Interview mit Fifa-Experte Jerome Champagne : „Die Uefa hat blockiert“

Der ehemalige stellvertretende Fifa-Generalsekretär Jerome Champagne prangert den fehlenden Reformeifer der Europäer im Fußball-Weltverband an. An den Skandalen rund um die Fifa gibt er der Uefa indirekt eine Mitschuld.

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Jerome Champagne, 57, war von 1999 bis 2010 in mehreren Fifa-Positionen tätig. Der Franzose kandidierte zuletzt erfolglos als Fifa-Präsident.
Jerome Champagne, 57, war von 1999 bis 2010 in mehreren Fifa-Positionen tätig. Der Franzose kandidierte zuletzt erfolglos als...Foto: picture alliance / dpa

Monsieur Champagne, haben Sie sich schon entschieden, ob Sie erneut als Fifa-Präsident kandidieren?

Nein, ich beobachte noch die Situation und die Entwicklungen. Aber ich schließe weiter nichts aus.

Führen Sie im Hintergrund Gespräche, wer Ihre Kandidatur unterstützen würde?

Es geht nicht um die Unterstützung für Personen, sondern für Programme und Visionen.

Aber Sie haben Gespräche geführt?

Ja.

Joseph Blatter hat am 2. Juni angekündigt, bei einer Neuwahl nicht mehr als Präsident des Weltverbandes zu kandidieren. Doch seitdem hat sich kaum jemand öffentlich um das Amt beworben. Warum?

Es ist zu früh, lassen Sie uns abwarten. Bis jetzt gibt es ja noch kein Datum für den Wahlkongress, das wird erst am 20. Juli festgelegt.

Bisher haben sich nur wenig seriös wirkende Kandidaten wie der Brasilianer Zico, der Liberianer Musa Bility und der Argentinier Diego Maradona getraut. Was halten Sie von den Kandidaten?

Es ist nicht mein Job, jede Aussage zu kommentieren. Es geht um Fußball, nicht Politik. Wir brauchen jemanden, der die Kontinente versöhnt und von allen akzeptiert wird. Es geht um Programme. Und bei der letzten Wahl war ich der einzige Kandidat, der ein richtiges Programm präsentiert hat.

Es gibt Gerüchte, Blatter überlege Präsident zu bleiben. Eine gute Idee?

Die Fifa hat alles Relevante am 2. Juni gesagt. Ich bleibe dabei, wir müssen nach vorne schauen, reformieren und beibehalten, was gut war. Der Rest sind Spekulationen.

Der europäische Verband tagt am Montag und Dienstag in Prag und bespricht das weitere Vorgehen in Sachen Fifa. Glauben sie, Uefa-Chef Michel Platini könnte kandidieren?

Noch einmal, die Wahl sollte sich nicht um Personen drehen, sondern um Programme.

Na gut. Wie lautet denn Ihr Programm?

Die Fifa braucht Reformen, aber muss alle Länder unter einem Dach halten. Da haben sich in den letzten Wochen große Gräben aufgetan, wir müssen die Verbände miteinander versöhnen. Wir brauchen mehr Transparenz, Korruptionsvorwürfe können wir uns nicht leisten. Als Kandidat war ich dafür, die Macht von Kontinental- an Nationalverbände zu übertragen. Die Länder sollten die Besetzung des Exekutivkomitees der Fifa bestimmen und nicht die sechs Konföderationen.

Ähnliches schlug Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), zuletzt in einem Zehn-Punkte-Plan vor. Was halten Sie davon?

Ich war sehr froh, als ich Herrn Niersbachs offenen Brief las. Dasselbe sage ich ja seit Jahren. Aber es war ja die Uefa, die 2013 dagegen war, alle Exko-Mitglieder auf ihre Integrität prüfen zu lassen. Amtszeitbegrenzungen wollte die Uefa auch nur für den Präsidenten, doch die sollten für alle gelten.

In Europa gilt die Uefa öffentlich als Reformkraft. Ist dem nicht so?

Sie hat in der Vergangenheit jedenfalls Reformen blockiert. Wir sollten zum Beispiel alle Gehälter veröffentlichen, auch die der Uefa. Und die Korruptionsvorwürfe um die EM 2012 sind bis heute nicht aufgeklärt. Die Leser des Tagesspiegels sollten wissen, dass die Fifa nicht für alles verantwortlich ist. Es sind die Kontinentalverbände, die das Exekutivkomitee kontrollieren, nicht die Fifa.

Ist der Kongress mit den 209 Mitgliedern denn so viel besser? Mit seinem System ein Land, eine Stimme, egal wie groß oder klein?

Ich verstehe, dass der DFB mit seinem 6,8 Millionen Mitglieder Probleme damit hat, dieselbe Stimme zu haben wie ein Land, dessen Bevölkerung kein Bundesligastadion füllen könnte. Aber Deutschland hat viele Vertreter in den technischen Komitees und auch im Exekutivkomitee viel Einfluss. Eine andere Stimmgewichtung, nach Bevölkerung oder Anzahl der Fußballer, wie Niersbach anregt, ist problematisch. China hat wahrscheinlich mehr als 6,8 Millionen Fußballer, aber die sind nicht alle registriert. Ein Land, eine Stimme ist nicht das Problem.

