Interview : "Vergessen Sie nicht das Bündnerfleisch!“

Was die Schweiz zusammenhält? Hertha-Trainer Lucien Favre über Käse, Rösti und das Bankgeheimnis.

Lucien Favre
Hertha-Trainer Lucien Favre. -Foto: ddp

Herr Favre, kennen Sie das Comic-Heft „Asterix bei den Schweizern“?

Asterix? Na klar, der kleine Krieger mit seinem dicken Freund Obelix, und war da nicht auch ein Sänger, der immer so furchtbar falsch gesungen hat? Hab ich als Kind gelesen. Aber ich wusste gar nicht, dass es auch ein Heft über die Schweiz gibt.

Asterix und Obelix reisen in die Schweiz, weil ihr Druide Miraculix für einen seiner Zaubertränke ein Edelweiß braucht. Es wimmelt in diesem Comic von Klischees: Die Schweizer sind übertrieben sauber, ziehen alle paar Stunden ihre Kuckucksuhren auf, sie jodeln, blasen in Alphörner und sterben bei dem Gedanken, jemand könnte das Bankgeheimnis brechen. Und sie ernähren sich fast ausschließlich von Käse.

Käse? Ihr denkt bei der Schweiz an Käse? Komisch, ich hätte gedacht, die Berge wären unser Markenzeichen. Aber gut, natürlich essen wir gern Käse in allen Variationen, auch als Raclette oder Fondue. Aber es wäre ein bisschen unfair, unsere Küche allein auf Käse zu reduzieren. Vergessen Sie bitte nicht das Bündnerfleisch aus Graubünden, die Züricher Rösti, die Schokolade von Lindt oder die Kalbsbratwurst aus St. Gallen. Sie können in St. Gallen nicht zu einem Fußballspiel gehen, ohne eine Bratwurst zu essen.

Bei der Fußball-Europameisterschaft gibt es leider kein Spiel in St. Gallen. Was ist denn sonst typisch schweizerisch?

Ich glaube, ein paar Klischees aus dem Asterix-Heft treffen es zum Teil ganz gut. Wir sind sehr pünktlich, ohne Uhren geht gar nichts. Schauen Sie hier, ich trage eine Tissot, ein Geschenk meiner Frau zum Geburtstag. In ein Alphorn habe ich allerdings noch nie geblasen, das ist Sache der Deutsch-Schweizer. Ich bin ein Romand…

… aus der französischsprachigen Schweiz. Für Außenstehende ist nicht so leicht nachzuvollziehen, dass in einem so kleinen Land gleich vier Sprachen gesprochen werden. Gibt es überhaupt eine gemeinsame Schweiz?

Das ist eine heikle Frage. Sie kennen vielleicht den Röstigraben…

… die inoffizielle Demarkationslinie zwischen der deutschen und der französischen Schweiz.

Viele halten das für eine humorvolle Bezeichnung, aber nicht alle. Sie müssen wissen, dass die Deutsch-Schweizer über 60 Prozent der Bevölkerung stellen, nur 20 Prozent sprechen Französisch, 7 Prozent Italienisch, und ein kleiner Teil sind die Rätoromanen. Dieses Nebeneinander geht nicht immer völlig konfliktfrei ab. Was uns trennt, sind ja nicht nur sprachliche Unterschiede, wir reden hier ja auch über unterschiedliche Mentalitäten.

Es heißt, die Deutsch-Schweizer seien beim Rest nicht allzu beliebt.

Das fragen Sie mich als Romand? Also, ich persönlich habe mit den Deutsch-Schweizern überhaupt kein Problem. Wir Romands sind ein wenig entspannter als die Deutsch-Schweizer, unser Lebensstil und unsere Mentalität orientieren sich eher an Frankreich. Mit Ausnahme der Genfer, die überhaupt nichts mit den Franzosen anfangen können.Fragen Sie mich nicht, warum.

Auf der anderen Seite haben die Deutsch-Schweizer kein besonders entspanntes Verhältnis zu den Deutschen.

Dabei sind sie ihnen von der Mentalität her sehr ähnlich. Wenn es zum Beispiel um das Militär geht, sagen wir Romands immer: Lasst das mal die Deutschen machen, bei denen ist das gut aufgehoben.

Die Deutschen verbinden mit der Schweiz den Gründungsmythos ihrer Republik. Haben Sie schon mal vom Wunder von Bern gehört?

