IOC in Bayern : Olympisches Ringen

Fünf Tage lang reisten Vertreter des IOC durch Bayern und prüften die Münchner Bewerbung um die Winterspiele. Der Himmel war blau, es wurde gejubelt, und die ortsansässigen Gegner der Bewerbung gingen darin unter. Dabei haben die längst einen neuen Plan.

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Saubere Sache. Befürworter der Winterspiele in München sagen: „Gegner? Gibt es nicht.“ Und die Kanzlerin träumt vom Wintermärchen.
Saubere Sache. Befürworter der Winterspiele in München sagen: „Gegner? Gibt es nicht.“ Und die Kanzlerin träumt vom Wintermärchen.Foto: dapd

Sie sind ausgestattet mit Schals und Mützen, darauf das blaue Logo der Bewerbungsgesellschaft. In den Händen halten sie Fähnchen, mit denen sie wedeln. Sie jubeln. Unter ihnen ist ein Landwirt aus einem Nachbarort. Er hat einen Traktor dabei, vorne ist ein Strohballen aufgespießt, auf ihm die Olympischen Ringe und ein großes „Ja“. „Es ist wichtig, auch einen Bauern zu haben“, sagt ein älterer Herr. „Wir wollen klar machen, dass nicht alle Landwirte dagegen sind.“

Dann rollt der Bus mit den Vertretern der elfköpfigen Evaluierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees IOC auf den Mohrenplatz im Zentrum von Garmisch. Nun johlen alle immer dann besonders laut, wenn ein Mitglied des IOC, gut erkennbar an den grünen Jacken, zu ihnen schaut. Als der Bus wieder abfährt, setzen sich die Menschen mit den Fähnchen in einen Sonderbus der Stadt, der sie zur Kreuzeckbahn bringt, der nächsten Station der Kommission. Auch dort werden sie jubeln.

Gemeinsam mit Garmisch-Partenkirchen bewirbt sich München um die Olympischen Winterspiele 2018 – und die Evaluierungskommission hat in der vergangenen Woche die Bewerbung geprüft. Die beiden Gegenkandidaten Annecy (Frankreich) und Pyeongchang (Südkorea) haben das schon hinter sich. Am 6. Juli wird das IOC schließlich entscheiden, welche Stadt die Winterspiele bekommen soll.

München!, wünschen sich die jubelnden Mitglieder des Vereins „Olympija“. Es sind vor allem Menschen, die von den Winterspielen profitieren würden: Leiter von Skischulen, Besitzer von Sportgeschäften, Hotels und Restaurants.

Fünf Tage lang waren die Vertreter des IOC in Bayern unterwegs. Alles lief gut. Die Sonne schien fast jeden Tag, überall prangte Werbung für die Winterspiele. Kanzlerin Angela Merkel, der neue Innen- und der neue Verteidigungsminister, Hans-Peter Friedrich und Thomas de Maizière, kamen, um das IOC zu begrüßen und ihre Unterstützung zu bekräftigen. Die Kanzlerin sagte sogar, sie träume von einem Wintermärchen. „Es ist eine starke Bewerbung mit starker Unterstützung der Regierung und einem hervorragenden Bewerbungsteam“, meinte am Freitag Gunilla Lindberg, Vorsitzende der Kommission.

Doch gegen die Münchner Bewerbung gibt es auch Widerstand, vor allem in Garmisch, wo der Großteil der Sportstätten stehen soll. Dort lebt auch Axel Döring, der, einen Tag bevor der IOC-Bus durch Garmisch rollt, extra nach München gereist ist. Döring ist 62 Jahre alt und Förster. Er glaubt, ein Mittel gefunden zu haben, um der Münchner Bewerbung um die Olympischen Spiele einen harten Schlag zu versetzen: Der Garmischer sammelt Unterschriften für einen Bürgerentscheid gegen die Spiele.

An diesem Dienstag aber, mitten auf dem Münchner Marienplatz, hält Döring nur ein altes Megafon in der Hand. Gefährlich wirkt er nicht. Er ruft: „München bewirbt sich, hat aber keine Berge. Und wir werden ihnen die Berge nicht geben.“ Seine Stimme scheppert, so wie sie aus dem Megafon kommt. Um ihn herum haben sich höchstens 30 weitere Menschen versammelt, auf ihren schwarzen T-Shirts bilden große weiße Buchstaben das Wort „Nolympia“. Sie sind die Repräsentanten des gleichnamigen Netzwerks, zu dem sich die Gegner der Spiele zusammengeschlossen haben. Hinter Döring wehen weiße Fahnen, auf denen hellblau „Olympia 2018“ steht. Auf dem Marienplatz fällt die Demonstration fast keinem auf.

Nach einer halben Stunde muss Axel Döring dringend weg. Mit fünf seiner Mitstreiter macht er sich auf den Weg ins Hotel Bayerischer Hof, ein paar hundert Meter weiter. Die sechs haben einen Termin mit dem IOC. Es ist üblich, dass die Vertreter des Olympiakomitees in den Bewerberstädten auch die Kritiker empfangen. Dreißig Minuten lang dürfen sie in der Regel ihr Anliegen vortragen.

Noch am Abend vor dem Treffen hatte Döring mit einem Bekannten diskutiert, ob er überhaupt nach München fahren soll – wo die Kommission doch ohnehin tags darauf Garmisch besuchen will. Schließlich fuhr er doch. „Die sollen merken, dass es uns wichtig ist“, sagt er.

Als sie im Hotel ankommen, wartet schon ein freiwilliger Helfer der Bewerbungsgesellschaft in weißer Jacke mit dem blauem Logo und weist den Weg zum Sitzungssaal des Hotels. Im Kamin brennt Feuer, auf dem Tisch stehen Getränke und Kekse.

