Interview : "Sensationell"

Wolfgang Schäuble fährt Handbike, wann immer er Zeit dafür hat. Als Junge wollte er Fußballspieler werden. Was der Bundessportminister von den Paralympics in China erwartet.

Annette Kögel
Peking 2008 - Deutsches Haus - Schäuble
Wolfgang Schäuble. Der Bundesinnenminister ist auch zuständig für das Sportressort der Bundesregierung.Foto: dpa

Gerade erst haben wir die Olympischen Spiele in Peking miterlebt. Einige Menschen haben jetzt aber möglicherweise genug von Spiel und Sport. Warum sollten sie trotzdem die Paralympics verfolgen?



Es gab ja nun ein paar Tage Pause. Ich kann aber wirklich empfehlen, die Olympischen Spiele der Menschen mit Behinderungen mitzuerleben. Denn hier sind faszinierende Sportler am Start. Und es werden sicher spannende Wettkämpfe. Das haben auch die Medien erkannt. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender beispielsweise berichten mehrere Stunden täglich von den Paralympics. Diese Wettkämpfe haben einen eigenen Stellenwert in der öffentlichen Wahrnehmung gefunden.

Sie selbst haben die Winterspiele in Turin vor zwei Jahren miterlebt. Welche Disziplinen und Athleten begeistern Sie besonders?

Ich fand Sledgehockey sensationell. (Anmerkung der Redaktion: Das ist Eishockey für Rollstuhlfahrer. Die Sportler rasen in besonderen Schlitten übers Eis und schieben sich mit den verkürzten Schlägern an.) Das ist irre schnell, da kommt man beim Zuschauen kaum hinterher, und die Stimmung in der Halle war unbeschreiblich. Aber auch die Skilangläufer waren sehr eindrucksvoll – die blinde Langläuferin Verena Bentele etwa. Sie hatte ja mal Probleme, einen Begleitläufer zu finden, da kann schließlich nicht jeder voranfahren und Tipps zur Strecke zurufen, das müssen schon Leistungssportler sein. Um zu den Sommersportarten zu kommen: Haben Sie schon mal beim Tischtennis zugeschaut? Ich finde auch die Leichtathletikdisziplinen spannend und die Rennrollstuhl-Wettkämpfe. Ich vermute, dass Rollstuhlbasketball jetzt zu den Highlights gehören wird.

Athleten mit Handicap scheint der Wettstreit mit ihresgleichen aber nicht immer auszureichen. Der südafrikanische Prothesenläufer Oscar Pistorius will bei Olympia starten, seine Landsfrau und Schwimmerin Natalie du Toit war jetzt in Peking schon erfolgreich dabei. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Für mich haben beide Spiele ihre Berechtigung. Natürlich wird nicht jeder Athlet infolge seiner körperlichen Einschränkungen überhaupt die Chance haben, sich mit einem nichtbehinderten Athleten zu messen. Bei Oscar Pistorius gab es aber sogar die Debatte, ob er wegen seiner Prothesen nicht Vorteile gegenüber Läufern mit zwei gesunden Beinen habe. Der Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne hat aber entschieden, dass das nicht so ist. Leider hat sich Pistorius aber doch nicht qualifizieren können. Ich finde es gut, dass das keine abgeschotteten Welten sind. Dass Menschen mit und ohne Handicap aufeinandertreffen, macht Sinn – auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Die Paralympics wurden im Vorfeld der Wettkämpfe in China weniger kritisch diskutiert als die Olympischen Spiele. Was haben die sportlichen Events denn nun tatsächlich in China verändert – und was können die Paralympics für Gleichberechtigung und gerechte Teilhabe am öffentlichen Leben bewegen?

Ich teile die Meinung von IOC-Präsident Jacques Rogge. Der sagte, China habe sich geöffnet, die Welt habe mehr über China gelernt, und China habe auch mehr von der Welt erfahren. Das wird sicher genauso für die Paralympics gelten. Das Vogelnest und andere grandiose Sportstätten, die für Olympia errichtet wurden, bleiben den Chinesen langfristig erhalten. Sie sind übrigens alle barrierefrei – dafür habe ich ja nun einen gewissen Blick. Zu vergessen ist auch nicht, dass China bei den Wettkämpfen der Behinderten den Medaillenspiegel seit Jahren anführt. China wird große Anstrengungen unternehmen, um tolle Paralympics auszurichten. Umso mehr freue ich mich, dass Bundespräsident Horst Köhler, der ja ein besonderes Herz für den Behindertensport hat, Deutschland jetzt bei der Eröffnungsfeier vertreten wird.

China will die größten Paralympics aller Zeiten ausrichten …

Die paralympischen Spiele sind für diese Nation sehr bedeutend. Behinderte werden infolge der Spiele als großartige Sportler wahrgenommen. Ich finde, schon das ist ein wichtiges Ergebnis, bevor die Wettkämpfe überhaupt angefangen haben.

Auch in Deutschland gilt der Behindertenleistungssport nicht mehr als Randsportart. Die Bundesregierung würdigt Sport und Sportler durch erhebliche finanzielle Unterstützung. Haben Sie denn Ihre Ankündigung von Turin wahrmachen können, dass zunehmend Menschen mit Behinderungen Jobs bei Bundesbehörden bekommen sollen, etwa beim Zoll und dem Bundesgrenzschutz?

Wie Sie wissen, ist das bei gleicher oder auch höherer Qualifikation wegen der körperlichen Einschränkungen leider manchmal nicht ohne weiteres machbar. Da müssen wir von Fall zu Fall entscheiden. Doch in der Verwaltung ist einiges angestoßen worden. Ich habe nach den Winterspielen vor zwei Jahren alle Bundesressorts persönlich in dieser Sache angeschrieben. Der Etat für den Deutschen Behindertensportverband liegt in diesem Jahr bei 5,2 Millionen Euro, darin sind auch die Entsendekosten für die deutsche Nationalmannschaft enthalten. Insgesamt fördern wir den Leistungssport von Menschen mit Behinderungen 2008 mit 6,3 Millionen Euro, dazu zählen auch die Aufwendungen für die Special Olympics Deutschland – dem Wettkampf der geistig Behinderten.

Finden Sie selbst noch Zeit, Sport zu treiben?

Ich bin am Wochenende oft mit dem Handbike unterwegs, um mich fit zu halten. Im Urlaub ist das meine Hauptbeschäftigung.

Haben Sie eigentlich jemals an eine Karriere im Sport gedacht?

Natürlich! Als Junge wollte ich der zweite Fritz Walter werden.

Das Gespräch führte Annette Kögel

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