Interview mit Mesut Özil : "Die deutsche Mentalität verlierst du nicht"

Mesut Özil über kulturelle und fußballerische Erfahrungen im Ausland, die EM-Chancen der Nationalelf – und Döner.

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Mesut Özil, 27, lief seit 2009 in 72 Spielen für die deutsche Nationalelf auf. Foto: imago/MIS
Mesut Özil, 27, lief seit 2009 in 72 Spielen für die deutsche Nationalelf auf.Foto: imago/MIS

Herr Özil, der Bundestrainer hat Sie am Wochenende gegen die Slowakei nicht spielen lassen, damit Sie mal ein bisschen abschalten können. Geht das für Sie überhaupt: abschalten ohne Ball?

Ich habe eine lange Saison hinter mir, mit vielen Spielen über 90 Minuten. Da war es genau richtig, ein bisschen runterzufahren und zu regenerieren. Wobei ich ja auch ein paar Mal mit dem Ball trainiert habe. Aber nicht die üblichen harten Einheiten. Das hat mir gut getan. Am Wochenende …

… beim letzten Testspiel vor der EM gegen Ungarn …

… werde ich bestimmt dabei sein. Darauf freue ich mich.

Wenn man die zweite Halbzeit gegen die Slowakei gesehen hat, sind Sie wahrscheinlich gar nicht so traurig, dass Sie da nicht mitschwimmen durften, oder?

Überhaupt nicht, bei dem Wetter konnte man ja gar keinen Fußball spielen. Als Zuschauer war es trotzdem amüsant.

War die Saison in England anstrengender für den Kopf oder für die Beine?

Beides, sage ich mal. In anderen Ligen hast du eine Winterpause. Da können die Spieler über Weihnachten in den Urlaub fahren, während du mit der Mannschaft im Hotel bist und dich auf das nächste Spiel vorbereitest. Aber so ist das in der Premier League. So habe ich das auch gewollt. Für mich ist die Premier League die stärkste Liga der Welt. Sie ist sehr intensiv und ausgeglichen. Natürlich ist es schwierig, wenn man wie ich immer oder fast immer spielt. Aber unser Trainer Arsène Wenger achtet schon darauf, die Trainingseinheiten zu dosieren, gerade in englischen Wochen.

Hat England Sie härter gemacht?

Härter würde ich nicht sagen, aber ich habe einige Sachen umstellen müssen, gerade nachdem ich durch meine Verletzungen im zweiten Jahr immer mal wieder ausgefallen bin. Das verlangt auch die Spielweise in der Liga. In der Premier League geht es ständig hin und her. Da braucht man einen robusten, widerstandsfähigen Körper.

Was haben Sie konkret verändert?

Mein Training, meine Ernährung. Ich schlafe mehr und esse dosierter.

Angeblich essen Sie kein Brot mehr.

Das stimmt nicht. Ich esse sogar noch ab und zu einen Döner. Aber ich bin leichter geworden. Früher lag mein Grundgewicht bei 74 Kilogramm, jetzt sind es 72. Ich arbeite an meinen Defiziten, um auf dem Platz besser und stabiler zu werden. Ich will auch nicht an Muskelmasse zulegen.

Warum nicht?

Als ich am Knie verletzt war und länger ausgefallen bin, habe ich drei, vier Kilogramm reine Muskelmasse zugelegt. Das ist ja normal, wenn man nur den Oberkörper trainieren kann. Als ich wieder fit war, habe ich gemerkt, dass meine Beweglichkeit darunter leidet. Mittlerweile mache ich viel mehr Stabilisierungsübungen, damit ich keinen Muskelkater bekomme. Ein muskulöser Oberkörper sieht vielleicht gut aus, aber auf dem Platz hilft er mir nicht.

Was haben Sie aus den Ligen Spaniens und jetzt Englands für sich mitgenommen?