Nach fünf Minuten kommen vier Mitglieder des IOC, Gunilla Lindberg ist nicht dabei. Freundliches Händeschütteln. Dann geht es zur Sache. Eine Viertelstunde lang tragen die Gegner ihre Argumente vor. Ein Politiker der Grünen spricht von der Skepsis der Jugend – laut einer Umfrage des Bayerischen Rundfunks sind 55 Prozent gegen die Spiele. Außerdem zieht er aus einem Aktenkoffer Blätter mit 13 000 Unterschriften von Gegnern. Zwei Naturschützer berichten von zu erwartenden Umweltschäden. Ein Garmischer Grundstücksbesitzer in grüner Trachtenjacke zeigt mit seinem Anwalt und anhand von Karten, dass in Garmisch ein Großteil der notwendigen Flächen nie zur Verfügung stehen wird. Auf seinem Land sollen laut Bewerbung Parkplätze gebaut werden. Axel Döring erzählt von dem Bürgerbegehren, das er in der vergangenen Woche initiiert hat.

Die vier IOC-Mitglieder hören aufmerksam zu. Sie lächeln. Nach den meisten Vorträgen sagen sie nur höflich „Danke“. Manchmal fragen sie genauer nach, besonders interessieren sie sich für Döring und sein Bürgerbegehren. „Welche Auswirkungen hat es?“ will einer wissen. Döring antwortet: „In Bayern ist ein Bürgerbegehren rechtlich bindend.“

Nach einer dreiviertel Stunde verlassen die sechs den Sitzungssaal. „Natürlich können wir das IOC nicht umstimmen“, sagt Ludwig Hartmann, der Grünen-Politiker. „Aber wir haben sie darauf hingewiesen, die Bewerbung bei ein paar Punkten genauer anzuschauen.“ Alle sind der Meinung, dass das Bürgerbegehren in Garmisch ihr größter Trumpf ist.

Schon lange war im Ort davon die Rede, die Garmischer nach ihrer Meinung zu Olympia zu fragen. Döring fordert den Bürgermeister seit Herbst 2009 auf – keine Reaktion. Vergangenen Dienstag hat er dann selbst ein Bürgerbegehren angemeldet und begonnen Unterschriften zu sammeln. Ein Zehntel der 20 000 wahlberechtigten Garmischer muss unterschreiben. Döring sagt: „Eigentlich habe ich keine Zeit, das zu organisieren.“

Doch die Abstimmung ist keine Garantie dafür, dass Olympia nicht stattfindet. Denn der Ort ist gespalten. Es gibt nicht nur viele Gegner, sondern auch viele Befürworter. Die Mitglieder des Vereins „Olympija“ etwa.

Allerdings könnte das Bürgerbegehren so oder so eine wirkungsvolle Folge nach sich ziehen. Lehnt der Garmischer Bürgermeister Thomas Schmid die Abstimmung ab, können die Initiatoren vor dem Verwaltungsgericht klagen. Ein laufendes Verfahren gegen eine Bewerbung kommt beim IOC nicht gut an. Das hat sich schon in anderen Ländern gezeigt.

Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude erkannte die Gefahr sofort. Er tobte, als er von dem Bürgerbegehren erfuhr. Dann wünschte er sich laut, in Garmisch würden die Befürworter ein Gegenbegehren auf den Weg bringen. Wenn für dieses schneller die nötigen Unterschriften beisammen sein sollten, wird Döring seines zurückziehen.

Und dann, während das IOC durch den Ort zieht, sagt Heinz Mohr, Präsident des Vereins „Olympija“ und Direktor des Olympiastützpunkts in Garmisch, tatsächlich, auch seine Leute würden ein Bürgerbegehren organisieren. Nächste Woche wolle er es offiziell anmelden.

Damit das IOC schon jetzt etwas von der Zustimmung im Ort merkt, hat Mohr die jubelnden Vereinsmitglieder mobilisiert, etwa 50 warten mit ihm auf den IOC-Bus.

Mit darin sitzen auch die ehemaligen Skistars Rosi Mittermaier und Christian Neureuther, beide sind Mitglieder bei Mohrs „Olympija“. „Ich kenne keine Gegner“, sagt Rosi Mittermaier und fügt an: „Oder zumindest traut sich niemand, mir zu sagen, dass er dagegen ist.“ Ihr Mann Christian Neureuther sagt später, die Gegner würden das Prinzip des Fairplay nicht akzeptieren. Jemand habe seine Tochter im Internet angegangen, weil sie sich für die gerade zu Ende gegangenen Weltmeisterschaften im Ort eingesetzt habe.

Während das IOC und der Verein „Olympija“ durch Garmisch fahren, ist Axel Döring im Wald. Er muss arbeiten, und zu einer Demonstration wäre sowieso niemand bereit gewesen. Am Nachmittag kauft er sich die Lokalzeitung. Er liest, Rosi Mittermeier kenne keine Gegner. „Und was ist mit mir?“, sagt er zu seiner Frau und schüttelt den Kopf. Wenig später erfährt er, dass Neureuther den Gegnern vorwirft, nicht fair zu arbeiten. Er schnaubt. „Als ich im vergangenen Sommer eine Morddrohung wegen meines Engagements gegen die Spiele bekommen habe, habe ich die Befürworter auch nicht alle als Psychopathen dargestellt“, sagt er. Und nach einer Pause: „Es ist wirklich schade, was diese Bewerbung aus unserem Ort gemacht hat.“

Vielleicht ist der Kampf in Garmisch auch völlig sinnlos. Unter den internationalen Journalisten, die dem IOC nachreisen und auch schon in Annecy und Pyeongchang dabei waren, heißt es ohnehin, Südkorea bekomme die Spiele.

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