Interview Michael Skibbe : "Bayer 04 gehört in die Reihe der Top-Klubs"

Bayer Leverkusen hat eine erfolgreiche Vorrunde gespielt und begeisterte Fans wie Experten mit attraktivem Offensivfußball. Für Trainer Michael Skibbe ist mit seiner Mannschaft in Zukunft wieder zu rechnen. Der 42-Jährige verrät aber auch, was seinem Team noch fehlt, um ganz oben anzugreifen.

Michael Skibbe
Bayer-Trainer Michael Skibbe freut sich über einen Auswärtssieg. -Foto: ddp

Herr Skibbe, Ihr Team hat in der Vorrunde attraktiven Offensiv-Fußball geboten. Ist die Mannschaft auf dem Weg das Team von 2002, das Vizemeister wurde und im Finale der Champions League stand, zu beerben?

Wir möchten uns natürlich zu so einem Top-Team entwickeln, sind aber noch ein gutes Stück davon weg. Wir haben gegen die Spitzenmannschaften wie Hamburg, Bayern, Stuttgart oder Bremen keine Punkte geholt. Gegen Schalke haben wir unentschieden gespielt. Von 15 möglichen Zählern haben wir gegen die fünf Top-Teams nur einen einzigen geholt. Das zeigt, dass wir von den Besten der Liga noch ein Stück weit entfernt sind.

Woran liegt das?

Sicherlich an der Jugend vieler Spieler. Wir sind über volle 90 Minuten nicht in der Lage, konkurrenzfähig zu sein. Und an der mangelhaften Chancenauswertung, das hat uns gerade in diesen Spielen das Genick gebrochen.

Lassen wir mal die Schwächen gegen die Spitzenteams außen vor. Was macht den derzeitigen Erfolg ihrer Mannschaft aus?

Wir versuchen attraktiv und mutig nach vorne zu spielen. Trotzdem arbeiten wir auch gemeinschaftlich gut nach hinten. Wir haben eine gute, homogene Mannschaft zusammen.

Sie haben es bereits gesagt. Ihr Team besteht aus vielen guten jungen Spielern wie René Adler, Gonzalo Castro, Stefan Kießling oder Simon Rolfes. Ärgert es Sie, dass dies in der Öffentlichkeit nicht so gewürdigt wird, wie etwa in Stuttgart, wo viel über die "jungen Wilden" gesprochen wird?

Ich glaube, dass wir sehr wohl wahrgenommen und auch gut wahrgenommen werden in Fußball-Deutschland. Ob das im öffentlichen Bereich so ist, weiß ich nicht. Die anderen Trainerkollegen und Vereine in der Liga bestätigen mir aber, dass wir ein spielstarkes und gutes Team haben, mit dem hoffentlich wieder zu rechnen ist in nächster Zeit.

Ist das der Ansatz von Bayer, in Zukunft weiter auf hungrige, junge Spieler zu setzen?

Diesen Weg gehen wir schon seit einer Weile. Wir geben jungen Spielern das Vertrauen, sich bei uns weiter zu entwickeln. Das klappt auch gut. Nächstes Jahr wird in Patrick Helmes (noch 1. FC Köln, Anm. d. Red.) ein weiterer junger Spieler mit guter Perspektive unsere Offensive verstärken.

Nur mit jungen Spielern geht es sicherlich nicht. Sie haben in Bernd Schneider oder Sergej Barbarez auch alte erfahrene Haudegen im Team. Wie wichtig ist etwa ein Spieler wie Barbarez, für dessen Vertragsverlängerung Sie sich stark gemacht haben?

Sergej ist natürlich ein sehr wichtiger Spieler für uns. Gerade in der Phase als Bernd Schneider schon früh in der Saison ausgefallen ist, hat er die Jungs sehr gut geführt, hat auf dem Spielfeld die Kommandos gegeben. Er hat bewiesen, dass er mit 36 Jahren in der Bundesliga noch top Leistung bringen und ein Mannschaft führen kann.

Warum war er am Anfang nicht so wohl gelitten, die Fans haben ihn teilweise sogar ausgepfiffen?

Das liegt sicherlich an seiner Spielweise, die sehr mutig und offensiv ausgerichtet ist, das birgt natürlich auch Risiken. Außerdem wurde in den Medien lange Zeit darüber berichtet, dass Barbarez mehr mit den Gedanken in Hamburg ist, wo die Familie lebt, und nur nach Leverkusen gekommen ist, um Geld abzukassieren.

In der Mannschaft war er doch anfänglich auch nicht ganz unumstritten?

Nein, in der Mannschaft war er vom ersten Tag voll akzeptiert. Er hat auch eine gute erste Saison bei Bayer Leverkusen gespielt, trotzdem ist er von den Medien und den Zuschauern sehr kritisch beobachtet worden.

Was erwarten Sie von ihrem Team in der Rückrunde. Ist noch ein Champions-League-Platz drin?

Ich denke, wir haben genug damit zu tun, den vierten Platz zu verteidigen. Die Mannschaften, die hinter uns stehen, sind sehr stark und haben auch nur ein bis drei Punkte Rückstand auf uns. Der Start in die Rückrunde wird für uns sehr schwer, da wir personell einen ziemlichen Aderlass haben.

