IOC-Präsident : Wer ist Jacques Rogge?

Gewählt wurde Jacques Rogge, um das IOC zu retten. Er ist nachdenklich, hört zuallererst zu. Bei den Chinesen konnte er damit wenig ausrichten. Deshalb ist er in Peking jetzt nur noch Gast.

Friedhard Teuffel[Peking]
Peking 2008 - Eröffnungsfeier
Mit ernster Miene. Jacques Rogge während seiner Rede bei der Eröffnungsfeier.Foto: dpa

WIE HAT SICH DER IOC-PRÄSIDENT BEI DER ORGANISATION DER SPIELE  VON PEKING BISHER GESCHLAGEN?

Jacques Rogge steckt in der schwächsten Phase seiner Amtszeit. Er schien zu ahnen, was mit den Spielen in China auf ihn zukommen könnte. Jedenfalls versuchte der IOC-Präsident schon vor Jahren, die Erwartungen zu dämpfen. Das IOC könne in China nicht nachholen, was Generationen von Diplomaten vorher nicht geschafft hätten, sagte er, aber die Spiele würden China auf jeden Fall öffnen.

In diesem Jahr stürzte dann alles auf ihn ein: die Niederschlagung der Unruhen in Tibet, Menschenrechtsverletzungen in China, die in direktem Zusammenhang mit den Spielen stehen (zum Beispiel Verhaftungen), Umsiedlungen und Pressezensur sowie die Luftverschmutzung. Gut möglich, dass Rogge die Dynamik unterschätzt hat. Die Eskalation in Tibet ließ sogar eine Diskussion über einen Boykott der Spiele aufflammen. Doch von Rogge war nichts zu hören. Er reiste in dieser Zeit durch die Karibik. Angeblich äußerte er sich dort bei Pressekonferenzen zur Lage in China, angeblich forderte er zur Waffenruhe auf. In Europa ist davon jedoch nie etwas angekommen.

Erst bei der Entzündung des olympischen Feuers in Olympia war die erste Kritik von Rogge an den Chinesen zu hören: „Die Olympischen Spiele müssen in einer friedlichen Umgebung stattfinden.“ Er ließ sich auch nicht beirren in seinem Glauben, die Spiele würden den Menschen in China mehr nützen als schaden, immer angetrieben von dem Gedanken, 1,3 Milliarden Menschen die olympischen Werte näher zu bringen. „Ist das Glas halb leer oder halb voll? Ich sage: Es ist halb voll.“ Und Tibet wäre doch ohne die Olympischen Spiele nicht auf die Titelseiten der Zeitungen gekommen.

Erreicht hat der IOC-Präsident damit aber wenig. Stattdessen schickten die Chinesen die olympische Fackel auf eine Weltreise ganz neuen Ausmaßes bis hinauf auf den Mount Everest, sie nahmen dieses olympische Symbol einfach in ihren Besitz. Rogge und das IOC sahen zu. So geriet fast in Vergessenheit, dass die Spiele dem IOC gehören, oder wie Rogge es am liebsten sagt, den Athleten.
Als Rogge eine Krise um die Vorbreitung der Spiele einräumte, wurde er gleich vom chinesischen Außenministerium gemaßregelt. Er solle sich nicht in die inneren Angelegenheiten Chinas einmischen. Stille Diplomatie sei sein bevorzugtes politisches Mittel, sagt der Belgier. Doch bisher hat er den Zweifel nicht widerlegen können, dass diese Diplomatie vielleicht so still war, dass sie selbst die Chinesen nicht hören konnten.

Die Zensur im Hauptmedienzentrum der Olympischen Spiele nahm Rogge hin, es sei mit China um weitestmögliche Pressefreiheit gegangen, nicht um vollständige. Dass er in seine Rede bei der Eröffnungsfeier kein politisches Wort einbaute, war dann schon keine Überraschung mehr. Rogge ist jetzt nur noch Gast, als solcher will er sich benehmen, höflich vor allem, indem er lieber der chinesischen Bevölkerung sein Mitgefühl für die Erdbebenopfer ausdrückt.
Gut möglich, dass er tatsächlich glaubt, die Chinesen täten ihr Bestes. Vielleicht ist er aber auch der Ansicht, dass ihm jetzt nichts anderes übrig bleibt.

Jetzt geht es ihm wohl nur noch um Sport. Eine der „ergreifendsten Sportveranstaltungen der Geschichte“ werde man in den nächsten 16 Tagen erleben, hat Rogge nach der Eröffnungsfeier gesagt. „Als Olympiateilnehmer kann ich Ihnen sagen, dass man diese Erinnerungen für immer behält.“ Er lässt sich gerade selbst mitreißen von der olympischen Atmosphäre.

WIE POLITISCH IST ER?

Jacques Rogge möchte noch immer Athlet sein. Bei seinen ersten Olympischen Spielen als IOC-Präsident 2002 in Salt Lake City wohnte er nicht wie seine Funktionärskollegen im Luxushotel, sondern wie die Sportler im Olympischen Dorf. Seit diesen Spielen gibt es ein Präsidentenzimmer im Dorf, das genauso eingerichtet sei wie die Räume der Athleten und in dem Rogge auch manchmal über Nacht bleibe, wie das IOC mitteilt. „Ich schätze es enorm, Kontakt mit Athleten zu haben. Mit ihnen zu essen, eine Partie Billard zu spielen und unter diesen Stars zu sein, gehört zu den Höhepunkten meiner Präsidentschaft“, sagt er. In Peking überließ er an einem Sitzungstag des IOC sogar den Vorsitz einer Kollegin, um mit Athleten Gespräche im Dorf zu führen.

