• Interview mit 800-Meter-Europameister Nils Schumann: "Jeder muss ein bisschen Angst haben vor mir"

Sport : Interview mit 800-Meter-Europameister Nils Schumann: "Jeder muss ein bisschen Angst haben vor mir"

Wie groß sind die Chancen auf einen Coup wie

Nils Schumann (21) hat bei den Europameisterschaften 1998 sensationell den Titel über 800m gewonnen. Schumann, der für den Türinger Klub SV Großengottern startet, hatte schon bei der Hallen-EM 1998 mit dem Titelgewinn überrascht. Mit ihm sprach Frank Bachner.

Wie groß sind die Chancen auf einen Coup wie bei der EM 1998?

Das Niveau in Sevilla wird erheblich höher sein als in Budapest bei der EM. Deshalb wird es um einiges schwieriger werden, dort einen Coup zu landen. Mein Ziel ist erst mal, ins Finale vorzurücken. Das allein wird schon sehr hart werden. Vor dem Finale sind ja schon drei Läufe, und wer dann im Finale steht, der hat schon einiges in der Knochen.

Ihre Saisonbestzeit steht bei 1:45,05 Minuten. Wie weit kommt man mit dieser Zeit in einem schnellen WM-Finale?

In Sevilla muß man schon schnelle Zeiten laufen, um eine Chance auf den Titel zu haben. Es geht zwar erst mal um die Platzierungen, aber trotzdem wird da ganz schön Gas gegeben. Wenn es für mich optimal läuft, das heißt, wenn das Rennen gleichmäßig ist und man nicht so viel Führungsarbeit leisten muß, dann denke ich schon, dass ich unter 1:45 komme und sogar noch schneller als 1:44,5 laufen kann.

1:44,5 wäre persönliche Bestleistung.

Die Zeit hätte ich eigentlich schon in Köln laufen können, aber da habe ich ein paar taktische Fehler gemacht, und deshalb kam, in Anführungsstrichen, nur Platz zwei mit 1:45,05 Minuten raus.

Die Konkurrenz weiß ja nun, dass Sie einen schnellen Spurt haben. Das Überraschungsmoment ist weg. Ein großes Handicap?

Sicher, die Konkurrenz kennt mich, aber ich bin ja sowieso kein Top-Favorit. In der Weltrangliste stehen einige vor mir, und deshalb habe ich wieder eine Chance. Und ein Rennen ohne Hase kommt mir doch entgegen. Deshalb muss jeder ein bisschen Angst haben vor mir. In so einem Rennen kann ich mich ganz gut motivieren. Da kann jeder von mir auch mal geschlagen werden.

Es kommt Ihnen ja eher entgegen, dass Sie die Top-Favoriten-Rolle nicht haben.

Zweifellos. Ich bin ja nicht mal unter den besten Zehn der Weltrangliste. Allein schon deshalb wird das Hauptaugenmerk nicht auf mir liegen. Aber natürlich sind auch ein paar durch meinen EM-Sieg etwas vorsichtiger geworden. Das ist aber auch okay so, ich hoffe ja auch, dass ich gegenüber letztem Jahr stärker geworden bin.

Die Masse der Fans wird Sie gleichwohl in die Favoritenrolle heben. Wie stark belastet Sie dieser Druck?

Jetzt ist es schon anders als vor der EM. In Budapest konnte ich unbeschwert auftreten. Damals hat mich kaum einer beachtet, da war jeder ja schon froh, wenn ich weitergekommen bin. Und als ich dann gewonnen habe, war das eine unglaubliche Überraschung. Aber so etwas wird es nicht nochmal geben. Ich werde jetzt anders angekündigt, die Leute haben eine höhere Erwartungshaltung, aber das ist auch ganz gut so. Das ist ja schließlich der Lohn für eine gute Leistung. Mit dem Druck muss man halt klarkommen. Und so schlimm ist der auch nicht.

Sie haben in Budapest Weltmeister und Weltrekordler Wilson Kipketer geschlagen und im EM-Finale angeblich behindert. Wie begegnet er Ihnen heute?

