Interview : "Wir sind besser als in Peking"

Vor der Leichtathletik-WM spricht Bundestrainer Herbert Czingon im Tagesspiegel-Interview über das Potenzial der Deutschen.

Czingon
Herbert Czingon -Foto: dpa

Herr Czingon, ist es eigentlich eine schöne Aufgabe, Leichtathletik-Bundestrainer zu sein? Sie müssen doch ständig die Schwächephase rechtfertigen.



Das gehört ja seit einigen Jahren schon zu den Aufgaben des Bundestrainers: beschönigen, relativieren, erklären, wie man es nimmt. Aber das ärgert mich nicht sonderlich, wir können ja immer wieder auch Erfolge präsentieren.

Die Weltmeisterschaften im August in Berlin haben etwas Schicksalhaftes, eine Art letzte große Chance für die Leichtathletik in Deutschland. Spüren Sie das auch?

Ich spüre gar nicht so viel Druck und versuche diese Wahrnehmung auch an die Athleten weiterzugeben. Wir freuen uns riesig darauf, dass sich die Athleten vor so einem großen Publikum präsentieren können. Die Olympischen Spiele in Peking waren ein Ausrutscher nach unten. Wir wissen, dass wir viel besser sind.

Warum werden die deutschen Leichtathleten in Berlin besser abschneiden als in Peking?

Ich glaube, dass gerade in Berlin Athleten nach vorne kommen, die aufgrund ihrer Jugend bisher ihr Potenzial erst ansatzweise aus sich herausgeholt haben, zum Beispiel Ariane Friedrich im Hochsprung.

Was können Sie denn in der kurzen Zeit überhaupt erreichen?

Es geht unter anderem darum, das Geheimrezept der Stabhochspringer an andere weiterzugeben. Das Geheimrezept ist der Erfahrungsaustausch untereinander und die Nutzung leistungsdiagnostischer Ressourcen, zum Beispiel bei technischen Veränderungen.

In der Leichtathletik machen die Heimtrainer die Hauptarbeit. Was wissen Sie besser als Heimtrainer?

Es geht nicht darum, wer etwas besser weiß. Und wir haben ja auch noch die Disziplintrainer. Dadurch gibt es mehrere Meinungen. Das ist in der Leichtathletik wichtig, denn Trainingsbelastungen müssen ständig variiert werden. Da ist es gut, eine Auswahl an Konzepten zu haben. Wir haben darüber hinaus eine objektive Leistungsdiagnostik. Wenn in Sprungdisziplinen zum Beispiel die Anlaufgeschwindigkeit zu hoch oder zu niedrig ist, müssen wir dafür sorgen, dass dieses Wissen bei den Heimtrainern ankommt und zu Veränderungen führt. Das muss ohne „oben – unten“ passieren. Wir wollen Orientierungsmöglichkeiten anbieten, Freiheitsgrade.

Welche Maßnahmen können bis zum August wirken?

Natürlich ist die Zeit sehr kurz, aber wir sind auch keine „Task Force Berlin“. Wir müssen die Leichtathletik nachhaltig entwickeln. Uns geht es darum, Leute zum Meinungsaustausch zu bringen, wo bisher Sprachlosigkeit herrschte. Und auch Diagnostik besser zum Einsatz zu bringen. Da gibt es viele kleine Eingriffspunkte, und ich habe als Trainer schon die erstaunlichsten Dinge erlebt, im Positiven wie im Negativen. Ich habe schon gesehen, dass Athleten, die an sich glauben, in eine Flow-Situation kommen, dass auf einmal besondere Leistungen möglich sind. Das heißt aber nicht, dass wir jetzt allen Athleten mit einer Psycho-Masche kommen.

Haben Sie Mitleid mit Ihrem Kollegen Rüdiger Harksen?

Sie meinen, weil er sich um die weniger erfolgreichen Laufdisziplinen kümmert? Aber er hat doch auch attraktive Chancen, etwa über die Staffeln. Und in seinem Bereich ist die einzige deutsche Weltranglistenerste, Marathonläuferin Irina Mikitenko. Außerdem haben wir gerade einen jungen Sprinter wiederentdeckt, Christian Blum. Es ist doch auch so: Gerade dort, wo die Erwartungen nicht so hoch sind, da sind Überraschungen möglich.

Die deutschen Leichtathleten fühlen sich ständig benachteiligt, weil in anderen Ländern die Dopingkontrollen nicht so gut funktionieren.

Ich mache mir schon lange keine Illusionen mehr. Nach vielen Hintergrundgesprächen muss ich annehmen, dass viele Trainer aus den ehemaligen GUS-Staaten es gar nicht anders wissen, als über Doping zum Erfolg zu kommen. Bei 100 000 Dollar für eine Goldmedaille ist der Gedanke an Fairplay unter den dortigen Lebensbedingungen eben Luxus. Ich rechne nicht damit, dass sich das schnell ändert. Aber zu Selbstgerechtigkeit besteht kein Anlass, weil auch in Deutschland das Dopinggeschäft bis zur Perfektion betrieben worden ist.

Und heute?

Es ist ein schlechter Witz, sich vorzustellen, dass jemand in Deutschland in der Leichtathletik noch versucht, mit unsauberen Mitteln zu arbeiten. Hier wird sauber gearbeitet, und wir muten unseren Athleten zu, dass sie sich 365 Tage im Jahr eine Stunde am Tag zur Verfügung halten für eine Dopingkontrolle. Das Kontrollsystem lässt keinerlei Freiräume. Es ist auch nicht mehr möglich, individuell zu betrügen. Es braucht einen erheblichen technischen Aufwand, der nur in einer Art Bandenkriminalität zu organisieren wäre. Das wird irgendwann auffallen, wie die Fälle Balco und Fuentes oder das Heredia-Interview gezeigt haben. Ob das Kontrollsystem auch in anderen Ländern mit einer anderen Mentalität funktioniert, wage ich zu bezweifeln. Da gibt es eben eine Halbherzigkeit, wie sie vielleicht auch bei uns früher war.

Raubt die Dopingdebatte nicht einen Teil der Motivation?

Leistungen, von denen man nicht weiß, ob sie sauber gebracht wurden, sind schlecht für die Leichtathletik. Aber wir können noch so viele Dinge besser machen. Auch für unsere Athleten sind noch Steigerungen möglich – sauber und in manchen Disziplinen bis in die Weltrekordbereiche hinein. Eike Onnen hat gezeigt, dass er auch 2,40 Meter hoch springen könnte. Wir müssen in Deutschland einfach mit Freude unseren Sport betreiben. Dann werden die Zuschauer auch unsere Athleten unterstützen, wenn sie nicht ganz vorne sind.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

Herbert Czingon, 56, ist seit 2008 gemeinsam mit Rüdiger Harksen Bundestrainer der Leichtahleten. Czingon kümmert sich um Wurf- und Sprungdisziplinen und den Mehrkampf.

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