Interview : "Wer die Türkei übersteht, steht über den Dingen"

Frank Wormuth über seine Zeit als Kotrainer von Joachim Löw bei Fenerbahce Istanbul.

Frank Wormuth
Frank Wormuth. -Foto: dpa

Herr Wormuth, wie gut spricht Joachim Löw eigentlich Türkisch?

Keine Ahnung. Ich glaube, ich habe ihn noch nie Türkisch reden hören.

Sie haben ein Jahr zusammen mit ihm bei Fenerbahce Istanbul gearbeitet und sind ohne Türkisch ausgekommen?

Ein paar Worte haben wir uns schon angeeignet. Das, was du im Spiel brauchst. Weiter! Auf geht’s! Schneller!

Hatten Sie keinen Unterricht?

Leider nicht. Wenn du als Trainer im Ausland arbeitest, solltest du auch versuchen, die Sprache zu lernen. Aber wir mussten damals nicht Türkisch sprechen. Die meisten Spieler haben Englisch oder Deutsch verstanden. Dazu hatten wir noch einen Dolmetscher.

Es kann auch ein Vorteil sein, wenn man nicht alles versteht, zum Beispiel das, was in der Zeitung steht.

In den ersten Wochen hat sich Jogi noch alles übersetzen lassen, was in den Zeitungen stand. Das war schon extrem. Es sind Interviews mit ihm erschienen, die er gar nicht gegeben hatte. Auch wurden Aussagen verdreht oder ganz anders wiedergegeben, als er sie gemacht hatte. Anfangs hat Jogi noch versucht, das richtig zu stellen, aber nach einer Zeit war ihm das egal. Du konntest ohnehin keinen Einfluss darauf nehmen, was die Journalisten geschrieben haben.

Joachim Löw wirkt immer sehr gelassen, sehr cool. Hat er das in der Türkei gelernt?

Mag sein, dass diese Erfahrung mitgeholfen hat. Aber Jogi Löw hat sein Ich nicht in der Türkei bekommen. Das hatte er schon, als wir dahingegangen sind. Vielleicht hat er es dort verfeinert. Wenn man als Trainer die Türkei überstanden hat, steht man ein bisschen über den Dingen.

Wie meinen Sie das?

Die Türken, zumindest die Fußballfans, sind sehr emotional. Wenn du erfolgreich bist, tragen sie dich buchstäblich auf Händen. Wenn du aber verlierst oder nur unentschieden spielst, geht dir dieselbe Hand, die dich vorher getragen hat, im übertragenen Sinne an die Gurgel.

Konnte sich Löw überhaupt frei bewegen in der Öffentlichkeit?

Fenerbahce ist der FC Bayern der Türkei, der Verein mit den meisten Fans. Es gibt den Spruch, dass in der Türkei zuerst der Staatspräsident kommt, dann der Präsident von Fenerbahce und dann der Trainer von Fenerbahce. Aber was Jogi jetzt als Bundestrainer erlebt, das ist schlimmer. Wenn er in Deutschland auf die Straße geht, kennt ihn wirklich jeder.

Hat Löw sich in Istanbul abgeschottet?

Überhaupt nicht, auch wenn wir damals in einer High-Society-Siedlung gewohnt haben, die von Sicherheitsleuten bewacht wurde. Aber da hat uns der Verein hingesetzt. Jogi ist jemand, der auf die Leute zugeht. Das hat er auch in der Türkei gemacht, und das ist dort riesig angekommen. Die Türken sind sehr gastfreundliche Menschen. Jeder öffnet dir die Tür, lädt dich zu sich nach Hause ein. Ich war da immer etwas reservierter, vielleicht weil ich typisch deutsch bin – oder damals gewesen bin. Jogi hat die Leute umarmt, sie angefasst, links und rechts geküsst, wie es dort üblich ist. Manchmal habe ich gedacht: Respekt!

War das bei ihm Kalkül?

Jogi ist ein typischer Wassermann. Wassermänner machen nichts, um die Erwartungen anderer zu erfüllen. Das kam bei ihm von innen heraus.

Trotzdem ist Löw nach einem Jahr entlassen worden.

Wir sind in der Meisterschaft Dritter geworden – zwei Stunden vor dem letzten Spiel hat unser Dolmetscher uns durch die Blume zu verstehen gegeben, dass wir beurlaubt werden. Ich glaube, alle haben das schon gewusst, nur wir nicht. Nach dem Spiel hat man uns gesagt, dass wir jetzt nach Hause fahren können. Warum? Keine Ahnung. Das Bizarre ist, dass man mit unserer Arbeit sehr zufrieden war. Ich kann nur vermuten, dass es politische Gründe gab. Wahrscheinlich ist irgendein Aufsichtsratsmitglied morgens schlecht aufgestanden.

Wie haben die Fans reagiert?

Die haben einen Tag geweint und wahrscheinlich am nächsten wieder gejubelt, als der neue Trainer vorgestellt wurde.

Ist Löw in der Türkei gescheitert?

Überhaupt nicht. Aziz Yildirim, der Präsident von Fenerbahce, hat später gesagt, es sei ein Fehler gewesen, sich von ihm zu trennen. Während dieser Saison sind in der Liga ungefähr 25 Trainer beurlaubt worden, nur Fatih Terim nicht, der mit Galatasaray Meister geworden ist, und Joachim Löw nicht. Alle anderen Klubs haben ihre Trainer gefeuert. Das ist schon mal eine Leistung.

Inwieweit hat Löw das Jahr in der Türkei auch als Trainer weitergebracht?

In Länderspielwochen haben wir im Training fünf gegen fünf gespielt: die fünf Trainer gegen die fünf Spieler, die nicht mit ihrer Nationalmannschaft unterwegs waren. Jetzt können Sie sich ausrechnen, wie viele Nationalspieler wir im Kader hatten und auf welchem Niveau wir gearbeitet haben. Solchen Spielern kannst du nichts vormachen. Ich glaube, für Jogi war das die Bestätigung: Ich mach’s richtig. Das hat ihm einen inneren Schub gegeben.

Löw war später noch einmal in der Türkei, bei Adanasport, und er hat gesagt, er kenne die Mentalität der Türken. Kann ihm das am Mittwoch helfen?

Ich glaube nicht, dass das eine große Rolle spielt. Die Türken haben im Moment einen guten Lauf: Sie haben dreimal zurückgelegen und die Spiele noch gedreht. Mag sein, dass das auch mit ihrem Trainer zusammenhängt, der seinen Jungs sagt: Es gibt nie ein Ende. Mir hat ein türkischer Kollege erzählt, dass vieles von dem, was Terim sagt, gar nicht übersetzt wird, dass er an den Nationalstolz appelliert, davon redet, dass die Spieler für ihr Land sterben müssten.

Hat sich der türkische Fußball verändert, seitdem Löw dort gearbeitet hat?

Der Fußball in der Türkei war schon vor zehn Jahren sehr technisch orientiert. In der Liga haben alle Klubs die Kugel laufen lassen, das hat sehr viel Spaß gemacht. Jetzt bei der EM kommt eine gewisse konditionelle Stärke hinzu. Ich habe gehört, dass die türkische Nationalmannschaft mit Fitnesstrainern aus den USA zusammenarbeitet. Das wundert mich nicht. Wenn die Mannschaft dreimal kurz vor Schluss das Spiel noch dreht, muss sie konditionell richtig was drauf haben. Das hat nicht nur mit der Moral zu tun, sondern auch mit dem Körper.

– Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

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