Interview : "Zwei haben sich gemeldet"

Eistänzer Sascha Rabe spricht über weitere potenzielle Opfer von sexueller Belästigung, seinen Suizidversuch und sexistische Sprüche von Nachwuchstrainern.

Interview: Frank Bachner
Rabe
Getrenntes Duo. Sascha Rabe (mit Tanja Kolbe) muss sich erholen.Foto: dpa

Herr Rabe, Sie haben vor fünf Wochen einen Selbstmordversuch unternommen. Ausschlaggebender Punkt war ein Brief von DEU-Sportdirektor Udo Dönsdorf, dem Sie sexuelle Belästigung vorwerfen. Wie geht es Ihnen heute?

In bin in Therapie, ich bin im Training, ich konzentriere mich auf mein Studium, mir geht es eigentlich wieder gut.

Sie haben monatelang geschwiegen, nachdem Ihre Vorwürfe gegen Dönsdorf bekannt wurden. Jetzt reden Sie; ist das auch ein Teil der Verarbeitung der Vergangenheit?

Ja, auf jeden Fall. Es ist eine Art Therapie für mich, darüber offen zu reden. Es hilft mir.

Wie stabil fühlen Sie sich denn im Moment?

Ich habe eine Schutzfunktion aufgebaut, die hilft mir hoffentlich, dass mich so etwas in Zukunft nicht mehr berührt.

Nach Ihrem Suizidversuch haben mehr als 100 Personen aus der Eislaufszene, darunter der frühere Eiskunstläufer und jetzige ARD-Kommentator Daniel Weiss, einen offenen Brief an die DEU unterzeichnet. Darin wird mehr Hilfe für Opfer sexueller Belästigung und Gewalt gefordert. Haben Sie schon bemerkt, dass der Brief Reaktionen ausgelöst hat?

Der Brief hat mich auf jeden Fall gestärkt. Er zeigt mir, dass ich nicht allein stehe. Und es passiert etwas über die Medien. Aber die Reaktionen, die ich persönlich spüre, sind gleich wie vor dem Brief.

Nämlich?

Ein kommen ein paar Leute und haben den Mut, mit mir darüber zu reden.

Dazu braucht man Mut?

Naja, es ist ja doch ein schweres Thema. Und für den einen oder anderen war es unangenehm, mit mir darüber zu reden. Aber das Thema ist es jetzt so breit in den Medien, dass die sich inzwischen leichter tun und mich ansprechen. Und wenn sie Fragen haben, beantworte ich die gerne.

Sind das auch Ihrer Sicht konstruktive Gespräche?

Viele sind es, ja. Natürlich wollen auch immer noch welche Ratschläge geben, mindestens einen oder zwei Ratschläge pro Tage bekomme ich noch. Aber ich bin mittlerweile an einem Punkt, an dem ich keine mehr brauche. Ich gehe da meinen eigenen Weg, zusammen mit Frau Vogt-Röller, meiner Anwältin.

Kommen diese Anrufer aus der Eislauf-Szene?

Auch. Aber es sind auch viele Menschen, die ich aus dem Studium kenne. Die haben sogar die konstruktiveren Vorschläge. Die sind neutraler. Die Leute aus der Eislauf-Szene sind zu sehr vorbelastet.

Von wem?

Vom Eiskunstlaufen, vom Verein, vom Verband, die sind zu weit drin in der Szene. Es ist etwas kompliziert. Eigentlich sind sie alle auf meiner Seite, das schon. Trotzdem, bei manchen kommt dann so ein Beigeschmack durch: Wäre besser gewesen, wenn Du das alles nicht gesagt hättest. Es ist nun mal der Sportdirektor betroffen.

Und die haben jetzt Angst, sie bekämen Nachteile durch Ihre Vorwürfe?

Ja. Obwohl das natürlich unrealistisch ist. Deshalb sage ich auch nichts dazu. Natürlich finden sie es gut, dass ich es gemacht habe, so grundsätzlich jedenfalls, andererseits haben sie Angst vor der Frage: Was passiert denn, wenn Dönsdorf weg ist? Wer kann denn dann das Eiskunstlaufen managen?

Es geht also mehr um die Funktion von Dönsdorf, weniger um den Menschen Dönsdorf?

Genau.

Haben sich denn bei Ihnen auch aktive oder ehemalige Eiskunstläufer gemeldet, die sagten: Ich habe Ähnliches erlebt wie Du, aber ich traue mich nicht an die Öffentlichkeit?

Zwei Läufer haben sich gemeldet. Beide haben gesagt, dass Sie mit Udo Dönsdorf Ähnliches erlebt haben wie ich. Einer von ihnen ist noch aktiv.

