. Wir Frauen müssen schon froh sein, wenn sie den zweiten Durchgang zeigen. Dabei sind regelmäßig drei von uns unter den ersten zehn und fahren um den Sieg mit!

Hätten Sie die Abfahrten gern härter?

Vergangene Saison sind wir in Bansko gefahren, in Bulgarien. Die Abfahrt war unmöglich gesteckt, viel zu kurvig, das war ein Tempo wie im Riesenslalom. Die Organisatoren wollten auf Sicherheit gehen, und da haben wir Fahrerinnen schon gesagt: Das kann doch jetzt nicht euer Ernst sein!

Fühlen Sie sich gebremst?

Im Vergleich zu den Herren: ja. In Bansko haben Lindsey Vonn, Anja Persson und ich uns vor dem Rennen mit Atle Skardaal von der FIS getroffen, und er sagte: „Mädels, es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Verletzungsgefahr geringer ist, wenn man mit 80 km/h ins Netz fliegt als mit 110.“

In dieser Saison gab es so viele Verletzungen wie schon lange nicht mehr – da ist es doch vernünftig, das Tempo zu drosseln.

Das Tempo an sich ist nicht das Problem, es muss halt an gewissen Streckenpassagen dem Gelände angepasst sein. Um unseren Sport weniger gefährlich zu machen, müsste man woanders ansetzen, bei der Präparierung: In Aspen beim Slalom war die Strecke oben so eisig, dass man sich fast nicht halten konnte, da brauchte man messerscharfe Kanten, weil oben so viel Wasser in die Piste gespritzt wurde. Im Zielhang war der Schnee eher aggressiv. Jetzt fährt man aber mit den scharfen Kanten von oben in diesen Schnee rein – das ist gefährlich, da verreißt es einem die Ski.

Was ist denn aggressiver Schnee?

Aggressiven Schnee kennt eigentlich jeder, der schon mal Ski gefahren ist: Wenn man rutscht, hält er einen fest, die Kanten greifen sofort, er ist griffig. Der aggressive Schnee verzeiht nichts, nicht mal den kleinsten Fehler. Kunstschnee ist zum Beispiel sehr aggressiv. Als ich mir in Aspen das Kreuzband gerissen habe, war der Schnee brutal aggressiv, ich bin am Innenski ausgerutscht und dann haben meine Ski gegriffen und mit voller Wucht das Knie ausgedreht. Das passiert auf Eis nicht.

Ist das hohe Risiko beim Skifahren Teil der Faszination für die Geschwindigkeit?

Sicher macht das den Kitzel aus. Im Prinzip weiß ich im Unterbewusstsein jedes Mal, wenn ich oben aus dem Starthaus rausfahre: Die nächsten zwei Minuten bin ich eigentlich in Lebensgefahr, krass gesagt. Ein kleiner Fehler – und man stürzt.

Wie können Sie das wissen und trotzdem losfahren?

Man muss die Gefahr verdrängen. Die Angst führt zu Fehlern: Man zieht zum Beispiel bei einem Sprung zurück. Wenn ich schlimme Unfälle sehe, denke ich schon: Oh Mann, es geht so schnell, das kann mir morgen auch passieren. Aber in dem Moment ist das alles weg.

Haben Sie die Angst nach der schweren Verletzung überwunden?

Ja. Es braucht einfach Zeit. Man muss Rennpraxis bekommen, das Vertrauen wiederfinden. Ich habe versucht, diesen Prozess durch die Arbeit mit einem Sportpsychologen zu beschleunigen, der hat mir gesagt: Vertrau auf deine Stärken, schau dir Videos an von Rennen vor deiner Verletzung, wo du gut gefahren bist. Klingt logisch. Aber in dem Moment, wo du oben stehst, keine Bodensicht hast, es schneit und neblig ist, hilft es nichts, wenn ich weiß: Vor meinem Kreuzbandriss bin ich gut gefahren! Man muss sich da selber durchbeißen. Es war ein zähes Jahr, aber es hat geklappt.

Hilde Gerg erzählt, dass sie Sie zum ersten Mal aus dem Lift gesehen hat: Sie fuhren mit vollem Tempo über eine gefährliche Stelle, stürzten, rappelten sich gleich wieder auf und fuhren weiter.

Das war in St. Moritz, kurz vor Silvester 2000. Die Bodensicht war total schlecht. Ich habe einfach nicht gesehen, dass die Piste zu Ende war, ich hätte quer fahren müssen und dann zum Lift. Aber ich bin geradeaus weiter, war plötzlich in einer Buckelpiste, konnte nicht mehr bremsen. Dann kam ein Weg, auf dem bin ich dann runtergeknallt, mit dem Kopf nach hinten, über den Weg drüber geflogen, noch mal hingeknallt. Dann lag ich da und habe erst mal Sterne gesehen. Ich war total belämmert, zweimal auf den Hinterkopf aufgeschlagen, mit Helm natürlich. Gott sei Dank ist mir nichts passiert.

