Interview mit Wilfried Spronk : „Das ist gelebte olympische Nachnutzung“

Münchens Olympia-Beauftragter Wilfried Spronk im Tagesspiegel-Interview über die Bewerbung für die Winterspiele 2018 – und das heutige DOSB-Votum.

Wilfried Spronk Foto: dpa
Wilfried Spronk. -Foto: dpa

Wann ist Ihnen erstmals die Idee gekommen, dass München nach den Olympischen Sommerspielen 1972 auch Winterspiele veranstalten könnte?

Es war nicht meine Idee, aber ich war dabei, als sie 1988 bei den Winterspielen in Calgary geboren wurde. Wir hatten im Deutschen Haus eine gelungene Münchner Präsentation hinter uns als Bewerber für die Eiskunstlauf-WM 1991, anschließend standen wir gut gelaunt im Nebenraum und unterhielten uns über die Fahrtstrecken zu den alpinen Wettbewerben. Alle schimpften, dass in Albertville die Strecken noch länger werden würden. Ein Wort ergab das andere, plötzlich sagte einer: Überleg’ mal, von München nach Garmisch-Partenkirchen sind es nur 90 Kilometer. Damit war es in der Welt.

Heute könnte die Idee Wirklichkeit werden: Wenn der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) entscheidet, sich mit München für die Winterspiele 2018 zu bewerben. Was erwarten Sie von der Abstimmung?

Da bin ich unbescheiden: Ich erwarte ein sehr deutliches Votum. Ich hoffe, dass sich diejenigen, die abstimmen, im Klaren darüber sind, dass es eigentlich nur eine Hopp-oder-Topp-Entscheidung geben kann. Topp wäre für mich eine Zustimmung weit jenseits der 80 Prozent. Alles darunter wäre schlecht, denn das Ausland wird ganz genau hinsehen, wie sich der deutsche Sport präsentiert.

Was würden Winterspiele für München bedeuten?

Wenn es 2011 bei der Vergabe heißen würde: The winner is Munich? Das wäre ein Traum. Und für Deutschland eine gute Visitenkarte. Natürlich wäre München die erste Stadt, die Winter- und Sommerspiele veranstalten würde, aber das ist für mich gar nicht so wichtig. Was viel bedeutsamer ist: München ist die erste Stadt in der Neuzeit, die sich bewirbt mit aktiv genutzten Sportstätten aus vorherigen Spielen. Das Internationale Olympische Komitee hat oft erklärt, wie wichtig Nachhaltigkeit und Nachnutzung ist. Wir könnten das beweisen. Wenn irgendwo die viel beschworene Olympische Idee auch gelebt worden ist, dann sicher hier in München. Dass jetzt die Olympiahalle umgebaut wird, dass die Aufwärmhalle der Spiele von 1972 wieder eröffnet worden ist und zu den modernsten Trainingshallen in Deutschland zählt, das sind alles Wegweiser.

Wie können die bestehenden Anlagen für die Winterspiele 2018 neu genutzt werden?

Das Olympiastadion wird für Eröffnungs- und Schlussfeier benötigt, die Olympiahalle könnte als zweite Eishockeyhalle genutzt werden und Curling könnte in der Olympia-Schwimmhalle stattfinden. Das kann kein anderer Mitbewerber liefern. Das wäre sicher der Beweis für das eine oder andere IOC-Mitglied zu sagen: Es gibt doch Nachnutzung.

Zurzeit werden die olympischen Stätten in Sydney und Athen nur zum Teil genutzt. Obwohl das IOC durchaus bemüht ist, die Spiele einzuschränken, werden sie immer teurer. Sotschi 2014 soll mindestens neun Milliarden Euro kosten, dort ist fast noch keine Sportstätte vorhanden.

Vielleicht ist Sotschi ein Glücksfall für München. Schauen wir mal, was dort passiert. Man sollte aufpassen, dass nicht plötzlich die Höhe einer möglichen Investitionssumme das Entscheidungskriterium wird.

Das Architekturbüro AS&P, das die Münchner Machbarkeitsstudie erstellt hat, sagt, das Budget dürfte näher an Salzburg liegen. Die Österreicher hatten zwei Milliarden Dollar veranschlagt. . .

. . .wir brauchen nicht so viel, wie man hinlänglich erwartet. Aber München hat seit 1972 viele Millionen in Unterhalt und Sanierung des Olympiaparks gesteckt. Das ist gelebte nacholympische Nutzung. Und zwar nicht nur dafür, dass hier etwas veranstaltet wird. Das Zeltdach ist 1998/99 für knapp 60 Millionen Euro saniert worden. Das ist keine Selbstverständlichkeit, man hätte auch sagen können: Sorry, das war’s. Architekt Günter Behnisch mir mal gesagt, wenn uns einer bei der Fertigstellung gesagt hätte, dass das Zeug 15 Jahre lang hält, wäre er schon glücklich gewesen. Jetzt haben wir das 36. Jahr nacholympische Nutzung – und das Dach ist immer noch hier.

Die Urheberrechte des Architekten verhinderten den Umbau des Olympiastadions, was zum Auszug des FC Bayern geführt hat. Laut Machbarkeitsstudie müssten für die Winterspiele noch eine dauerhafte Halle und zwei mobile Hallen in den Olympiapark integriert werden – kommt damit nicht neues Konfliktpotenzial auf Sie zu?

Kann sein. Aber wenn man bei so einem Unternehmen wie Olympische Spiele überlegt, wer sich alles auf den Fuß getreten fühlen könnte, dann darf man heutzutage nichts mehr machen. Manche der Herren Architekten meinen offenbar, dass die Olympiapark GmbH nur ein Beschmutzer ist, die Leute kämen ja auch millionenfach in den Olympiapark, wenn hier nichts passieren würde. Überlegen Sie mal, wer würde außer einer Handvoll Architekten oder Kunstspezialisten noch 2007 vom Olympiapark reden, wenn hier nicht aggressiv Nachnutzung betrieben worden wäre? Aber natürlich müssen die alten Sportstätten bei einer Bewerbung geschützt werden. Wir wären ja total bescheuert, wenn wir das olympische Erbe ramponieren würden.

Welche Lehre ziehen Sie aus der gescheiterten Leipziger Bewerbung?

Es war eine Grundvoraussetzung, dass wir mit etwas Fundiertem antreten. Jeder Standort ist intensiv untersucht worden. In Garmisch ist das noch unproblematischer, weil die alpinen Stätten wegen der Ski-WM 2011 bereits fertig gestellt sein werden. Und die neue Sprungschanze steht dort auch schon.

Ein Problem hätten Sie jedoch, wenn die Winterspiele nach München kämen: Zwischen Lutz-Long-Ufer und Spiridon- Louis-Ring gibt es keine Wege mehr, um sie etwa nach dem Langläufer Tobias Angerer zu benennen.

Das könnte ja eine Straßenbezeichnung in Garmisch-Partenkirchen werden. Aber wir haben auch für Willi Daume einen angemessenen Platz im Park gefunden. Also, daran wird es nicht scheitern.

Das Gespräch führte Benedikt Voigt.

Wilfried Spronk, 61, ist Geschäftsführer der Olympiapark GmbH und Münchens Olympia-Beauftrager. Zudem sitzt der Sportmanager im Aufsichtsrat der Leichtathletik-WM 2009 in Berlin.

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