Interview : „Schnee riecht kalt“

Die 28-jährige Verena Bentele startet bei den Paralympics im Biathlon und Skilanglauf. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht sie über die besonderen Herausforderungen in ihrem Sportlerleben. -

Paralympics 2002 Verena Bentele
Verena Bentele, 28, gewann bei Paralympics schon sieben Goldmedaillen. -Foto: dpa

Frau Bentele, haben Sie eine Ahnung davon, wie Schnee aussieht?



Ich habe schon ein genaues Bild vom Schnee. Ich erkenne noch hell und dunkel, ich merke also, wenn die Sonne scheint - und wenn es noch heller ist, dann reflektiert der Schnee. Ich kenne ihn auch vom Anfassen, von der Kälte, von seiner Konsistenz. Schnee kann ganz weich und pudrig sein oder hart und gefroren, es gibt so viele Möglichkeiten. Gestern beim Langlauf-Training hatte ich sterbenden Schnee unter meinen Skiern: der Boden war ganz stumpf, meine Ski konnten kaum gleiten. Als ich einen Berg runterfuhr, hatte ich das Gefühl, der Schnee zieht mich wieder hoch, er gibt mich gar nicht frei. Schnee ist für mich etwas Helles, Kaltes, etwas, worin ich mich wohl fühle.

Aber als Blinde können Sie gar nicht sehen, wie es schneit.

Aber ich rieche es in der Luft. Schnee riecht kalt, klar, sauber. Außer in der Stadt, da riecht Schnee wie Matsche.

Wie sollte der Schnee bei den Paralympics in Vancouver sein?

Schön wäre, wenn es in Kanada nicht so warm wäre wie bei den Olympischen Winterspielen. Ich wünsche mir, dass es kalt genug für Naturschnee ist. Kunstschnee riecht nicht. Und wenn gleich neben der Loipe das Gras wächst, ist das auch nicht toll. Auf Naturschnee ist das Gleitgefühl besser, vielleicht setzen sich die Eiskristalle anders zusammen. Man merkt das.

Wie erleben Sie den Winter?

Wenn ich rausgehe und es schneit, spüre ich die Flocken auf meinem Gesicht. Und beim Skifahren beschreibt mir mein Begleitläufer, wie es schneit. Er sagt: Dort drüben, auf den drei Bergkuppen, hat der Schnee schon alles bedeckt. Wenn er mir das beschreibt, kann ich mir schon vorstellen, wie das aussehen könnte.

Wie wichtig ist ein Begleitläufer?

Wir sind eine Einheit, jeder erfüllt seine Aufgabe. Er muss sich nach meinem Tempo richten, dafür hängt meine Orientierung von ihm ab. Er sagt mir vorher, was auf mich zukommt. Ich brauche jemand, der fit genug ist für mich und mit dem ich mich auch mit wenigen Worten gut verstehe. Er sagt zum Beispiel: links elf! Da weiß ich, dass jetzt eine Linkskurve kommt im Winkel einer elf auf der Uhr. Oder: Flach bergauf! Er sagt auch Techniken an: jetzt schieben, jetzt Diagonalschritt. 

Fühlen Sie sich ihm nicht ausgeliefert?

Das kann man natürlich so sehen. Ich sehe es anders: Ich kann ihm vertrauen.

Sie sind einmal wegen des Fehlers ihres Begleitläufers von der Piste abgekommen.

Ja, dieser Unfall hat fast meine Karriere ruiniert. Er hatte mir ein falsches Kommando gegeben, weil er Rechts und Links verwechselt hatte. Neben der Strecke ging es ein paar Meter runter, ich bin tief gefallen und habe mir die Niere verletzt, die Leber, zwei Finger und mein Knie. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen, weil Sport das war, was ich am besten konnte. Aber nach ein paar Wochen hatte ich mich psychisch und körperlich erholt. Und mir wurde klar, dass ich mir auch andere Ziele setzen kann, etwa in meinem Studium. Als ich gemerkt habe, dass sich mein Leben nicht auf eine Sache reduziert, hatte ich auch wieder Lust auf Sport.

Was gefällt Ihnen am Wintersport?

Mir macht es Spaß, draußen an der frischen Luft zu sein und meine Kraft auf den Ski zu bringen. Ich bin auch ein Wettkampftyp, der sich gerne verbessert und mit anderen misst. Und ohne Sport würde ich auch viele Freunde vermissen.

Sie laufen schon seit dem elften Lebensjahr Ski. Wie sind sie dazu gekommen?

Meine Eltern sind alpine Skifahrer, sie haben mich mitgenommen. Als Kind war ich sportbegeistert, aber nicht so festgelegt: Ich hatte auch ein Pony und bin viel geritten. In der fünften Klasse gab es dann einen Skiausflug – und ich dachte mir: lieber eine halbe Woche skilaufen als eine halbe Woche Schule. Ich bin beim Langlauf hängengeblieben, weil er so vielseitig ist mit seinen Techniken. Und ich mach ja auch noch Biathlon.

Blinde Goldmedaillengewinnerin Verena Bentele
Medaillensammlerin. Die blinde Sportlerin studiert in München Neue Deutsche Literatur. -Foto: dpa

Wie hat sich Ihr Sport in den letzten Jahren verändert?



Zwei Stunden durch die Landschaft laufen – das gibt es nur noch im Training. Wo ist Behle?, hieß es früher. Aber dass jemand nach 50 Kilometern aus dem Wald auftaucht, gibt es schon lange nicht mehr. Das hat man ja bei den Olympischen Spielen gesehen: vieles findet in Stadien statt, es gibt Teamsprints und Verfolgungsrennen.

