Inteview mit Jogi Löw : "Das schwerste Turnier aller Zeiten"

Bundestrainer Joachim Löw spricht mit dem Tagesspiegel über die EM, die Formschwäche einiger Spieler und den fünften Stürmer.

Löw
Joachim Löw geht das erste Mal als Bundestrainer in ein Turnier. -Foto: dpa

Herr Löw, die meisten Fußballfans sagen, die EM-Vorrundengruppe der Deutschen sei leicht. Was sagen Sie?

Die ist schwer.

Und warum?

Weil ich der Meinung bin, dass dieses Turnier das schwerste Turnier aller Zeiten wird. Bei der letzten WM waren von den letzten 16 Teams elf Europäer, von den letzten acht waren es sechs, und ab dem Halbfinale war die WM eine rein europäische Angelegenheit. Das zeigt, welche Qualität diese EM hat. Und außerdem haben sich einige Nationen entscheidend verbessern können.

Welche denn?

Ich sage nur: Polen. Polen hat sich in allen Bereichen mit dem neuen Trainer Beenhakker eindeutig verbessert. 2006 hatten wir ja schon unsere Probleme gegen die Polen und haben erst in letzter Minute gewonnen. Kroatien hat Spieler von einer individuellen Stärke, wie sie wenige andere Nationen besitzt. Sie sind in der Lage, Außergewöhnliches im technischen Bereich zu zeigen. Und die Österreicher, ja, die leben von der Euphorie des Gastgebers.

Sie übertreiben.

Nein, ich sehe einfach keinen Topfavoriten auf den EM-Titel. Klar können wir Italien und Frankreich aufzählen, aber ich bin der Meinung, dass jede Nation die andere schlagen kann. Warum sollten die Griechen nicht die Spanier schlagen, oder die Türken nicht die Tschechen?

Am 16. Mai werden Sie den EM-Kader nominieren. Vor einem Jahr gab es fast 40 Kandidaten. Wie groß ist der Kreis derer, die sich noch Hoffnungen machen können?

Für uns intern hat sich der Kreis reduziert. Ich möchte das nicht an einer Zahl festmachen, aber ich sage: Jetzt bleiben noch drei Bundesligaspieltage, an denen wir bei allen Spielern noch einmal genau hinschauen. Bis zum diesem 10. Mai lassen wir uns Zeit. Dann entscheiden wir.

Nach welchen Kriterien?

Nach Können und mentaler Stärke.

Würden Sie das konkretisieren?

Können bedeutet für mich: Was kann ein Spieler auf der Grundlage unserer Philosophie auf dem Platz umsetzen, was kann ich von ihm erwarten? Was kann der Spieler technisch umsetzen, was taktisch? Mentale Stärke bedeutet: Wie präsentieren die Kandidaten sich im Spiel, wenn ihre Mannschaft in Rückstand gerät? Sind die Spieler dann in der Lage, die Mannschaft zu führen und anzutreiben?

Wie wollen Sie das alles überprüfen?

Wir haben im Moment zu allen Spielern im Wochenrhythmus Kontakt. Den einen oder anderen Spieler haben wir und werden wir im Vereinstraining beobachten lassen. Wir wollen einfach sehen: Ist er in der Lage, sich 90 oder 120 Minuten lang im Training reinzuhängen, arbeitet er hart an sich, spürt man seinen unbedingten Willen? Wir wollen sehen, dass da einer wirklich mit aller Vehemenz um seinen Platz im Kader kämpft.

Das wird vermutlich jeder tun.

Wir haben ein paar Auswahlmöglichkeiten mehr als noch vor der WM 2006. Da gab es in verschiedenen Mannschaftsteilen fast kaum Auswahl. Jetzt haben wir junge Spieler wie Gomez, Hitzlsperger und Jansen, die sich verbessert haben und näher an die Mannschaft herangerückt sind. Wir werden einen Kader zusammenstellen, von dem wir ausgehen, dass jeder Spieler eine gewisse Aufgabe erfüllen kann. Vielleicht kommt einer mit, der nur in einer ganz bestimmten Situationen der Mannschaft helfen kann. Die Vorbereitung auf Mallorca und im Tessin sowie die beiden Vorbereitungsspielen sind entscheidend. Heute zu sagen, welche Mannschaft im ersten Gruppenspiel gegen Polen aufläuft, ist unmöglich. Es kann sich immer einer verletzen, einer kann die Form nicht erreichen, oder man spürt nicht das Selbstvertrauen.

Von Ihren Schlüsselspielern Lehmann, Ballack, Metzelder, Frings und Klose ist derzeit nur Ballack richtig in Form.