Der bleibende Eindruck bei Hilde Gerg war: Die Maria ist eine Draufgängerin.

Wer mit 120 eine Abfahrt runterbrettert, muss ein Draufgänger sein. Aber ich war früher – jung und unbekümmert – extremer. Im Rennen gebe ich alles, nur bei extremen Bedingungen ist dann doch wieder der Kopf stärker und sagt: Nee, riskieren wir jetzt mal nicht alles.

Daniel Albrecht hat durch einen schlimmen Sturz sein Gedächtnis verloren, nicht mal seine Freundin konnte er erkennen. Trotzdem fährt er wieder.

Ja, Skifahren ist seine Leidenschaft. Nach meinem zweiten Kreuzbandriss haben mich auch viele gefragt: Mensch, willst du dir das wirklich noch mal antun? Ich war 21 und dachte: Was soll ich denn sonst machen? Natürlich will ich mir das antun! Man hofft, wieder den Anschluss zu finden.

Als wir zu Ihnen in die Alpen fuhren, haben wir uns überlegt, ob es einen gefährlicheren Sport gibt als Ihren – uns ist keiner eingefallen.

Motorradrennen? Formel Eins ist ja fast sicher im Vergleich zu Skirennen – wie die da in die Wände reinrammen und dann aussteigen, als wäre nix …

Wenn Ihre Freundin Lindsey Vonn oder Ihre Schwester Susanne den Hang runterrasen – sind Sie da nervöser als bei sich selbst?

Bei der Lindsey nicht, die ist auf Abfahrtsski sicherer unterwegs als im täglichen Leben: Lindsey schneidet sich den Daumen ab beim Öffnen von Champagnerflaschen, haut sich den Kopf, wenn sie den Kofferraum zuschlägt, rutscht aus – sie sagt selbst, dass sie auf Abfahrtsski am besten aufgehoben ist. Sie hat Gummiknie, ich habe von der schon Bilder gesehen, wo ich gedacht habe: Da muss ja jetzt alles im Knie gerissen sein! Aber sie kann die Knie so verbiegen. Um meine Schwester mache ich mir mehr Sorgen. Zuschauen ist schlimm. Meine Eltern tun mir wirklich leid.

Die sind ja nicht ganz unschuldig: Schließlich sind Sie schon mit drei Jahren die Kandahar-Abfahrt runtergekurvt – eine Weltcup-Strecke.

Ich habe das Skifahren eben so gelernt wie das Laufen, das ist ganz normal in Garmisch.

Sie waren auch eine recht gute Tennisspielerin.

Bis ich zwölf oder 13 war, habe ich mit genauso viel Engagement und Ehrgeiz Tennis gespielt, wie ich Ski gefahren bin. Im Winter hat meine Mutter mich von der Schule abgeholt, die Skiklamotten waren im Auto, ich habe schnell ein Brot gegessen, dann rauf auf die Piste, Training von halb zwei bis halb fünf, mit der letzten Gondel oder Talabfahrt runter und direkt in die Tennishalle. Gegen halb sieben war ich zu Hause, Hausaufgaben machen.

Woran liegt es, dass wir Sie nun in Vancouver sehen und nicht in Wimbledon?

Ich hätte im Tennis keine Chance gehabt, da ist die Konkurrenz viel größer, weil das mehr Leute machen. In meinem Jahrgang spielten welche, gegen die ich nie hätte gewinnen können, und die waren bayernweit Platz zehn.

Ihre Schwester ist im Slalom eine echte Konkurrenz für Sie, der Ehrgeiz scheint in der Familie zu liegen.

Den haben wir von unserer Mutter: Mama spielt Tennis in der Damenmannschaft 50+, vor einem Spiel geht sie früh ins Bett und trinkt keinen Alkohol. Die Nervenstärke haben wir allerdings nicht von ihr. Sobald sie ein paar Fehler macht, trifft sie keinen Ball mehr. Mein Vater dagegen ist sehr nervenstark, der spielt auch Tennis und Tischtennis, der kann 0:5 zurückliegen und noch gewinnen.

Vor einem Rennen fahren Sie die Strecke im Kopf wieder und wieder ab, um den Lauf mental zu üben. Nehmen Sie uns mal auf eine Fahrt mit?

So wie ich das vor einem Rennen machen würde?

Genau.

