Sport : IOC: Der Gewinner ist: Der Doktor

Erich Ahlers

Moskau Im Moment der Gewissheit über die Wahlentscheidung konnte Juan Antonio Samaranch die Trauer nicht mehr verbergen. Zum Abschied vom Präsidentenamt kamen dem Spanier die Tränen. Sein Nachfolger Jacques Rogge mühte sich darum, möglichst wenig Emotionen zu zeigen. An das Pokerface des Belgiers wird sich die Sportwelt gewöhnen müssen. Für die kommenden acht Jahre wurde der 59-Jährige gestern ins höchste Amt des Internationalen Olympischen Komitees gewählt.

Wohin die Reise mit dem neuen Chef gehen soll, machte Rogge bereits kurz nach seinem Wahlerfolg deutlich. "Gegen Doping, Korruption und Gewalt" will er kämpfen und setzt damit genau dort an, wo Samaranch wenig bis gar nicht in Erscheinung getreten ist. Und auch in seinem Wahlprogramm lassen sich dezente Seitenhiebe auf den Spanier finden. "Der nächste Präsident muss ein Vereiniger und Teamarbeiter sein", heißt es dort. Eine Absage an das süße Funktionärsleben fehlt ebenso wenig: "Keine Privatjets, keine Trips um die Welt, keine Geschenke, keine Dinnerpartys." Kollegen trauen ihm zu, die hehren Ziele mit Konsequenz zu verfolgen. "Er schafft das, weil er ein Diplomat ist", befand Joseph Blatter, IOC-Mitglied und Präsident des Weltfußballverbandes. Rogge (59 Stimmen) hatte schon im zweiten Wahldurchgang die absolute Mehrheit mit großem Vorsprung vor Kim Un Yong (Südkorea/23) und Richard Pound (Kanada/22) erreicht.

Weil es einer von vielen Wünschen Samaranchs war, das Wahlergebnis in der Säulenhalle in Kreml-Nähe zu verkünden, musste die IOC-Hundertschaft zunächst noch vom Versammlungssaal durch die Moskauer Innenstadt kutschiert werden. Grund für den Ausflug: Samaranch war vor exakt 21 Jahren an gleicher Stelle proklamiert worden.

Derlei symbolisches Brimborium wird Rogge kaum zugetraut. Die Ansprüche an den neuen Mann sind hoch, die wenigsten beurteilen den gestrigen Personalwechsel so erwartungslos wie Walther Tröger, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Deutschland. "In der Politik des IOC wird sich wahrscheinlich wenig ändern, weil der bisherige und künftige Präsident in Sachfragen weitgehend auf einer Linie lagen." Lediglich im Führungsstil sei mit Änderungen zu rechnen: "Rogge wird vielleicht offener und kollegialer arbeiten." Es war schon auffällig, dass Tröger ("Ich sage nicht, für wen ich gestimmt habe") in den Tagen von Moskau oft und gern vom "belgischen Freund" sprach.

Wie wichtig ein seriöser Typ wie Rogge für das Internationale Olympische Komitee ist, machte gestern erneut der Präsidentschaftskandidat Kim deutlich. Nachdem er am Tage vor der Wahl mit einem dreisten Köder - er wollte jedem IOC-Mitglied pro Jahr 50 000 Dollar Aufwandsentschädigung zahlen - für helle Aufregung gesorgt hatte, bewies er auch unmittelbar nach seiner Wahlniederlage ausgesprochenes Gespür für Peinlichkeiten. Er verschwand im Hotelzimmer und blieb der Verkündung der Rogge-Wahl fern. "Keine faire, keine schöne Geste", bemerkte nicht nur das deutsche IOC-Mitglied Thomas Bach. Die wenigsten werden bedauern, dass Kim ab sofort nicht mehr dem Exekutivkomitee angehört.

Auch und erst recht nicht Rogge, der als Präsident im Schweizer IOC-Hauptquartier in Lausanne ohne Bezahlung fungieren wird. "Es ist gut, wenn ein freiwilliger und unabhängiger Mann an der Spitze steht", sagte der Chirurg aus Gent, der als Segler an Olympischen Spielen teilnahm und zur belgischen Rugby-Nationalmannschaft gehörte. Rogge will seinen Prinzipien treu bleiben und hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. So wie er schon 1980 nicht nachvollziehen konnte, dass "Jimmy Carter den Sport als Waffe benutzte". Er selbst war vom westlichen Boykott der Sommerspiele in Moskau allerdings nicht betroffen. Als Fahnenträger führte er das trotz Boykotts teilnehmende belgische Olympiateam bei der Eröffnungsfeier ins Stadion. Jetzt hat er eine andere, weitaus bedeutsamere Führungsrolle übernommen. "Ich verspreche, dass ich hart arbeiten werde", sagte Rogge nach seiner Wahl und dachte dabei wohl nicht an Juan Antonio Samaranch. Dass der ihm in Zukunft unnötige Arbeit und Probleme bereiten könnte, ist freilich nicht ausgeschlossen. In Moskau sickerte durch, dass er als Ehrenpräsident weiter an den Sitzungen des Exekutivkomitees teilnehmen will.

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