Interview : "Von den meisten werde ich geduzt"

Thomas Tuchel über den Trainerjob in Mainz, die Begegnung mit Jürgen Klopp und die süddeutsche Schule.

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Thomas Tuchel, 36, ist seit dieser Saison Trainer des Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05. -Foto: dpa

Herr Tuchel, haben Sie es schon aufgegeben, sich gegen Vergleiche mit Jürgen Klopp zu wehren?



Ich stehe ja nicht im Verdacht, ihn nachzumachen. Ich kenne ihn nur aus einem fünfminütigen Telefongespräch, in dem er mir am Anfang alles Gute gewünscht hat. Dass es bei Mainz 05 Leute gibt, die durch die guten Erfahrungen mit Klopp wieder Mut für eine unpopuläre Entscheidung gefasst und mich zum Cheftrainer gemacht haben, darüber bin ich nicht traurig.

Sie kommen beide aus Baden-Württemberg, Mainz ist jeweils Ihre erste Station als Trainer in der Bundesliga und Sie tragen beide Kapuzenpullis.

Ich ziehe die Kapuzenpullis auch gerne an. Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst bei den Heimspielen, dass der vierte Offizielle denkt, ich sei ein Ersatzspieler, der sich gerade tierisch aufregt.

Am Samstag treffen Sie zum ersten Mal aufeinander, Dortmund gegen Mainz, der neue Mainzer Trainer Tuchel gegen das Mainzer Traineridol Klopp.

Wir beide sind bestimmt froh, wenn dieses erste Spiel vorbei ist. 6000 bis 7000 Mainzer fahren mit nach Dortmund, viele von meinen Spielern haben noch mit Klopp trainiert, auch ich werde mich diesen Emotionen nicht entziehen können.

Sie gelten als verkopfter Trainer. Was macht der Trainer Tuchel am Samstag, wenn die Emotionen überhand nehmen?

Ich sehe den Trainerjob eher als Vorbereitungsjob, die Woche nutzen, damit die Mannschaft weiß, was sie zu tun hat. Dazu gehört auch, Führungsspieler vor einem Spiel wie diesem zu fragen: Was glaubt ihr, was euch erwartet? Herauszuhören, auf was sie vorbereitet sind und auf was nicht. Während des Spieles habe ich kaum Einfluss, da hätte ich gerne eine Auszeit wie im Handball oder Basketball.

Dafür wollen Sie unmittelbar vor Beginn umso mehr beeinflussen. Vor dem Spiel gegen den FC Bayern haben Sie die Motivationsrede von Al Pacino im Football-Film „An jedem verdammten Sonntag“ gezeigt, vor dem Spiel gegen Hoffenheim den Haka, den Kriegstanz der Maori.

Das hat einfach zu unseren Spielmottos gepasst. Gegen die Bayern war das ein mutiges, aggressives Anlaufen, zu versuchen, sie zu beeindrucken, sogar einzuschüchtern. Die Rede von Al Pacino bringt alles rein, worum es geht. Ich habe sie gewählt, um die Aufmerksamkeit völlig wegzubringen vom Spiel. Wenn der Raum dunkel wird und ein Film gezeigt wird, setzt das noch mal ganz andere Prozesse in Gang.

Beide Spiele haben Sie 2:1 gewonnen.

Gegen Hoffenheim war das Motto Verbissenheit. Wenn sie die Gesichter der neuseeländischen Rugbyspieler sehen, ist das ein Sinnbild für Verbissenheit. Wir werden auch gegen Dortmund schauen, wer diese aggressive Grundhaltung, dieses Anspruchsdenken, drei Punkte zu holen, reinbringt und nicht nur eine Wiedersehensfeier veranstalten will.

Viele erfolgreiche Trainer kommen aus Süddeutschland: Joachim Löw, Ralf Rangnick, Rainer Adrion – und Sie.

Ich bin total geprägt von der baden-württembergischen Schule, vom Spiel gegen den Ball, also aggressivem, frühem Verteidigen. In den fünf Jahren, in denen ich beim VfB Stuttgart im Nachwuchs-Leistungszentrum gearbeitet habe, bin ich außerdem geprägt worden vom Denken, jedes Spiel gewinnen zu wollen, eine Niederlage fast als persönliche Beleidigung aufzunehmen, auch wenn der Gegner auf Augenhöhe ist.

Wie hat Sie das verändert?

Vor dieser Saison hat mir jemand gesagt: Jetzt trainierst du zum ersten Mal in deiner Karriere eine Mannschaft, die wesentlich häufiger verliert als gewinnt. Da habe ich erst mal gerechnet, weil ich nicht glauben konnte, dass man so in der Klasse bleibt. Dann habe ich mich aber total gegen diese Haltung gesträubt, sich auf Niederlagen einzustellen. Das bin nicht ich.

Ihr Führungsstil ist ein kommunikativer, haben Sie einmal gesagt, was heißt das?