Geben sie denen irgendwelche Ratschläge?

Nein, gewiss nicht. Es ist ihre Entscheidung, wann sie an die Öffentlichkeit wollen, das respektiere ich. Bis jetzt haben sie einfach Angst davor. Sie wollen sich nicht bloßstellen. Gesagt habe ich nur: Wenn du dich irgendwann bereit fühlst, fände ich es gut, wenn du den Schritt machst. Aber dass sie sich überhaupt gemeldet haben, ist für mich ein gutes Ergebnis. Ich bin ja an die Öffentlichkeit gegangen, damit sich mögliche weitere Opfer auch melden und sagen: Mir ist das auch passiert. Dazu benötigt man aber den richtigen Zeitpunkt.

Haben diese Läufer denn angedeutet, wie sie weiter mit der Situation umgehen?

Die versuchen zu verdrängen, so habe ich es am Anfang ja auch gemacht. Nur kann man damit das Problem nicht lösen. Wenn die so ein Schlüsselerlebnis haben wie ich, wird es für sie sehr schwer werden.

Das heißt, es ist eine Frage der Zeit, bis...

...sie vielleicht einen Zusammenbruch haben, ja. Vielleicht sagen sie dann alles.

Wie gehen Sie mit dem Wissen um, dass es zwei weitere Fälle gegeben haben soll?

Ich habe ein gutes Gefühl dabei. Für mich ist es die Bestätigung, dass ich den richtigen Schritt gemacht habe. Egal, wer sich wann auch mal meldet, ich habe richtig gehandelt.

Aber sie haben die DEU nicht über ihr Wissen informiert?

Nein.

Nachdem Ihr Fall bekannt geworden ist, hat sich der frühere Rollkunstläufer und langjährige Preisrichter Jörn Lucas gemeldet. Er hat öffentlich erklärt, vor 26 Jahren sei er von Dönsdorf ebenfalls sexuell belästigt worden. Dönsdorf bestreitet die Vorwürfe allerdings ganz energisch. Wie haben Sie die Geschichte von Jörn Lucas aufgenommen?

Da haben sich Parallelen zu mir aufgetan. Ich fand es interessant, das man so eine Geschichte so lange zurückhalten kann. Andererseits weiß ich, dass so etwas möglich ist. Zudem kenne ich ihn ja als Preisrichter. Er war immer eine Frohnatur. Ich bin froh für ihn, dass er es geschafft hat, sich zu öffnen. Ich glaube, dass es ihm geholfen hat und immer noch hilft.

Hat sich denn nach Ihrem Suizidversuch jemand von der DEU gemeldet?

Ich einen Brief mit einem einzeiligen Kommentar bekommen: Gute Besserung. Nach zwei Wochen hat dann Frau Treitz, die Vizepräsidentin der DEU, angerufen und gesagt, sie habe mich nicht belasten wollen. Dann hat sie mir alles Gute gewünscht und gesagt, dass es glücklicherweise nicht zum Schlimmsten gekommen sei. Aber einen persönlichen Brief von der DEU habe ich nicht erhalten.

War das für Sie gar keine große Enttäuschung mehr? Die DEU erklärte sich ja schon vor Wochen für unzuständig. Der Vorfall habe sich schließlich in Dönsdorfs Freizeit abgespielt.

Ich habe nichts erwartet. Mir ist wichtig, dass meine Familie, meine engsten Vertrauten für mich da sind.

Sie fordern, dass Udo Dönsdorf als Sportdirektor abgelöst wird. Wären Sie auch zufrieden, wenn er sich ganz auf Bürotätigkeiten beschränkte und die Trainer allein die Kontakte zu den Sportlern halten?

Nein. Dönsdorf ist seit zehn Jahren Sportdirektor. Er könnte auch noch in einem kleinen Büro noch genug Einfluss auf den Sport nehmen. Von mir aus kann er alles machen, er kann jeden Beruf ausüben, Hauptsache, er hat nichts mit Sportlern zu tun.

Haben Sie den Eindruck, dass Udo Dönsdorf bei vielen Eisläufern so sehr an Autorität verloren hat, dass er seine Funktion nicht mehr umfassend ausüben kann?

Ich kenne keinen, der ihn noch als Autorität ansieht. Den verteidigt niemand mehr richtig.

Sie trainieren im Moment relativ wenig. Ist das auch eine Folge Ihres Suizidversuchs?

Nur zum Teil. Natürlich brauche ich Zeit für meine Therapie. Aber vor allem muss ich auch noch studieren, ich will Grundschullehrer werden, und arbeiten muss ich auch noch. Ich bin kein Sportsoldat, ich muss Geld für mein Studium verdienen.

Aber Sport ist auch Teil der Therapie?

