• Interview mit Werner Gegenbauer: „In der Gesamtstadt sind wir noch nicht angekommen“

Interview mit Werner Gegenbauer : „In der Gesamtstadt sind wir noch nicht angekommen“

Herthas Aufsichtsratschef Gegenbauer im Gespräch mit dem Tagesspiegel über das schwierige Image des Vereins, hohe Schulden und den neuen Trainer Lucien Favre.

Sven Goldmann,Friedhard Teuffel
Hertha BSC Gegenbauer
Hertha-Aufsichtsrat Werner Gegenbauer.Foto: Imago

Herr Gegenbauer, als neuer Trainer kommt Lucien Favre zu Hertha BSC, und plötzlich ist die Kritik von Medien und Fans verstummt. Wird jetzt alles gut?

Es ist alles gut. Lucien Favre trifft das Anforderungsprofil. Zürich ist auch Weltstadt, und der obere Teil der Schweizer Liga international absolut auf der Höhe.

Wie wichtig war neben der sportlichen Qualifikation das Image des Trainers?

Vielleicht gibt es da in der Öffentlichkeit eine falsche Vorstellung. Der neue Trainer sollte die Mannschaft mit jungen Spielern weiterentwickeln und auch punktuell verstärken. Außerdem wollten wir einen Trainer, der nicht nur zu uns als Verein passt, sondern auch zu Berlin. So, jetzt können wir über das Image reden.

Gerne.

Da verrate ich Ihnen, dass wir die ausgesprochen positive Aufnahme von Herrn Favre überhaupt nicht einkalkuliert hatten. Wir sind genauso überrascht wie Sie.

Vielleicht fiel die Aufnahme von Herrn Favre auch deshalb so positiv aus, weil das Image von Hertha zuletzt so negativ war.

Wir sehen das durchaus selbstkritisch. Nehmen Sie uns bitte ab, dass wir nicht daran glauben, dass daran nur alle anderen schuld sind.

Lassen Sie uns teilhaben an Ihrer Analyse.

Es ist schwer, der Öffentlichkeit den Spagat zwischen Verein und Geschäft zu vermitteln. Gerüchte und Vermutungen machen die Leute wirr im Kopf. Wenn es sportlich läuft wie in der Vorrunde der vergangenen Saison, wird das in den Hintergrund gedrängt. Wenn es aber eine negative Serie gibt, kommt das dabei heraus, was bei uns herausgekommen ist. Hertha ist ein schnell wachsendes, schnell zusammengewachsenes Unternehmen – nicht nur die Mannschaft, die ganze Administration. Da gibt es natürlich noch das eine oder andere, was noch nicht ganz passt.

Zuletzt wurde mit Hertha nur die Jugendarbeit positiv in Verbindung gebracht.

Dieses Thema wurde doch lange medial nicht zur Kenntnis genommen. Erst seitdem in der Vorrunde junge Leute den Sprung in die Bundesligamannschaft geschafft haben, wurde von der tollen Jugendarbeit von Hertha gesprochen. Natürlich immer nur mit dem Zusatz, dass die nur deshalb zustande gekommen ist, weil zu wenig Geld da war, um auch ein paar gestandene Spielen zu kaufen.

Die momentane Aufbruchstimmung ist nicht durch sportlichen Erfolg zu begründen. Also ist Image doch viel.

Das ist es doch, was ich sage. Ich erkläre Ihnen das mal an der Trainersuche. Es ist uns leider nicht gelungen zu transportieren, dass außer mit Herrn Favre und Karsten Heine mit keinem anderen Trainer gesprochen wurde. Aber unsere Fans lesen jeden Tag einen neuen Namen in der Zeitung. Wenn Sie die fragen, wird Ihnen jeder sagen: Hertha hat alles abgeklappert, was nicht schnell genug auf den Bäumen war. Ich könnte Ihnen Sachen erzählen…

Bitte!

