Interview : Nicolas Kiefer: "Ich bin überrascht, dass ich hier bin"

Nicolas Kiefer ist beim Masters Cup in Schanghai nur Ersatz. Und froh, dabei zu sein: 24 bessere Spieler wollten nicht Ersatz sein und machten den Weg für ihn frei. Ein Interview.

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Nicolas Kiefer, 31, Tennisprofi.Foto: dpa

Herr Kiefer, beim Masters Cup in Schanghai dürfen nur die besten acht Tennisspieler der Welt spielen – was machen Sie eigentlich hier?

Ich bin auch überrascht. Ich war in der letzten Woche im Urlaub, habe zu Hause jeden Tag Golf gespielt. Am Donnerstag erhalte ich plötzlich einen Anruf von der ATP, ob ich als Ersatzspieler nach Schanghai kommen will. Da habe ich erstmal gefragt, ob das ernst gemeint ist.

Sie sind auf Platz 35 des Champions Race, 24 vor Ihnen platzierte Spieler wollten nicht Ersatzspieler sein – warum?

Das frage ich mich auch. Ich spiele Tennis, weil ich am Ende beim Masters Cup dabei sein will. Dafür quäle ich mich das ganze Jahr. Das ist so, wie wenn Bundestrainer Joachim Löw anruft und fragt: Willst du bei der Weltmeisterschaft als Ersatzspieler dabei sein?

Zählt das jetzt neben 1999 als Ihre zweite Mastersteilnahme?

Klar wäre ich lieber wieder als aktiver Spieler dabei, aber das zählt für mich auch als Erfolg. Ich bin bei den besten Spielern der Welt. Das ist für mich eine Anerkennung. Vor zwei Jahren lag ich im Krankenhaus mit einer Handgelenksverletzung und wusste nicht, ob ich noch Tennis spielen kann. Damals hätte ich nie gedacht, dass wir jetzt hier in Schanghai sitzen.

Fürs Hiersitzen erhalten Sie auch noch 50 000 Dollar.

Das ist schön, aber ich spiele Tennis nicht wegen des Geldes. Ich spiele, weil es mir Spaß macht. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, wer kann das schon von sich behaupten.

Bekommen Sie auch die gleichen Annehmlichkeiten wie die acht aktiven Spieler?

Das ist wirklich unglaublich. Jeder hat sein eigenes Auto, seinen eigenen Fahrer. Als ich ins Hotelzimmer hineinkam, prangte mein Name auf dem Kissen. Sogar auf dem Bademantel steht er.

Was machen Sie eigentlich den ganzen Tag lang in Schanghai?

Morgens ein bisschen Sightseeing. Ansonsten muss ich mich genauso vorbereiten wie auf ein normales Match. Viel schlafen, essen. Weil man vom Hotel über eine Stunde zum Qi-Zhong-Stadion braucht, muss ich rechtzeitig losfahren.

Und hoffen, dass sich ein Spieler verletzt?

Das ist ein bisschen unfair, aber so ist es halt. Beim Fußball ist es noch extremer, dort können die Spieler das sogar ein bisschen beeinflussen im Training. Und mehr reingehen. Oder ein Ersatzspieler kann im Training mehr zeigen. Aber ich kann nicht auffallen, ich kann höchstens mal an den Kabinen vorbeigehen. Aber Wunder passieren immer wieder. 1992 sind die Dänen auch aus dem Urlaub gekommen – und Fußball-Europameister geworden.

Wie stehen die Chancen auf ein Wunder?

Minimal. Wenn ich zum Einsatz komme, dann am ehesten am Donnerstag oder Freitag. Aber darum geht es mir nicht. In Paris habe ich zuletzt gegen David Nalbandian unglücklich verloren, das war traurig, jetzt spüre ich ein viel geileres Gefühl.

Roger Federer hat Probleme mit dem Rücken …

… darüber haben wir schon geflachst. Ich habe ihn gefragt, wie sieht’s aus? Aber es bringt mir nichts, wenn nur er nicht spielt. Es müssten schon zwei sein. Wenn jetzt einer ausfällt, dann pack ich mir Radek Stepanek. Irgendwo in einer dunklen Ecke.

Das Gespräch führte Benedikt Voigt.









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