Diese fünf Spieler haben in den vergangenen Jahren die Mannschaft geführt und gepusht. Das stimmt. Möglicherweise kann sich ein anderer Spieler durch gute Leistungen als Führungsspieler herauskristallisieren. Umso mehr, umso besser. Per Mertesacker hat für mich in der Persönlichkeitsentwicklung einen großen Sprung gemacht, er ist wahnsinnig fokussiert, er absolviert alles zielgerichtet, er zeigt Leistung und genießt mittlerweile ein hohes Standing in der Mannschaft.

Gehen Sie bei Frings und Metzelder nicht ein Risiko ein?

Was heißt Risiko? Klar, der Torsten Frings war lange aus dem Rhythmus. Aber gerade er ist einer, der sich in so ein Turnier richtig reinarbeiten kann. Das hat er bei der WM 2002 und 2006 gezeigt. Das ist ein Turnierspieler, der eben dann fünf, sechs, sieben Spiele auf ganz hohem Niveau abrufen kann. Ich bin erst einmal froh, dass er jetzt wieder in seinem Verein spielt.

Was man von Christoph Metzelder nicht sagen kann. Er hat in diesem Jahr kein Spiel für Real Madrid bestritten.

Sehen Sie, bei Christoph Metzelder waren wir auch vor der WM 2006 keinesfalls sicher, ob er unserer Mannschaft diese Stabilität geben kann. Er kam verletzt zur Mannschaft. Wie auch Philipp Lahm. Letztlich haben es beide geschafft. Ich setze bei Metzelder halt auch auf die Turniere, die er gespielt hat: 2002 war er ein Stabilisator, 2006 war er internationale Klasse, er gehörte zu den besten Abwehrspielern der WM. Er ist einer, der sich bei so einem Turnier in kurzer Zeit hochfahren kann.

Was ist mit Bernd Schneider, der zurzeit weit unter Form spielt? Ist er trotzdem gesetzt für die EM?

Wenn Bernd Schneider von Verletzungen verschont bleibt und er wieder spielt, dann ist er gesetzt für den Kader, ja. Der Bernd lebt von seiner Spielintelligenz, und wir können davon als Mannschaft enorm profitieren. Aber uns ist bewusst, dass er in der Vorbereitung aufholen muss. Und weil Sie vorher Miroslav Klose ansprachen. Um ihn mach ich mir relativ wenig Sorgen. Er ist im Moment nicht in der besten Form, aber er war 2006 der gefährlichste Stürmer, er ist bei uns ein Führungsspieler.

Wer ist Ihr fünfter EM-Stürmer?

Es ist kein Geheimnis, dass Klose, Gomez, Kuranyi und Podolski dabei sind, wenn sie gesund bleiben. Dann gibt es mehrere Kandidaten: Helmes, Kießling, Neuville, Hanke. Jeder hat Qualitäten. Helmes hat Torinstinkt. Kießling hat sein Durchsetzungsvermögen verbessert, Neuville hat Stärken im Konterspiel, und Hanke ist ein Strafraumspieler.

Helmes und Neuville spielen Zweite Liga.

Grundsätzlich spielt für uns keine Rolle, ob Erste oder Zweite Bundesliga, es zählt rein die Leistung, die im Klub geboten wird. Helmes sagt nicht zu Unrecht, dass es nicht einfacher ist, in der Zweiten Liga Tore zu erzielen. Vielleicht wird es kurz vorher eine Bauchentscheidung. Nach dem Motto: Ich habe das Gefühl, der könnte uns in bestimmten Spielen als Joker entscheidend helfen.

Sie werden einigen Spielern wehtun …

Klar mache ich mir Gedanken. Über allem steht die Leistung. Wer ist wichtig für die Mannschaft, und was ist das Beste für die Mannschaft? Nur so habe ich zu entscheiden. Menschlich gesehen tut es weh, wenn man einem Spieler, der jetzt auch eine Weile mit auf dem Weg war, der alles daran gesetzt hat, dabei zu sein, etwas Unerfreuliches mitteilen muss. Wenn ich mich an die Reaktion von Kevin Kuranyi von vor der WM erinnere, für den damals eine Welt zusammengebrochen ist. Das berührt schon sehr. Für ihn war es ein harter Schlag, nicht dabei zu sein. Ich sage mir: Du musst die Entscheidung im Sinne des Erfolgs treffen.

Werden diese Spieler früher informiert?

Sie werden es auf jeden Fall vor der offiziellen Nominierung erfahren. Wir werden den Spielern rechtzeitig vorher mitteilen, dass sie in den 24 Stunden vor der Nominierung telefonisch erreichbar sein müssen. Alle. Manchmal ist es so, dass man einen Spieler nicht erreicht, weil das Handy ausgeschaltet ist. Und solche Dinge spricht man weder auf einen Anrufbeantworter noch sendet man eine SMS. Das sage ich persönlich.

Wer keinen Anruf bekommt, darf sich freuen, denn er ist dabei?

Es könnte so sein …

Aufgezeichnet von Michael Rosentritt

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