Vor ein paar Wochen sitze ich zu Hause und bekomme einen Anruf, ob es stimmt, dass ich im Steigenberger mit Dieter Hoeneß und Felix Magath sitze, man würde jetzt einen Fotografen losschicken. Daraufhin habe ich erstmal das Handy an meine Frau weitergegeben und ihr gesagt: Würdest du denen mal bestätigen, dass wir morgen umziehen und ich hier Kisten packen muss. So verrückt ist das.

Man hat den Eindruck, dass ein harter Kern von Fans nur auf Niederlagen wartet, um Stimmung gegen die Vereinsführung zu machen. Ist die Kiste nicht so verfahren, dass Ihnen kurzfristiger sportlicher Erfolg langfristig gar nicht hilft?

Das glaube ich nicht. Wir haben eine Geschäftsführung, die sich für ihre Aufgabe zerreißt. Dieter Hoeneß und Ingo Schiller geben 200 Prozent, die moderieren das Geschäft nicht als Außenstehende, wie das heute als modern hingestellt wird. Das aber führt dazu, dass das Engagement der beiden nicht als Stärke, sondern als Schwäche von Hertha interpretiert wird. Ja, es gibt Fans, die gegen die Führungsfiguren arbeiten und die andere Fans mitziehen. Das ist eine Kampagnenform, die natürlich Aufmerksamkeit erregt, wenn es schlecht läuft. Aber wir müssen ja nicht immer 74 000 Freunde sein.

Ihre Fans rekrutieren sich fast ausschließlich aus dem alten West-Berlin.

Ost und West sind im Stadion noch nicht gleich repräsentiert. Der Ost-Berliner ist entweder Union-Fan oder gar kein Fan. Oder er kommt in einem nicht gleichgewichtigen Teil zu Hertha. In der Gesamtstadt sind wir noch nicht angekommen. Aber wir haben hart und erfolgreich gearbeitet. Heute stellt Hertha einen Wert von rund 100 Millionen Euro dar. Dieser Wert war vor zehn Jahren nicht da. Unsere Planungsprämissen sind: durchschnittlich siebter Platz, zwei Runden DFB-Pokal, keine Einnahmen aus dem internationalen Wettbewerb. Wir haben immer kommuniziert, dass 2006/2007 und 2007/ 2008 zwei Übergangsjahre sind, um die jungen Spieler weiterzuentwickeln.

Da gab es zuletzt ein paar Rückschläge.

Langsam, langsam. Arne Friedrich hat 49 Länderspiele gemacht, darunter alle WM- Spiele. Auch Malik Fathi hat es schon mal in die Nationalmannschaft geschafft. Und wir haben bei der U 21 mit Kevin Boateng und Ashkan Dejagah zwei dabei, auch Patrick Ebert und Sofian Chahed kommen aus diesem Bereich. Man sollte also nicht alles kurz und klein hauen, was da geschaffen wurde. Wer weiß, ob die Nationalmannschaft ohne Hertha BSC ihr WM-Domizil in Berlin bezogen hätte. Und auch das DFB-Pokalendspiel wäre ohne Hertha vielleicht schon nicht mehr in Berlin.

Herthas Imagewerte sind bescheiden.

Wir hatten gerade eine Mitgliederumfrage. Da sind 90 Prozent mit Hertha und ihrer Mitgliedschaft zufrieden – sensationell. Natürlich müssen wir darüber hinaus nach außen wirken, etwa im DFB- Pokal. Es war mehr als ärgerlich, dass wir im Viertelfinale gegen Stuttgart so sang- und klanglos ausscheiden, und das live zur besten Sendezeit. Das war eine großartige Chance, Profil zu gewinnen.

Wie schaffen Sie das in der Zukunft?

Mein Thema ist, dass wir aus zwei Übergangsjahren möglichst eins machen – das abgelaufene. Dazu gehört, dass wir es schaffen, ein volles Haus zu haben…

…wie in den letzten drei Saisonspielen gegen Dortmund, Bremen und Leverkusen, die allerdings allesamt verloren gingen.