In England ist es die Intensität. Du hast mehr Spiele als anderswo, die Liga ist extrem ausgeglichen, du hast viele Mannschaften, die Musik machen. Es ist ja schon einige Jahre her, dass ich in der Bundesliga tätig war, aber damals war es so, dass vor allem kleinere Klubs immer sehr viel Respekt hatten vor größeren Mannschaften, dass sie eher auf Konter gespielt haben. In Spanien, bei Real, war es eher so, dass du auch gegen kleinere Mannschaften deine Schwierigkeiten hattest, weil sie technisch und spielerisch auch sehr gut waren. Sie haben die ersten Minuten immer sehr gut angefangen, aber sobald du das 1:0 oder 2:0 gemacht hast, wurde es einfacher, weil sie aufgegeben haben. Das gibt es in England nicht. Die geben nie auf.

Ist das anstrengender?

Aber wie! Selbst wenn du in der 86. Minute 2:0 führst, das Spiel eigentlich entschieden scheint und du allein auf deren Torwart zuläufst, rennt dir noch die halbe Mannschaft hinterher. Da siehst du deren Mentalität. Aber jede Liga hat ihre Stärken und Schwächen. In der Bundesliga habe ich mich entwickelt und erste Erfahrungen gesammelt. Bei Real, wo die besten Spieler der Welt spielen, war es für mich einfacher, weil mein Fußball dort gut verstanden wurde. Und in der Premier League lernst du ganz schnell, was intensiver Fußball heißt.

Weil er erdiger ist als in Spanien?

Das auch, aber du siehst schon Spieler, ganz junge von 15 oder 16 Jahren, die wirklich körperlich extrem weit sind. Das war in Deutschland nicht so. In Spanien war es eher auch so, dass die Jungs schmal waren, aber in ihrer technischen Ausbildung schon sehr weit.

Hat England Sie zu einem besseren Fußballer gemacht?

Du machst überall deine Erfahrungen, auf denen du aufbauen kannst. Ich konnte mich von der Bundesliga über die Primera Division bis in die Premier League immer weiterentwickeln. In England ist die körperliche Komponente hinzugekommen. Trotzdem hat es nicht dazu geführt, dass ich meine spielerische Art verändert habe. Ich spiele das, was ich am besten kann. Auch wenn es in den ersten beiden Jahren nicht ganz so einfach war. Vor dieser Saison habe ich zum ersten Mal bei Arsenal die komplette Vorbereitung mitmachen können. Das hat mir sehr geholfen. Ich bin so fit wie noch nie.

Wie geht das, sich dem englischen Fußball anzupassen, ohne seine eigene Spielidentität zu verlieren?

Du kannst dich den Gegebenheiten anpassen, körperlich, geistig. Aber ich werde nie meinen Spielstil ändern. Du musst auf dem Platz deine Entscheidungen treffen. Da können dir kein Trainer und kein Mitspieler helfen. Also mache ich das, was ich schon immer gemacht habe. Viele sagen, ich müsste mehr Tore schießen und vor dem Tor kaltschnäuziger werden. Aber ich bin, wie ich bin. Ich gebe lieber die Vorlage, als selbst Tore zu schießen.

Im Kader für die EM in Frankreich stehen zehn Spieler, die im Ausland beschäftigt sind, in England, Spanien, Italien und in der Türkei. So viele waren es noch nie. Inwieweit profitiert die Nationalmannschaft von den unterschiedlichen Einflüssen?

Wenn einige von uns in den besten Ligen der Welt spielen, profitiert auch die Nationalmannschaft. In der spanischen Liga geht es mehr um Ballbesitz und Technik, ähnlich in der Bundesliga. In England ist es die Dynamik. Das ist doch eine Bereicherung. Und dann kommen aus Deutschland die vielen jungen Spieler hinzu, die einfach stark sind. Die Jungs, die ich jetzt zum ersten Mal erlebe, sind schon sehr selbstbewusst. Wenn du so eine gute Mischung wie wir hast: Bravo. Wir reisen mit einer starken Mannschaft zur EM.

Muss man aufpassen, dass bei aller Internationalisierung des Fußballs eines nicht verloren geht: die deutsche Mentalität?