Wie haben Sie die Winterspiele denn verfolgt?

Mit den Kollegen auf dem Zimmer haben wir immer vor dem Fernseher gesessen und die Spiele gesehen.

Aber sie können sie doch gar nicht gesehen haben.

Ich habe die Kommentatoren gehört oder meine Mannschaftskollegen. Aber deshalb sage ich ja nicht: Ich gehe jetzt Fernsehen hören. Ich habe einen normalen Wortschatz. Ich sage: Wir sehen uns! Und nicht: Wir hören uns! Damit würde ich mich doch nur unnötig abgrenzen.

Aber grenzen sich nicht gerade die Paralympics von den Winterspielen ab?

Diese Abgrenzung geht nicht von den Sportlern aus. Wenn es nach uns gehen würde, würden wir gemeinsam mit den anderen Sportlern starten – auch bei Weltcuprennen und Weltmeisterschaften. Die Abgrenzung geht von Funktionären und Offiziellen aus. Ich starte im Deutschen Behindertensportverband, dabei wäre für uns eine Integration in den Deutschen Skiverband besser. Es würde es uns organisatorisch leichter machen, wenn wir die Infrastruktur der Weltcups nutzen könnten. Natürlich sollen die paralympischen Wettkämpfe auch eine Plattform sein für den Behindertensport, für den Umgang von Menschen mit Einschränkungen. Aber für mich geht es eher um den sportlichen Wettkampf. Ich möchte sagen, dass ich eine gute Läuferin bin.

Würden Sie gerne einmal bei den Olympischen Spielen starten? Der kanadische Langläufer und Biathlet Brian McKeever, der ebenfalls sehbehindert ist, wurde von seinem Trainer nicht nominiert. Er hätte außerdem ohne seinen sehenden Vorläufer die 50-Kilometer-Strecke laufen müssen.

Ich selbst würde eher nicht bei Olympia starten, denn dafür müsste es einen prozentualen Ausgleich geben, der mir erlaubt, mich mit den sehenden Konkurrentinnen zu messen. Ansonsten hätte ich keine Chance, vorn zu landen. Brian ist ein guter Sportler und ich hätte ihm gewünscht, dass er das Erlebnis genießen kann. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich mit einem Vorläufer hätte starten können.

Fühlen Sie sich als Athletin zweiter Klasse?

Natürlich sind die Paralympics die zweiten Olympischen Spiele. Wir haben nicht denselben Stellenwert, darum braucht man gar nicht herumzureden. Unsere Wettkämpfe werden im deutschen Fernsehen erst nach den Spätnachrichten zu sehen sein. Ein normaler Sportfan wird deshalb nicht länger wachbleiben. Aber ich ärgere mich darüber nicht, das war ja schon immer so. Ich möchte es lieber genießen, mit den anderen Athleten zusammen zu sein. Das wird großartig, wie in einem schönen Film. Danach brauche ich bestimmt erst einmal ein paar Tage zum Runterkommen. Gut, dass ich dann meine Magisterarbeit angehen muss. Da werde ich ein paar Monate in der Bibliothek und vor dem Computer hocken, ohne dass mir meine gute Rennen noch etwas nutzen.

Worüber schreiben Sie Ihre Magisterarbeit?

Über die Gestaltung von Büchern als Hörbuchfassung. Vieles wird als Hörbuch verkauft, was nicht mehr nur das Produkt des Autors ist. Oft ein Buch gekürzt oder durch einen Sprecher ganz anders interpretiert, viele Texte werden musikalisch untermalt. Meine Fragestellung lautet daher: Wie kann ein neues künstlerisches Hörbuch entstehen, ohne dass die literarische Qualität verloren geht?

Hören Sie viele Bücher?

Ich höre viele Hörbücher. Ich kaufe mir kommerzielle, aber hole mir auch Werke aus der Blindenbücherei, bei denen die Texte einfach nur heruntergelesen werden. Selbst zu lesen ist mir kaum noch möglich, weil es nur wenige Publikationen in Punktschrift gibt. Zeitungen lese ich im Internet – mit Spracherkennung.

Welche Barrieren müssen Sie als Blinde noch überwinden?

Die Barrieren in den Köpfen. Mir passiert es oft, dass über mich in der dritten Person gesprochen wird, obwohl ich dabeisitze. Da werden mit dem Fingerzeig auf mich meine Freunde oder Eltern angesprochen: Möchte die denn auch einen Kaffee haben? Ich antworte dann immer: Ja, sie möchte bitte eine Kaffee. Es gibt auch Leute, die fragen, ob ich sie gerne mal anfassen will. Aber das ist mir eher suspekt. Dass Blinde das Gesicht eines Fremden erkunden, das gibt’s nur im Film.

Vermissen Sie das Sehen?

Zunächst einmal würde ich natürlich gerne sehen. Aber es ist nicht mein einziger Lebenstraum, in die herrliche sehende Welt einzutauchen. Ich kann auch viel erkennen, wenn ich Menschen die Hand gebe oder wenn ich ihnen zuhöre.

Was würden Sie gerne sehen?

Landschaften, vor allem mit Schnee natürlich. Auch Farben. Mein eigenes Gesicht und die Gesichter meiner Freunde zu sehen, wäre am coolsten.


Interview: Annette Kögel und Robert Ide.

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