Interview zur WM 2014 : Sergej Barbarez: "Sie bedrohten meine Mutter"

Bosniens ehemaliger Fußballnationalspieler Sergej Barbarez spricht im Interview vor dem Spiel gegen Argentinien über WM-Traum von Bosnien und Herzegowina, Berti Vogts und Tränen in Sarajevo.

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Sergej Baraberz, 42, spielte 330-mal in der Bundesliga für hansa Rostock, Borussia Dortmund, den HSV sowie Bayer Leverkusen und bestritt 47 Länderspiele für Bosnien und Herzegowina.
Sergej Baraberz, 42, spielte 330-mal in der Bundesliga für hansa Rostock, Borussia Dortmund, den HSV sowie Bayer Leverkusen und...Foto: Reuters

Sergej Barbarez, was macht die aktuelle bosnisch-herzegowinische Elf so stark?

Die Spieler sind mittlerweile alle in ausländischen Topligen aktiv und dort zu wichtigen Akteuren geworden. Spieler wie Miralem Pjanic vom AS Rom, Lazios Senad Lulic, Edin Dzeko von Manchester City oder Asmir Begovic von Stoke City, den ich für einen der besten Keeper der Premier League halte. Sie alle haben eine gewisse Rationalität, Disziplin und westeuropäische Mentalität erlernt – also das, was vielen meiner Landsleuten in der Heimat fehlt.

In Bosnien-Herzegowina erwarten die Leute also den WM-Titel?
(Lacht) So weit sollten wir nicht denken. Aber es stimmt: Viele meiner Landsleute glauben, dass wir die Vorrunde schon geschafft haben. Doch so einfach wird das ganz sicher nicht. Wir haben einen tollen Kader, doch für den großen Wurf bei der WM ist die Bank vermutlich zu dünn besetzt.

Sie standen als Spieler im Oktober 2003 kurz vor der Qualifikation für ein großes Turnier. Wieso hat es nicht gelangt?
Wir waren in der EM-Qualifikationsgruppe mit Rumänien, Norwegen und Dänemark der totale Underdog. Bei einigen Spielen wurden wir sogar ausgelacht, weil wir nicht genügend Spieler zusammenbekamen. Nach Dänemark reisten wir etwa nur mit 13 Mann, und die Gegner spotteten: „Wollt ihr Hallenfußball spielen?“ Das hat uns allerdings enorm motiviert.
Ein Sieg gegen Dänemark hätte gereicht.
Doch das Spiel endete 1:1. Heute denke ich manchmal, dass wir nicht zwei Stunden vor Spielbeginn aufs Feld hätten gehen sollen. Auf den Tribünen in Sarajevo saßen all die Menschen, die zuvor im Krieg so viel Leid erlebt hatten. Wir wollten unbedingt ihre Erwartungen erfüllen – und verkrampften. Es war einer der emotionalsten und tragischsten Momente meines Lebens. Ich habe nach einem Fußballspiel nie so bitterlich geweint.

Sie hätten es einfach haben können: Berti Vogts soll an Ihrer Einbürgerung interessiert gewesen sein.

Es gab vor der WM 1998 tatsächlich diese Diskussion, und hätte ich ihn angerufen, wäre ich heute vielleicht mehrmaliger WM- und EM-Teilnehmer. Für mich hat sich die Frage damals nie gestellt, denn ich wollte immer für das Land spielen, in dem ich geboren wurde. Ganz egal, wie klein oder erfolglos die Nationalelf ist.

Wieso haben Sie erst mit 26 für Bosnien und Herzegowina debütiert?
Ich hatte bereits 1996 etliche Einladungen zu den Spielen bekommen, doch lehnte sie alle ab, denn meine Mutter Zlata bekam damals Morddrohungen. Sie ist gebürtige Kroatin und lebte damals im geteilten Mostar im kroatischen Teil. Ich habe immer gesagt: Erst wenn meine Mutter sicher ist, werde ich für mein Land spielen. Eines Tages schaltete sich die Politik ein und garantierte meiner Familie Schutz.
Ihre Mutter bekam also Bodyguards?
Mostar ist eine kleine Stadt, jeder wusste, wer meiner Mutter gedroht hat. Wenn gewisse Leute gewisse Hebel bewegen, reicht das. So habe ich am 14. Mai 1998 mein Länderspieldebüt gegeben. Wir verloren in Cordoba mit 0:5 gegen Argentinien.

Auch heute heißt der Gegner Argentinien. Was sollten die Spieler anders machen als Sie?
Sie sollten nicht nur nach vorne rennen. Was allerdings schwierig wird, denn unsere Elf kann eigentlich nur offensiv spielen (lacht).

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