Na klar. Dort haben die Deutschen 1954 das WM-Finale gegen Ungarn gewonnen. Dieser Sieg hat euch geholfen, wieder eine glückliche, stolze Nation zu werden. Schön, dass es in der Schweiz passiert ist.

Wie kommen die Schweizer eigentlich damit zurecht, dass ihre Nationalmannschaft demnächst von einem Deutschen trainiert wird?

Ottmar Hitzfeld ist doch längst ein halber Schweizer, er hat bei uns seine Trainerlaufbahn begonnen und kennt die Mentalität sehr gut. Er verzichtet auf sehr viel Geld. Das ist bei den Schweizern sehr gut angekommen. Ich glaube, er will sich noch einmal einen Traum erfüllen und als Nationaltrainer bei der nächsten Weltmeisterschaft auf der Bank sitzen.

Danach könnte der Job für Sie interessant werden. Sie sind immerhin der erfolgreichste Schweizer Trainer der vergangenen Jahre.

Ich war ja schon mal im Gespräch, Ende der neunziger Jahre, aber da war ich zu jung. Zurzeit kann ich es mir nicht vorstellen, nur noch einmal im Monat mit auf dem Trainingsplatz zu stehen. Man wird sehen, was die Zukunft bringt.

Zurzeit spekulieren Schweizer Zeitungen mal wieder, Sie würden Berlin nach dieser Saison verlassen.

Blödsinn. Ich bin glücklich und zufrieden in Berlin, in habe einen Vertrag bei Hertha, und den werde ich erfüllen.

Sie haben erfolgreich bei Servette Genf in der französischen und noch erfolgreicher beim FC Zürich in der deutschen Schweiz gearbeitet. Die italienische Schweiz fehlt Ihnen noch.

Die italienische Schweiz ist ein Traum – für Touristen. Wenn Sie mal im Tessin gelebt haben, wollen Sie nicht mehr weg. Es ist einfach zu schön und zu gemütlich, und es könnte den Spielern schwer fallen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Sprechen Sie Italienisch?

Ein ganz kleines bisschen. Mir gefällt die italienische Nationalhymne ganz gut. Das ist Musik, das ist Leidenschaft.

Schöner als der Schweizer Psalm, Ihre Nationalhymne?

Es gibt keine Hymne, die schöner ist als die eigene. Das versteht sich von selbst. Ich liebe mein Land und ich bin ein guter Staatsbürger, aber dennoch bin ich so frei zu sagen, dass mir andere Hymnen auch sehr gut gefallen. Wie gesagt die italienische, aber auch die russische oder die deutsche. Aber selbstverständlich habe ich früher vor Länderspielen unser Lied gesungen.

Auf Deutsch oder Französisch? Oder gibt es nur eine Version?

Nein, nein, in allen vier Landessprachen. Ich habe natürlich Französisch gesungen: „Täterää, Sur nos monts quand le soleil annonce un brillant réveil, tätärää.“ Na, und mein Nebenmann aus Zürich, der hat eben Deutsch gesungen und ein anderer wahrscheinlich Italienisch.

Rätoromanisch, die vierte Landessprache, spielt offensichtlich keine große Rolle.

Ich bitte Sie, das kennt kaum einer, ich glaube, es wird in ein paar abgelegenen Bergtälern in Graubünden gesprochen. Es gibt ein paar Wissenschaftler, die wollen es unbedingt am Leben halten, aber ich halte nicht viel davon. Es hilft uns nicht, in der Vergangenheit zu leben, wir müssen nach vorne schauen. Die Schweiz ist doch keine Insel, isoliert vom Rest der Welt. Wir sind im Zentrum Europas zu Hause.

Sehen das alle Schweizer so? Ihr Land mag mitten in Europa liegen, will aber auf keinen Fall Mitglied der EU werden.

Da sind wir wieder bei dem Problem der verschiedenen Mentalitäten. Wir Romands hätten kein Problem mit einem EU-Beitritt. Aber die überwiegende Mehrheit stellen nun mal die Deutsch-Schweizer, und die sehen das ganz anders.

Demokratie funktioniert über Mehrheiten.

Das stimmt, und wir Schweizer sind gute Demokraten und halten uns daran. Von außen mag unser politisches System ein wenig verwirrend aussehen, mit einem Bundesrat, der die Macht hat, und einem Präsidenten, der weniger zu sagen hat und jedes Jahr neu gewählt wird. Aber es funktioniert. Trotz aller Unterschiede leben wir Schweizer glücklich und zufrieden zusammen.

Das Gespräch führte Sven Goldmann.

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