Das Problem bei diesen Spielen war ja, dass wir uns nicht am Ausgang bei jedem Zuschauer entschuldigen konnten. Da werden Sie doch wahnsinnig: Die Leute sind bereit zu kommen und wir versetzen ihnen dann einen Nackenschlag.

Sie gehen mit einem wirtschaftlichen Handikap in die neue Saison: hohen Schulden.

Also, eins haben wir geschafft in der öffentlichen Wahrnehmung. Wir sind das einzige Unternehmen, das auf den puren Verbindlichkeitenstand reduziert wird. Das passiert mit keinem anderen Unternehmen in keiner Branche. Dabei wird eines leider vergessen: Wir gelten in der Finanzwelt zwar als jemand, der 46 Millionen Euro Schulden hat. Aber auch als jemand, der damit umgeht und das beherrscht. Der Stand der Verbindlichkeiten war und ist nicht unser Problem.

Sondern?

Unser Problem war es, langfristig die Liquidität sicherzustellen. Das haben wir längst erledigt. Wir sind bis 2010 durchfinanziert. Wir haben ganz sicherlich ein halbes Jahr zu lange auf die Entscheidung eines strategischen Investors gewartet …

… auf die so genannte Schechter-Anleihe, benannt nach dem Londoner Finanzmakler Stephen Schechter.

Wir hätten ein halbes Jahr früher sagen müssen: Schluss, aus, wir gehen den anderen Weg, die Finanzierung auf eine langfristige Basis umzustellen, da wäre uns eine Menge an Unsicherheiten erspart geblieben. Alles andere war dem Erfolg angemessen, den wir relativ schnell nach dem Aufstieg hatten, etwa mit der Qualifikation für die Champions League.

Bei der jüngsten Jahreshauptversammlung hieß es, Michael Preetz werde stärker in die Öffentlichkeit rücken. Wird er mehr Interviews geben, oder hat er mehr zu sagen?

Das ist eine Frage, die sich durch die Funktion von Michael Preetz erklärt. Er ist der Leiter der Lizenzspielerabteilung. Das ist die erste Führungsebene nach der Geschäftsführung.

Was macht man denn so als Leiter einer Lizenzspielerabteilung?

Er kümmert sich um die Spieler, die Physiotherapeuten, die Ärzte, um die ganze Organisation. Und er ist der erste Ansprechpartner für den Trainer für alles, was unmittelbar die Mannschaft betrifft.

Also hat er auch etwas zu sagen.

Ich weiß, was Sie meinen. Es hat sich der Eindruck verfestigt, dass bei Hertha BSC immer einsame Entscheidungen getroffen werden. Dieser Eindruck ist falsch. Punkt. Aber es muss ein Gesicht geben, das Hertha in der Öffentlichkeit prägt. Und dieses Gesicht ist Dieter Hoeneß.

Herthas Schieflage wird vor allem mit Herrn Hoeneß in Verbindung gebracht.

Wenn jemand für die Entscheidungen verantwortlich ist, ist er für den Erfolg verantwortlich, aber auch für die Krise. Aber: Hertha BSC hat eine Struktur, und diese Struktur verliert gemeinsam und gewinnt gemeinsam.

Ihr Verhältnis zu Herrn Hoeneß …

… ist oft durch den Kakao gezogen worden. Wir sind miteinander befreundet.

Der Vorsitzende des Aufsichtsrates soll die Geschäftsführung kontrollieren.

Ja, das bietet Angriffsflächen. Aber es ist transparent. Bei der letzten Mitgliederversammlung habe ich deutlich gesagt, dass ich mit Dieter Hoeneß befreundet bin. Ich werde von mir aus nicht beurteilen, ob ich genug Abstand habe, ob ich kritisch genug bin. Das sollen andere beurteilen. Nur: Wenn das als taktische Waffe eingesetzt wird, finde ich das schäbig. Mir hat noch niemand nachgewiesen, dass ich Entscheidungen aus persönlichen Gründen fälle.

Das Gespräch führten Sven Goldmann und Friedhard Teuffel.

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