Sie haben gleich zu Beginn zwei schwere Heimspiele gegen den HSV und Schalke 04, also zwei direkte Konkurrenten im Kampf um die internationalen Startplätze …

…und auswärts müssen wir in Cottbus und Karlsruhe ran. Das wird ein Start von Null auf Hundert. Da müssen wir hellwach sein.

Sie sind jetzt in Ihrer dritten Saison bei Bayer Leverkusen. Ist dies Ihre bislang schönste?

Das würde ich so nicht sagen. Die zweieinhalb Jahre, die ich jetzt hier bin, waren insgesamt sehr schön. Mal mit besseren, mal mit schlechteren Phasen, die man immer mal hat. Diese Saison hatten wir zum Beispiel auch einen ganz schlechten Auftakt mit der Pokalniederlage bei St. Pauli, dem Remis zu Hause gegen Cottubs, und beim HSV haben wir verloren. Doch dann haben wir uns gut entwickelt. Vor anderthalb Jahren haben wir eine super Rückrunde gespielt und 33 Punkte geholt, nachdem wir in der Vorrunde nur 19 hatten. Es gibt immer bessere und weniger schöne Phasen. Insgesamt fühle ich mich sehr wohl.

Sie sind in Gelsenkirchen geboren, haben für Schalke gespielt und Dortmund trainiert. Empfinden Sie es nicht als Kulturschock, in Leverkusen zu arbeiten?

Nein, ganz im Gegenteil. Das ist ein hochprofessioneller Klub. In unseren Heimspielen haben wir die Hütte immer voll und eine ganz tolle Atmosphäre. Schalke und Dortmund sind sicherlich Top-Klubs, doch in diese Reihe gehört auch Bayer 04.

Die BayArena wird ja jetzt vergrößert. Ist dies nicht ein Wettbewerbsnachteil, wenn Bayer Leverkusen in der Umbauphase nach Düsseldorf ausweichen muss?

Das wird hoffentlich nur selten der Fall sein. Wir werden nicht grundsätzlich nach Düsseldorf ausweichen, sondern nur wenn für den ein oder anderen Fall die Sicherheit im Stadion nicht gewährleistet ist.

Sie machen nach außen immer einen sehr ruhigen und freundlichen Eindruck. Können Sie auch anders?

Ich bin sicherlich ein sehr ausgeglichener Mensch. Auf der anderen Seite bin ich aber nicht konfliktscheu und muss meine Entscheidung als Trainer treffen.

Sie arbeiten mit Bayer-Sportdirektor Rudi Völler zusammen, unter dem Sie bereits Co-Trainer bei der Nationalmannschaft waren. Wie würden Sie ihre Zusammenarbeit beschreiben?

Ganz klar freundschaftlich, deshalb auch besonders kritisch, weil man sich unter Freunden besser die Wahrheit sagen kann. Außerdem haben wir eine nahezu identische Auffassung über Fußball. Das war schon zu den Zeiten so, als wir zusammen die Nationalmannschaft trainiert haben. Wir arbeiten sehr gerne zusammen. Er trifft seine Entscheidungen als Sportdirektor, ich als Trainer, und das ist auch nicht austauschbar.

Gibt es denn im knallharten Bundesligageschäft auch Freundschaften zwischen den Trainern?

Das Verhältnis ist gut, teilweise freundschaftlich. Wer Freund ist, muss aber nicht in der Zeitung stehen. Die Trainergilde ist sicherlich ein ganz homogenes Gebilde, da sich die Alterstruktur angeglichen hat. Viele Trainer sind zwischen 40 und 50 Jahre alt, und die meisten kennen sich schon viele Jahre. Sicher gibt es auch mal Situationen, wo man aneinander rauscht.

In der nächsten Saison wird ein neuer Trainer in die Bundesliga kommen. Wie beurteilen Sie die Rückkehr von Jürgen Klinsmann zu Bayern München?

Das wird für ihn eine ganz interessante Aufgabe sein, die Bayern zu trainieren. Er wird sich sicherlich darauf freuen, und wir freuen uns, Jürgen wieder in der Bundesliga zu sehen.

Wer wird am Ende die Nase im Meisterschaftskampf vorne haben?

Ich habe vor der Saison schon auf Werder Bremen getippt, auch wenn es immer hieß: die Bayern, die Bayern, die Bayern. Und ich bleibe auch jetzt dabei: Werder Bremen wird Deutscher Meister.

Das Interview mit Michael Skibbe führte Matthias Bossaller

Der 18. Spieltag

Hansa Rostock - Bayern München  (Freitag 20.30 Uhr)

Energie Cottbus - Bayer Leverkusen

Karlsruher SC - 1. FC Nürnberg

MSV Duisburg - Borussia Dortmund

Hamburger SV - Hannover 96

Hertha BSC - Eintracht Frankfurt

Arminia Bielefeld - VfL Wolfsburg (alle Samstag 15.30 Uhr)

FC Schalke 04 - VfB Stuttgart

Werder Bremen - VfL Bochum (beide Sonntag 17 Uhr)

 

 

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