Ich bin ja mittlerweile so viele Jahre im Ausland, und ich kann Ihnen versichern: Die verlierst du nicht! Wir haben nicht nur Spieler, die technisch begabt sind, sondern auch welche, die kämpfen können. Wir haben Spieler mit Persönlichkeit und Spieler mit Erfahrung. Und wir haben junge Spieler, die frisch und erfolgshungrig sind.

Sie sind nicht nur fußballerisch ein Kosmopolit, Sie leben auch viele Jahre im Ausland. Wenn Sie mitbekommen, worüber in Deutschland gerade diskutiert wird, ob bestimmte Leute gute Nachbarn sind: Kommt Ihnen das nicht abstrus vor?

Ich kann nur eins dazu sagen: Das beste Beispiel für ein gutes Miteinander ist doch unsere Nationalmannschaft. Wir haben viele Spieler mit Migrationshintergrund. Wir kommen sehr gut damit klar, es ist gar kein Thema für uns. Wir respektieren uns, sind eine Einheit und füreinander da.

Respekt ist der Schlüssel?

Aber ja. Es ist gelebte Realität, wir sind so großgeworden im Fußball, von morgens bis abends. So ist es uns auch beigebracht worden, nicht nur im Verein, sondern auch in unseren Familien. Und nicht jeder Mensch ist gleich, jeder glaubt anders, jeder denkt anders.

Gibt es noch eine Liga, in der Sie mal spielen möchten, weil es Sie fußballerisch oder persönlich voranbringen würde?

Ich bin froh, dass ich viel rumgekommen bin durch meine Arbeit, viele Kulturen und Sprachen kennen gelernt habe, aber ich fühle mich in England sehr wohl. Bei diesem großen Klub, wo ich auch das Vertrauen des Trainers genieße.

Sie haben Ihre beste Saison mit Arsenal hinter sich. Werden wir bei der EM den besten Mesut Özil sehen, den es bisher bei einem großen Turnier zu sehen gab?

Das kann ich nicht versprechen, da spielt so vieles rein, aber ich werde auf jeden Fall mein Bestes geben, um meinen Kameraden und meiner Mannschaft zu helfen. Natürlich wird auch mal was nicht klappen. Dann ärgerst du dich – vor allem ich tue das. Weil ich jemand bin, der alles perfekt machen will. Aber der Fußball ist so schnell, so intensiv geworden. Da hast du gar keine Zeit, dir Gedanken zu machen.

Entwickelt man in der Vorbereitung schon ein Gefühl dafür, ob ein Turnier richtig gut laufen wird?

Soll ich Ihnen sagen, welches Gefühl man in der Vorbereitung entwickelt? Dass das Turnier endlich anfangen soll. In der Vorbereitung vergeht die Zeit sehr langsam. Wir haben Potenzial genug in der Mannschaft, um alle Nationen zu schlagen. Es geht auch nicht um einen Spieler, es geht um die Mannschaft.

In England ist ein Außenseiter Meister geworden. Ist so etwas auch bei der Europameisterschaft möglich?

Warum nicht? Das haben wir am Sonntag gegen die Slowakei gesehen, die hatte auch keiner auf dem Zettel. Man darf nicht denken: Okay, wir sind Deutschland, das geht jetzt von alleine. Jede Nation wird sich vor allem gegen uns beweisen wollen. Wir müssen alles geben, wir müssen an uns glauben. Wir sind Weltmeister, das Selbstvertrauen ist da, man spürt auch die Energie. Alle sind positiv. Trotzdem wird es definitiv schwierig sein.

Wissen Sie eigentlich, wo Ihr Trikot aus dem WM-Finale ist?

Eins habe ich, das andere hat Michel Platini.

Wieso Platini?

Er hat mich bei der Siegerehrung gefragt, ob er mein Trikot haben darf.

Sind Sie deshalb auf allen Jubelbildern mit freiem Oberkörper zu sehen?

Ja, weil Herr Platini mein Trikot haben wollte. Deswegen habe ich es ihm geschenkt. Vor Freude natürlich. Man ist Weltmeister geworden. Und wenn man von so einer Legende gefragt wird…

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