Interview mit Stefan Reuter : "Dortmund hat nicht das gleiche Niveau wie Bayern"

Stefan Reuter spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über das große Duell seiner früheren Vereine Bayern München und Borussia Dortmund am Samstag – und seinen Meistertipp.

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Stefan Reuter, 46, hat drei Jahre beim FC Bayern und zwölf Jahre bei Borussia Dortmund gespielt. Am Samstag (18.30 Uhr) hat der Welt- und Europameister ein Problem: Beim Spitzenspiel fiebert er mit beiden Teams. Reuter vertreibt heute Kunstrasenplätze.
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Herr Reuter, haben Sie ein großes Ego?

Würde ich nicht sagen. Warum?

Die BVB-Spieler von heute werden als sympathische, junge Wilde dargestellt – in Abgrenzung zu Stars aus den Neunzigern, die teuer waren und ein großes Ego hatten.

Wenn man Erfolg haben will, muss man ein gewisses Ego haben. Aber im normalen Rahmen. Unseren Teamgeist in den Neunzigern kann man mit dem des heutigen BVB-Teams durchaus vergleichen.

Verfolgt Dortmund heute nicht trotzdem einen anderen Ansatz als zu Ihrer Zeit?

Dortmund setzt konsequent auf junge, talentierte Spieler. Früher hat man fertige Nationalspieler geholt, die am Leistungshöhepunkt standen. Jetzt entwickelt der Verein Spieler, er gibt ihnen Zeit zu reifen, formuliert aber trotzdem einen Leistungsgedanken. Die Abstimmung zwischen Druck und Spaß stimmt perfekt.

Der FC Bayern dagegen kauft heute wie früher große Stars für viel Geld.

Bayern hat ganz andere Rahmenbedingungen, das wird sich auch in den nächsten Jahren nicht angleichen. München hat eine Substanz geschaffen und ein Budget, mit dem der Verein auch nachlegen kann, wenn es mal nicht läuft.

Wie sehen Sie vor dem Spitzenspiel am Samstag die Mannschaften im Vergleich?

Wenn die jeweils erste Elf auf dem Platz steht, sind beide gleich stark. Die Bayern haben es durch ihre Einkaufspolitik aber geschafft, Ausfälle besser zu kompensieren: Mario Gomez war lange weg, da haben mit Mario Mandzukic und Claudio Pizarro zwei andere Topstürmer gespielt. Diese Qualität gab es bei Bayern seit Jahren nicht mehr, man hatte es lange versäumt, den Kader adäquat zu verstärken.

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Und Borussia Dortmund?

Bei Dortmund macht es Spaß, Spiele in Bestbesetzung zu verfolgen. Beim Unentschieden gegen Düsseldorf hat man aber Probleme gesehen, als Leute ausfielen. Gerade wenn Mario Götze, Marco Reus oder Robert Lewandowski nicht dabei sind, hat man nicht das gleiche Niveau wie die Bayern. Wenn dann kleine Verletzungen dazu kommen, muss man einem Spieler eine Pause gönnen. Jupp Heynckes verteilt die Belastung konsequent. Beim BVB ist das schwieriger. Das wird das Duell in diesem Jahr entscheiden. Ich glaube, dass Bayern Meister wird.

Die Bayern haben schon elf Punkte Vorsprung. Wie vorentscheidend ist die Partie überhaupt noch?

Abhaken darf man die Meisterschaft nie. Aber Dortmund müsste schon gewinnen, um noch mal richtig mitmischen zu können. Trotzdem hat München vor der Partie den größeren Druck. Dortmund hat zweimal die Meisterschaft und die letzten fünf Partien in Bundesliga und Pokal gewonnen, das wurmt die Bayern. Sie sind nicht gewohnt, dass eine andere Mannschaft so konstant auftrumpft wie die Borussia. Für die Bayern ist es deshalb wichtig zu zeigen, dass sie wieder da sind. Bayern muss, Dortmund kann Meister werden. Es wird ein enges Spiel.

Die Rivalität ist durch die Erfolge der Borussia wieder so ausgeprägt wie in den Neunzigern. Erzählen Sie mal: Wie bereitet man sich auf so ein Spiel vor?

Ganz normal, nur dass die Anspannung größer ist. Jeder im Umfeld beschäftigt sich mit der Begegnung. Es ist wie eine Partie gegen Real Madrid oder den FC Barcelona. Und man hat früher bei Oliver Kahn gesehen, zu welcher Spannung das führen kann: der Kung-Fu-Tritt gegen Stephane Chapuisat und die Aktion, als er Heiko Herrlich fast gebissen hat.

Typen wie Kahn stehen heute nicht mehr auf dem Platz.

Man darf es aber nie unterschätzen, auch nicht am Samstag. Wenn der Druck steigt, braucht man ein Ventil. Vielleicht wird das Spiel ruppig.

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