Interview : Weltmeister Engelmann: "Entscheidungen des Ruderverbands falsch"

Thorsten Engelmann, der sich aus dem neu zusammengesetzten Achter zurückgezogen hatte, kritisiert Ruderverband und DOSB.

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Kritiker. Thorsten Engelmann (links, mit Ex-Achterkollege-Sebastian Schulte) zieht den Verband zur Verantwortung.Foto: dpa

Thorsten Engelmann, 27, war Mitglied des deutschen Ruder-Achters, mit dem er 2006 Weltmeister, 2002 und 2007 Vize-Weltmeister wurde. Nach mäßigen Leistungen zu Jahresbeginn wurde der Achter kurz vor den Olympischen Spielen umbesetzt, sechs Ruderer und der Trainer wurden ausgetauscht. Engelmann entschied daraufhin, nicht mit nach Peking zu fahren. Nach dem Scheitern des neu formierten Achters am Dienstag erklärten Engelmann und sechs andere Weltmeister ihren Rücktritt. Im Interview mit Tagesspiegel Online will Engelmann jedoch ein Comeback 2012 nicht ausschließen.

Herr Engelmann, der deutsche Achter ist eben mit dem letzten Platz im olympischen Hoffnungslauf ausgeschieden. Wo haben Sie das Rennen gesehen?

Vor dem Fernseher in Deutschland. Ich bin gerade in der Klausurvorbereitung und lerne den ganzen Tag.

Empfinden Sie bei dem schlechten Abschneiden des Achters jetzt Genugtuung oder doch eher Enttäuschung über dieses Ergebnis?

Es ist sehr schade für den Rudersport. Ich habe mit dazu beigetragen, dass der Achter so einen guten Ruf hatte, habe fünf Medaillen geholt und war jahrelang Teil dieses Bootes. Da ist mir das natürlich nicht egal, der Schaden besonders fürs Image ist enorm. Aber persönlich empfinde ich Befriedigung. Das zeigt doch, dass die Entscheidungen, die der Deutsche Ruderverband getroffen hat offensichtlich falsch waren. Eine so unerfahrene Mannschaft zu Olympia zu schicken, dass konnte doch nicht gut gehen. Sie waren von Anfang an zu schwach.

Sie persönlich hatten noch die Chance mitzufahren, warum haben Sie sich dagegen entschieden?

Nach dem vierten Platz 2004 in Athen hatte ich nur ein Ziel: in Peking eine Medaille zu holen. Als dann der komplette Achter umstrukturiert wurde, habe ich gesagt: Da bleibe ich lieber zu Hause, als bei diesem Debakel dabei zu sein. Nun bin ich froh, dass ich hier vor dem Fernseher sitze und nicht im Boot.

Aber der Achter wurde ja vor allem aufgrund der Leistungen zu Beginn des Jahres umstrukturiert, als Sie auch hinterherfuhren. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass der „alte" Achter besser gewesen wäre?

Wir hatten nie die Chance, in der Zusammensetzung von 2006 zu fahren, als wir Weltmeister wurden. Es wurden immer Kompromisse gemacht, das hat nie richtig zusammengepasst. Aber die Entscheidung hatte nichts mit sportlichen Leistungen zu tun, die Funktionäre haben so entschieden, weil wir ihnen zu kritisch waren, zu oft ihre Entscheidungen und Trainingsmethoden angezweifelt haben. Sie wollten einige von uns schlichtweg loswerden, da kamen die mäßigen Leistungen gerade recht.

Aber warum hat die Leistung denn nicht gestimmt?

Wir haben doch auf ein langfristiges Ziel hintrainiert. Aus dem Training heraus ist es schwer, immer gute Leistungen zu bringen. Wir haben doch für Olympia trainiert. Aber hätte ich auch nur ansatzweise mit dieser Konsequenz gerechnet, dann hätten wir vielleicht auch auf die kurzfristigen Ziele hin trainiert. Nur dass dann das langfristige Ziel auch wieder in Gefahr geraten kann. Ich habe mit dieser Entscheidung wirklich nicht gerechnet, niemals. Da sind wirklich viele Fehler passiert.

Von welcher Seite?

Natürlich vom Verband. Aber auch vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Ich war wirklich enttäuscht, dass die einen so unerfahrenen Achter überhaupt nominieren. Wir haben ja gar nicht gesagt, dass wir besser wären, aber wir haben ein faires Ausscheidungsrennen gefordert. Der alte gegen den neuen Achter, um zu sehen, welcher besser ist, und der soll dann fahren. Aber der Verband hat uns das einfach verweigert.

Können Sie sich vorstellen, wieder in den Achter einzusteigen?

Ich bin 27, und ich habe noch immer Lust zu trainieren, tue das auch täglich. Natürlich wäre es schön, wenn ich 2012 in London doch noch den Traum einer Medaille bei Olympia erfüllen könnte. Aber das geht nur, wenn sich in den Strukturen des Verbandes grundlegende Dinge ändern und Personen wie Sportdirektor Michael Müller nicht mehr das Sagen haben. Aber das sehe ich derzeit nicht.

Das Gespräch führte Anke Myrrhe.

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