Eigentlich ganz normal. Ich habe ihn in Rom zum letzten Mal gesehen, da haben wir uns per Handschlag begrüßt. In Budapest war er nicht in Bestform, das war einer der Gründe, weshalb er verloren hat. Und, Gott, ja, so eine Rangelei wird es über 800 m immer mal geben. Auch bei der WM wirds einige Szenen geben, die an die Grenze zur Rangelei gehen. Aber ich versuche, immer fair zu gewinnen. Budapest war Pech und ein Versehen. Am Ende hat die Jury entschieden, dass ich nicht gerangelt habe. Damit war für mich das Thema abgehakt.

Sie haben noch nicht die Kraft, ständig sehr gute Zeiten zu laufen. Betrachtet man den Europameister Schumann in der Szene dennoch als Weltklase-Athleten?

Ich bin jetzt 21, und da ist man einfach noch nicht fähig, eine 1:43 zu laufen und ständig ein Golden-League-Meeting zu gewinnen. Aber mein Niveau ist jetzt erheblich besser als 1998. Ich kann konstanter schneller Zeiten laufen. Nur, wie Kipketer die Golden League komplett zu machen und dann noch die WM zu bewältigen, dafür fehlt mir einfach noch die Kraft. Aber bei einer Weltmeisterschaft zählt nur, wer am Ende vorne steht.

Ihre Kraft könnte allerdings jetzt schon ausgeprägter sein. Ihr Trainer Dieter Herrmann sagt, er müsse Sie im Training immer noch antreiben.

Das Training läuft eigentlich ganz gut, aber ich hatte 1998 auch Verletzungspech. Da war ich 15 Wochen lang außer Gefecht und konnte deshalb nicht so viele Kilometer machen wie geplant. Das holt man auch nicht so schnell auf. In diesem Jahr habe ich ein bisschen mehr Umfang gemacht, aber die Defizite sind einfach da. Ich habe ja noch einige Jahre Zeit. Ich bin noch nicht unruhig.

Wie kommen Sie denn mit dem Rummel um Ihre Person klar?

Eigentlich ganz gut. Man hat aber natürlich auch mal einen schlechten Tag, da ist man dann eher gereizt. Oder wenn mich die Leute auf meinen Handy anrufen, wenn ich mittags ein bisschen schlafen möchte, dann ist es auch schon nervend. Aber im Großen und Ganzen ist alles in Ordnung. Der Rummel ist ja nicht so groß wie bei Fußball-Profis.

Inwieweit hat sich denn Ihr EM-Titel ausgewirkt?

Ich werde wohl am 1. September in der "Harald-Schmidt-Show" auftreten, solche Sachen. In Köln, beim Meeting, haben mich sehr viele Zuschauer erkannt und wollten Autogramme, das war schon schön.

Weniger schön war, dass Sie nach dem EM-Titel Lehrgeld bezahlen mussten. Sie tingelten von einem Termin zum nächsten, und bei der Hallen-WM war plötzlich ihr Konkurrent Nico Motchebon die große deutsche Nummer. Der holte Bronze.

Nach so einem EM-Sieg ist man natürlich erst mal überglücklich. Dann war auch recht bald die Saison zu Ende. Ich habe dann ein bisschen Urlaub gemacht, und man denkt, es geht alles so weiter und man braucht eigentlich nicht mehr viel zu machen. Aber Leistungssport ist halt ein schwieriges Geschäft. Nico hatte gut trainiert, und als Europameister muss man halt die ganzen Rennen bestreiten. Das hat mich auch ein wenig belastet. Aber ich habe daraus gelernt, und ich denke, ich mache es jetzt besser.

Was machen Sie denn besser?

Ich konzentriere mich mehr aufs Training und nicht mehr so sehr auf Interviews.

Sie würden gerne mal den Schauspieler Bruce Willis kennenlernen. Was wollen Sie denn von dem wissen?

Mich interessiert, ob er im normalen Leben auch so ein cooler, knallharter Typ ist wie in seinen Filmen. Der ist eine Persönlichkeit. Er ist so, wie ich gern sein würde, deshalb würde ich ihn gerne mal kennen lernen.

Welche Leute, die Ihnen auch einiges bedeuten, haben Sie denn schon persönlich kennen gelernt?

Ehemalige Fußballer aus Dortmunder Zeiten oder den deutschen 800-m-Rekordhalter Willi Wülbeck. Und Helmut Kohl habe ich schon mal die Hand gegeben. Das war alles gar nicht so schlecht.

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