Ich möchte Verantwortung weitergeben und zurückbekommen, Verantwortung für das Ergebnis und für unseren Weg. Ich möchte den Spielern Wertschätzung geben, in Gesprächen, die auch von mir ausgehen, nicht nur, weil der Spieler gerade ein Problem hat. Die Mannschaft muss sich wiederfinden in unserem Plan. Für das „Was“ übernehme ich die Verantwortung, das „Wie“ müssen die Spieler mit Leben füllen. Das bedeutet nicht, dass wir uns zu Tode diskutieren und alle fragen, was sie heute gerne trainieren würden.

In welchen Situationen sind Sie auf der Hut, Ihre Autorität nicht zu verlieren?

Ständig. Wir nehmen aber im Trainerteam für uns in Anspruch, dass wir am meisten über das Spiel wissen.

Ist der kommunikative Stil eine Frage des Charakters oder der Generation?


Es macht schon den Eindruck, dass es an der Generation liegt. Ich glaube, ich bin auch deshalb in Mainz ausgewählt worden, weil diese Art hier geschätzt wird. Die Entscheidung für mich wäre nicht in allen Klubs möglich gewesen. Autorität ergibt sich jedenfalls nicht daraus, ob ich gesiezt oder geduzt werde oder auf dem Platz herumschreien muss.

Werden Sie geduzt oder gesiezt?

Ich habe es den Spielern freigestellt. Manche siezen mich lieber und sagen Trainer, andere duzen mich.

Viele?


Von den meisten werde ich geduzt. Aber das kann ich Ihnen gar nicht so genau sagen, weil es nicht entscheidend ist. Ich bin zwar neu in der Bundesliga, aber ich habe schon zehn Jahre Erfahrung als Trainer.

Wie stabil ist Ihr kommunikativer Stil in Krisensituationen?

Wir leben doch hier nicht auf einer Insel. Auch bei uns gibt es Reibereien. Aber durch die Wertschätzung, die wir den Spielern vermitteln, wissen wir vielleicht früher über Bedürfnisse Bescheid.

Sie haben Betriebswirtschaft studiert. Haben Sie jetzt etwas davon?

Viele gute Grundsätze aus der Personalentwicklung. Dass man bei Sympathie für einen Spieler eher geneigt ist, auf gute Dinge zu warten und bei Antipathie auf schlechte. Da hinterfrage ich mich regelmäßig, ob mir das nicht gerade passiert. Und ich habe im Studium gelernt, mich durch etwas durchzubeißen, was mir eigentlich keinen Spaß gemacht hat.

Sie hätten auch gleich als Trainer anfangen können.

Ich hatte nach meiner Karriere in der Tat das Gefühl, dass ich im Fußball bleiben will, aber keine Ahnung, in welcher Funktion. Ich wusste viel über das Spiel und hatte auch eine große Neugier. Ich habe mir schon als Spieler wahnsinnig gerne Trainingseinheiten angeschaut. Ich wollte Teambesprechungen hören. Eine Verletzung hat mich dann runtergeschmissen vom Karussell Fußball und da war ein ganz konservativer Reflex: Jetzt wär’s mal gut, wenn du was Richtiges zum Abschluss bringst.

Ihre Karriere war mit 24 Jahren zu Ende. Müssen Sie jetzt etwas nachholen?

Gar nicht. Ich habe als Nachwuchstrainer wahnsinnig viel positive Rückmeldung bekommen. Ich habe das auch nie aus der Motivation gemacht, irgendwann in den Profifußball zu kommen. Ein englischer Kollege hat mir mal gesagt: Das Problem von euch jungen Trainern ist, wenn ihr U-15-Trainer seid, wollt ihr die U 16 übernehmen, wenn ihr die U 17 trainiert die U 19, seid ihr bei der U 23, wollt ihr Kotrainer von den Profis sein – aber ihr gebt dabei Energie her und vergesst, dass sich das nur um Nuancen unterscheidet.

Und das haben Sie verinnerlicht?


Ich glaube, es ist ein wesentlicher Grund dafür, warum ich jetzt hier sitze, dass ich mich in den vergangenen Jahren nicht ständig gefragt habe: Wo geht dein Weg hin, was wird dein nächster Schritt sein? Sondern, was ist der nächste Schritt für meine Mannschaft in der nächsten Woche? So war es bis zu dem Abend, als mich Manager Christian Heidel angerufen und gesagt hat, wir sollten uns dringend mal zusammensetzen.

Sie sind nun in der Bundesliga, und was kommt jetzt?


Ein gutes Motto ist, Grenzen offen zu lassen und immer wieder zu verschieben. Was man sich traut zu denken, kann man auch erreichen. Auch wir hier im Klub dürfen uns nicht künstlich klein machen. Wir gehören zu den Top 25 in Deutschland.

Sie untertreiben.

Aktuell stehen wir gut da. Es wäre schön, wenn wir unsere Entwicklung fortsetzen können, auch mit unserem neuen Stadion. Und wieso sollten wir nicht irgendwann unter den Top 15 stehen und uns keine Gedanken mehr um den Abstieg machen müssen? Aber der Weg muss ein anderer sein als derjenige der Klubs, die ihn vorher gegangen sind. Wir werden niemanden überholen, wenn wir nur in die Fußstapfen der anderen treten.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

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