Dann nehme ich Lake Louise in Kanada. Wir stehen am Start, es geht zunächst relativ lang grad runter. Es kommt die erste Kurve, nach links, die Kurve geht über eine Welle und macht ziemlich zu, ist also mehr als ein Halbkreis. Weiter zu einer Querfahrt nach rechts, leichte Wellen, es geht ein bisschen bergauf, dann nach links, wieder eine kleine Welle, rechts auf den ersten Sprung zu …

Während Sie reden, malen Ihre Hände die Kurven, und Ihr Körper geht leicht mit.

Wenn ich das vor dem Rennen mache, schließe ich dazu die Augen. Ich versetze mich eben richtig rein. Also: An der Ausfahrt vom Super-G-Teil geht es rüber zum Coaches Corner, da steht immer unser Abfahrtstrainer und …

… den können Sie erkennen?

Nein, auf die Trainer am Pistenrand kann ich bei über 100 km/h nicht auch noch achten. Wieder ein Sprung, Rechtskurve über den Sprung, es geht ins Wald-S, doppellinks, eine Welle …

Diese Abfahrt dauert normalerweise rund anderthalb Minuten – das Erzählen bräuchte viel länger, wenn Sie uns bis zum Ziel mitnähmen!

Wenn ich das für mich im Kopf durchgehe, fahre ich fast in Echtzeit, bis auf fünf Sekunden genau.

Frau Riesch, ein paar Entscheidungsfragen. Wenn Sie freihaben: Malediven oder Rocky Mountains?

Malediven. Wenn im März das letzte Rennen vorbei ist, will ich das Skizeug für ein paar Wochen mal nicht anrühren. Ich liebe das Inselfeeling, weißer Strand, blaues Meer, eine Woche mal auf der Liege Bücher lesen … Oder Cluburlaub, wo ich ein bisschen aktiv sein kann, mit Fitnessangebot.

„Bunte“ oder „Sport-Bild“?

Lieber „Bunte“, und am liebsten Bücher, gerade lese ich das Sachbuch „Generation Doof“, das ist ganz lustig. Und den Psychothriller „Todesschrei“. Zum Geburtstag hat meine Mutter mir die StiegLarsson-Trilogie geschenkt. Das ist so mein Ding.

Gegen wen verlieren Sie lieber: Ihre beste Freundin oder Ihre Schwester?

Gegen meine Schwester, denn die schlägt mich nur im Slalom, nicht im Gesamtweltcup.

Lindsey Vonn ist Ihre beste Freundin im Skisport, Sie feiern sogar gemeinsam Weihnachten. Was haben Sie sich in diesem Jahr geschenkt?

Sie mir ein Soundsystem für den iPod und ich ihr Ohrringe von Swarovski.

Das letzte Abfahrtsrennen vor Vancouver haben Sie gewonnen, davor war meist Lindsey Vonn als Erste im Ziel. Können Sie beide vor einem solchen Wettkampf wie den Olympischen Spielen eigentlich noch unbefangen miteinander umgehen?

Kurz vor den Rennen ist jeder auf sich fokussiert. Da gibt’s nicht mehr so viel Smalltalk, aber neben der Piste ist nach wie vor alles beim Alten.

Als Sie sich in jungen Jahren anfreundeten, haben Sie sich da gemeinsam ausgemalt, dass es einmal zu einem solchen Duell um Gold kommen würde?

Dass wir uns mehrere Jahre in Folge um den Gesamtweltcup streiten würden, mit so was rechnet man freilich nicht. Aber es ist klasse, dass wir jetzt gegeneinander um die Medaillen kämpfen.

Noch einige Entscheidungsfragen: Lieber in einem Formel-Eins-Wagen fahren oder bei einer Modenschau mitlaufen?

Ich hatte ja mit der Präsentation der Olympia-Kleidung schon so eine Art Modenschau, aber Prêt-à-porter? Vielleicht lieber nicht, da müsste ich ja auf Stilettos laufen. Also Formel Eins.

Was finden Ihre Eltern problematischer: wenn Sie mit 130 die Piste runterjagen oder leicht aufreizend für die Boulevardpresse posieren?

Mei, ich habe ja keine Fotos gemacht, die anstößig wären. Ski alpin ist eben nicht besonders populär in Deutschland, so kann ich ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für mich und den Sport bekommen. Außerdem machen mir Fotoshootings Spaß! Klar findet meine Mutter es nicht so gut, wenn ich mit einem Mordsdekolleté in der Zeitung bin – aber sie leidet doch mehr, wenn ich die Piste runterfahre.


Das Gespräch führten Anna Kemper und Benedikt Voigt

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