Interview mit Füchse-Sportkoordinator : Volker Zerbe: "Ich war am Boden"

Der neue Füchse-Sportkoordinator Volker Zerbe spricht im Interview über seinen Abschied aus Lemgo und seine Aufgabe in Berlin.

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Volker Zerbe (r.), 45, erzielte in 586 Bundesligaspielen für Lemgo 1977 Tore. Seit Juni arbeitet er als Sportkoordinator für Bob Hanning (l.) und den Handball-Bundesligisten Füchse Berlin.
Volker Zerbe (r.), 45, erzielte in 586 Bundesligaspielen für Lemgo 1977 Tore. Seit Juni arbeitet er als Sportkoordinator für Bob...Foto: Jürgen Engler

Herr Zerbe, was hat Berlin, was Barcelona nicht hat?

Sie stellen ja Fragen. Wie kommen Sie denn darauf?

Zu aktiven Zeiten haben Sie sogar ein Angebot des FC Barcelona abgelehnt, damit Sie bei ihrem Heimatverein TBV Lemgo bleiben können, für den Sie mehr als 20 Jahre in verschiedenen Funktionen gearbeitet haben. Vor wenigen Wochen wurden Sie dann ziemlich überraschend als neuer Sportkoordinator bei den Füchsen Berlin vorgestellt.

Ich hatte in meiner aktiven Karriere mehrere Angebote aus dem Ausland, das aus Barcelona war das letzte große. Ich habe mich damals dagegen entschieden, weil die Situation mit der heutigen nicht vergleichbar war. Einerseits lief es sportlich sehr gut, wir hatten eine super Mannschaft in Lemgo. Andererseits sind meine Kinder damals noch zur Schule gegangen, da wollten wir keinen Wechsel mehr vornehmen. Außerdem war schon absehbar, dass ich meine Karriere sehr bald beenden und dann in die Geschäftsstelle des TBV wechseln würde. Der Zeitpunkt war einfach ungünstig.

Welche Faktoren waren ausschlaggebend für den Wechsel nach Berlin?

Zum einen die handelnden Personen. Ich kenne Bob Hanning seit vielen Jahren und schätze seine Fachkenntnis und seinen Umgang mit Menschen, das gleiche gilt für Dagur Sigurdsson. Zum anderen sind das Konzept und die Philosophie der Füchse Berlin einfach einmalig.

Bob Hanning hat Sie bei Ihrer Vorstellung den „langweiligsten Menschen der Welt“ genannt – und Sie haben darüber lachen können.

Weil ich wusste, wie er es meint. Ich habe meine Heimatstadt Lemgo – abgesehen von Urlauben, Auswärtsspielen und internationalen Turnieren – nie verlassen, besitze dort ein Haus, bin in erster Ehe verheiratet, habe zwei Kinder, sprich: Ich bin ein sehr bodenständiger Mensch. Dieser Punkt war, glaube ich, den Verantwortlichen in Berlin sehr wichtig.

Die Stelle des Sportkoordinators haben die Füchse extra für Sie geschaffen, Sie haben bei Ihrer Präsentation sogar „zugeschnitten“ gesagt. Wie wird Ihr Aufgabengebiet konkret aussehen?

Im sportlichen Bereich werde ich fast immer beim Training der Profis sein und natürlich auch die Nachwuchsteams im Auge behalten. Auch bei der taktischen Spielvorbereitung und Analyse, die vom bisherigen Co-Trainer Alexander Haase gemacht wurde, unterstütze ich. Ebenso wird man mich regelmäßig in der Geschäftsstelle antreffen. Als gelernter Bankkaufmann und langjähriger Geschäftsführer eines Bundesligisten will ich meine Stärken auch in diesem Bereich einbringen und Bob Hanning entlasten.

Und dann verantworten Sie als Trainer ja noch die B-Jugend des Klubs, die gerade die deutsche Meisterschaft gewonnen hat. Wie waren die ersten Einheiten?

Zunächst einmal war es für mich neu, dass die Profis gemeinsam mit der zweiten Mannschaft und der A-, B- und C-Jugend ins Trainingslager fahren. Das zeigt aber auch die Philosophie des Vereins, mit eigenen jungen Leuten zu arbeiten. Der erste Eindruck von meinen Jungs war: Sie sind wissbegierig und willig. Allerdings hatten sie am Anfang des ersten Trainings großen Respekt und haben mich mit „Sie“ angesprochen. Ich habe Ihnen dann gesagt, dass sie mich ruhig duzen können. Die Anrede ist für mich nicht das wichtigste Zeichen von Respekt. Es geht vielmehr darum, wie man miteinander umgeht.

Das Anforderungsprofil Ihres Jobs klingt nach viel Arbeit. Vor einem Jahr sind Sie mit der Begründung in Lemgo zurückgetreten, Sie seien ausgebrannt sind und bräuchten dringend eine Pause.

Ich habe nach 20 Jahren Profisport und sechs Jahren in der Geschäftsstelle gemerkt, dass sehr, sehr viel Energie auf der Strecke geblieben ist. Selbst zu meiner aktiven Zeit habe ich wöchentlich noch 15 Stunden in meinem erlernten Beruf gearbeitet, das war im Nachhinein einfach zu viel. Deshalb habe ich den TBV um Auflösung des Vertrags gebeten. Der Akku war einfach alle, ich musste mich erstmal sammeln und zu Kräften kommen und habe dabei auch professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Nach einem Dreivierteljahr Pause hat es dann wieder in den Fingern gekribbelt – und dann folgten auch schon die ersten Gespräche mit den Verantwortlichen der Füchse.

Ihr Abschied aus Lemgo wurde von negativen Vorkommnissen begleitet. Der TBV wirft Ihnen vor, sich aus der Vereinskasse bereichert zu haben, ein entsprechendes Verfahren läuft. Wie waren die Reaktionen in Lemgo, als Ihr Wechsel nach Berlin bekannt wurde?

Vom TBV habe ich diesbezüglich kein Feedback erhalten, unser Verhältnis hat durch diese Geschichte schon sehr gelitten. Als ich mit den Vorwürfen konfrontiert worden bin, war ich richtig am Boden. Allerdings handelt es sich um ein schwebendes Verfahren, weshalb ich dazu nichts weiter sagen möchte, außer: Ich habe mich definitiv ungerecht behandelt gefühlt.

Haben Sie denn mittlerweile eine Wohnung in Berlin gefunden oder pendeln Sie noch?

Im Moment pendelt meine Frau, weil sie noch im Lemgoer Raum arbeitet. Dann kommt sie aber fest zu mir nach Berlin, das ist der Plan. Und eine Wohnung habe ich auch gefunden, in Alt-Hohenschönhausen, also ganz in der Nähe des neuen Trainingszentrums. Kurze Wege sind mir wichtig.

Klingt so, als sollte Berlin nicht nur sportliche Ihre neue Heimat werden.

Das hoffe ich auch.

Das Gespräch führte Christoph Dach.

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