Also eher die Entwicklungsprogramme, mit denen die Stimmen der kleinen Länder gekauft werden?
Viele Leute stellen sich das so vor, als säße Herr Blatter in seinem Büro und verteile Geld, um Stimmen zu bekommen. Aber so ist es nicht, es gibt dafür ein Entwicklungskomitee, in dem auch Uefa-Chef Platini sitzt.

Aber sollte das Geld nicht nach Bedarf verteilt werden? Montserrat erhält mehr Förderung als etwa die USA.

Bei einer kleinen Karibikinsel denken viele Leute, die bräuchten weniger Geld, weil sie weniger Fußballer haben. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Sie haben kaum Sponsoren, aber müssen ständig mit Flugzeugen reisen, um an Wettbewerben teilzunehmen. Das ist das Paradoxe, gerade weil sie kleiner sind, brauchen sie mehr Geld. Wir brauchen sogar noch mehr Fördergelder, um Ungleichgewichte zu beseitigen.

Aber viel Geld landet in den Taschen korrupter Funktionäre.

Ihre Aussage beruht auf keiner Statistik. Natürlich muss streng kontrolliert werden, aber Deutschland schafft seine Sozialsysteme ja auch nicht ab, weil sie einige missbrauchen.

Der Brasilianer Zico will erst kandidieren, wenn Bewerber nicht mehr Unterstützung von fünf Nationalverbänden brauchen. Sie sind daran bei der letzten Wahl gescheitert. Sollte das wieder geändert werden?

Das war 2013 ein Vorschlag der Uefa, um die Zahl der Kandidaten und die demokratische Debatte einzudämmen. Vorher war nur ein Brief aus einem Land nötig, die Uefa forderte zehn. Jetzt ist es schwer, das wieder zu ändern.

Warum könnte denn nicht jemand von außerhalb Fifa-Präsident werden? Jemand, der für einen sauberen Neuanfang ohne alte Seilschaften steht?

Die Statuten sind da klar, ein Kandidat muss in zwei der letzten fünf Jahre eine aktive Rolle im Fußball gespielt haben.

Das klingt alles, als wollten Sie doch kandieren. Warum wollen Sie überhaupt zurück in die Fifa, bei dem Image?

Weil wir die Fifa brauchen. Fußball verbindet Menschen. Wir brauchen die Fifa in einer Welt, in dem ein Prozent alles hat und 99 Prozent leiden. Die Fifa ist auch nicht so schlecht wie ihr Ruf, auch wenn sie sich verbessern muss.

Obwohl sie 2010 als Generalsekretär gehen mussten?

Ich wurde aus der Fifa gedrängt, weil ich mich gegen Mohamed bin Hamman und die asiatische Föderation AFC gestellt habe, die einige korrupte Verbandschefs beschützten. Ich sage weiter: Die Kontinentalverbände haben zu viel Macht.

Eine neuer Fußball-Weltverband wäre also keine gute Idee?

Nein, das ist lächerlich. Wer die Fifa auflösen möchte, der möchte nur seinen eigenen Interessen nutzen, nicht dem Weltfußball.

Gegen die Fifa wird derzeit in den USA und der Schweiz ermittelt. Beunruhigt Sie das?

Nein, wir müssen aufräumen. Aber die meisten Ermittlungen drehen sich nicht gegen die Fifa, sondern die Konföderationen.

Wurden Sie selbst schon von Ermittlern befragt?

Nein.

Sie kennen Joseph Blatter sehr gut. Er sprach zuletzt von Reformen. Teilt er Ihre Visionen?

Blatter sagte, er arbeitet an Reformen, an mehr Kontrollen und Transparenz, wie Niersbach auch fordert. Davon habe ich schon lange gesprochen, wenn sie nun dasselbe sage, bin ich damit einverstanden.

Mittlerweile steht fast jede der letzten WM-Vergaben unter Verdacht, außer dem Turnier in Deutschland 2006. Haben Sie in Ihrer Zeit bei der Fifa Ungereimtheiten dort mitbekommen?

Die Diskussionen gibt es ja nicht zum ersten Mal. Ich habe auch nur gelesen von dem ozeanischen Verbandschef, der 2000 die Abstimmung vorzeitig verließ, von Deals mit Bin Hamman, Saudi Arabien und der Uefa. Fakt ist, dass Deutschland eine großartige WM organisiert hat. Jetzt müssen wir uns auf die Zukunft konzentrieren. Wir dürfen nicht das Gefühl geben, Europa sei besser als andere, Korruption gibt es überall. Wir brauchen einen starken deutschen Verband und eine starke Fifa.

Das Gespräch führte Dominik Bardow.

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