Auf jeden Fall. Beim Training kann ich abschalten.

Wenn Sie in der neuen Saison vorne mitmischen wollen, müssten sie bald Gas geben, sagt Reinhard Ketterer, der Leitende Landestrainer von Berlin.

Klar, im September ist der erste Wettkampf, Mitte September ist die Nebelhorn-Trophy in Oberstdorf. Da braucht man Kondition. In Oberstdorf ist im August sogar noch ein Lehrgang, aber den kann ich nicht besuchen. Ich muss zu der Zeit eine Woche in der Schweiz arbeiten, es geht nicht anders. Ich habe ansonsten ja nur die Sporthilfe.

Bei den Lehrgängen ist der Sportdirektor Dönsdorf fast immer dabei.

Genau, deshalb wäre ich sowieso nicht hingefahren.

Aber bei der Nebelhorn-Trophy können Sie ihm nicht ausweichen. Die beobachtet er auch immer.

Stimmt, ich weiß nicht, wie die DEU das regeln will. Klar ist nur: Wenn er da ist, werde ich nicht hingehen, das geht einfach nicht. Wenn der Mann dort ist, kann ich mich nicht auf meinen Sport konzentrieren. Null.

Sie können natürlich erst mal auf internationale Wettkämpfe ausweichen, in Österreich, Tschechien, Kroatien...

...ja, die Nebelhorn-Trophy ist ja nur der Einstiegswettbewerb.

Aber das muss doch Ihr Training beeinflussen. Sie wissen jetzt schon, dass Sie vermutlich bei einigen Wettbewerben in Deutschland nicht starten können, weil dort Dönsdorf an der Bande stehen wird.

Naja, ich weiß nicht. Die DEU erklärt sich ja nicht zu dem Fall. Ich kann das ja nicht entscheiden, das ist Sache des Verbands. Aber Herr Dönsdorf ist ja schon mal ausgeladen worden, vom letzten Wettkampf der vergangenen Saison.

In Dortmund, beim DEU-Pokal. Damals waren die Vorwürfe gerade bekannt geworden.

Genau, das ist der letzte Wettkampf der Saison. Das ist ja auch so ein Ding. Der DEU-Pokal ist ein vorgeschriebener Leistungsnachweis, durch den man sich für die kommende Saison als Bundeskader qualifiziert. Aber wie soll ich mich denn qualifizieren, wenn Herr Dönsdorf da ist? Ich trainiere jetzt erst mal und hoffe, dass es dann endlich eine Lösung gibt. Der Verband muss sich entscheiden: Sportdirektor oder Sportler?

Sie trainieren auch selber Nachwuchspaare. Wie wirkt sich Ihr eigener Fall auf diese Arbeit aus?

Die Sensibilität ist noch gestiegen. Obwohl ich schon immer ein gutes Einfühlungsvermögen bei Kindern hatte. Gewisse Wörter verwende ich nicht, ich mache auch gewisse Anspielungen nicht. Also keine Dinge, die ich bei anderen Trainer sehe, die schon lange in der Szene sind. Da denke ich mir: Das sind doch Kinder, das kann man doch nicht machen.

Welche Wörter zum Beispiel?

Im Eiskunstlaufen muss man sich verkaufen, das ist so. Dann läuft ein Trainer rum und schreit ein Kind an: Du musst mehr Sex zeigen. Das ist normal im Eiskunstlauf. Ich bin aufgewachsen mit solchen Wörtern und Sprüchen. Jetzt bin ich natürlich sensibler und denke mir: Der Sport ist echt ein bisschen pervers. Gerade für kleine Kinder ist das hart.

Vielen Trainer ist vermutlich gar nicht bewusst, was sie da sagen.

Ja, klar. Aber ich verbiete mir das selbst. Ich werde nie zu so einem Trainer werden. Wenn ich Grundschullehrer bin und mache Training nebenbei, werde ich niemals so mit Kindern reden. Das geht gar nicht.

Sprechen Sie Ihre Trainerkollegen auf diese Wörter und Sprüche an?

Ja, das mache ich. Weil das einfach obszön ist.

Und dann kommt manchmal eine patzige Antwort?

Nee, weil sie wissen, was bei mir passiert ist. Im Gegenteil sogar: Es gibt welche, die werden zurückhaltender. Die reißen sich jetzt mehr zusammen, wenn ich anwesend bin.

Wie reagieren denn Eltern auf Ihren Fall? Kommen welche zu Ihnen und sagen, ich möchte mein Kind nicht mehr aufs Eis schicken?

Nein, so sind die nicht. Ich habe sogar mehr Aufträge als vorher. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu den Eltern, wir konnten immer gut miteinander reden. Da hat sich nichts geändert.













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