Schon in den 70er Jahren war Rogge erstmals Chef de Mission der belgischen Olympiamannschaft – und damit Akteur der Sportpolitik. Den Rollenwechsel hat Rogge jedoch nie ganz vollzogen, ganz im Gegensatz zu anderen einflussreichen Mitgliedern des IOC, zum Beispiel Fecht-Olympiasieger Thomas Bach oder Stabhochsprung-Weltrekordhalter Sergej Bubka. Beide haben sich nach ihrer sportlichen Laufbahn ganz bewusst eine neue Karriere im Sport aufgebaut. Rogge war dagegen immer noch Arzt. Nachdem sie sportlich viele Titel gewonnen hatten, wollen Bach und Bubka nun Einfluss gewinnen und nutzen dazu die Mittel des Netzwerkens und Taktierens. Darauf will Rogge seine Präsidentschaft jedoch nicht aufbauen. Zweckdenken ist ihm ohnehin zuwider. Es ist ihm auch zu kleinlich. „Wenn Sie, wie in meinem Beruf, so viele Menschen haben sterben sehen, wenn sie das Attentat in München 1972 gesehen haben, dann müssen Sie sagen: Es gibt wichtigere Dinge im Leben. Dies ist nur ein Spiel. Auch die Spiele.“

Rogge denkt sicher politisch, doch ihm fehlt das Instrumentarium, um seine Vorstellungen durchzusetzen. Seine stille Diplomatie entspricht noch am ehesten seinem persönlichen Stil, seiner nachdenklichen Art, dem Bedürfnis, erst einmal zuzuhören. Nur musste er hinnehmen, dass er damit bei den Chinesen wenig ausrichten konnte und gleichzeitig vor allem in europäischen Medien kritisiert wurde.

Rogge glaubt, dass der Sport politisch etwas bewirken kann, nicht von jetzt auf gleich, aber langfristig, indem er Menschen zusammenbringt in einer einmaligen Atmosphäre. Sport und vor allem Olympische Spiele als vertrauensbildende Maßnahme, daran glaubt Rogge.

Als er erkennen musste, dass die Pressefreiheit in Peking auch ausländischen Journalisten während der Spiele nicht vollständig gewährt wird, nutzte er das zu einer kurzen Selbstbeschreibung: „Wir sind Idealisten und Idealismus ist etwas, das mit Naivität verbunden ist.“ In dieser Situation hat er damit einen politischen Anspruch schon fast aufgegeben. Nun muss Rogge aufpassen, dass er nicht zum bloßen Zeremonienmeister der olympischen Bewegung wird.

WIE HAT ER DAS IOC IN SEINER AMTSZEIT GEPRÄGT?

Angefangen hat Rogge nicht nur als Hoffnungsträger, er wurde im Grunde gewählt, um das IOC zu retten – vor sich selbst. Korruptionsskandale, besonders der um die Winterspiele 2002 in Salt Lake City, und das nicht in Angriff genommene Dopingproblem hatten die Glaubwürdigkeit des Komitees ruiniert. Olympische Spiele schienen sich Kommerz und Gigantismus ausgeliefert zu haben.
Dann kam Rogge. Die Affäre um Salt Lake City ließ er aufklären, Doping ernsthaft bekämpfen. Gleich drei Olympiasieger wurden bei Rogges ersten Sommerspielen als Präsident 2004 in Athen überführt, und zwei griechische Sprinter, aus denen die Helden der Spiele werden sollten, durften erst gar nicht mitrennen.

Rogge brachte die Spiele wieder näher an den Sport heran. Er wollte sie übersichtlich halten. Doch dann bekam seine Linie einen Riss. Im vergangenen Jahr vergab das IOC die Winterspiele 2014 nicht in das für seine Wintersporttradition bekannte Salzburg oder wenigstens ins südkoreanische Pyeongchang, sondern in den russischen Badeort Sotschi, wo noch keine olympiareife Sportstätte steht. Es war eine schwere Niederlage für Rogge, die zeigte, das ihm die Kontrolle über sein Komitee entglitten ist.

WIE GEHT ES MIT IHM WEITER?

Vom Gelingen dieser Spiele will es Rogge abhängig machen, ob er 2009 noch einmal antritt, er könnte sich dann für vier weitere Jahre wählen lassen. Rogge ist gerne IOC-Präsident, weil er an der olympischen Bewegung hängt. Aber der 66-Jährige ist nicht süchtig nach Macht und er wirkt gesundheitlich angeschlagen. Die Zeit als IOC-Präsident hat sich in seinen Gesichtszügen festgesetzt. Zudem gibt es schon mindestens zwei Kandidaten für seine Nachfolge: Bach und Bubka. Kürzlich hatte Rogges Vorgänger Juan Antonio Samaranch Bach als idealen Nachfolger bezeichnet, allerdings erst 2013. Es liegt also an Rogge selbst.
Ein großes Ziel hat er noch, es geht um sein Vermächtnis: die olympischen Jugendspiele. 2010 finden sie erstmals in Singapur statt. Rogge hat seine olympische Begeisterung schließlich auch theoretisch unterlegt, mit den Idealen von Pierre de Coubertin, dem Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit. Eines dieser Ideale ist die olympische Erziehung. Dazu hat sich Rogge die Olympischen Jugendspiele ausgedacht, Athleten zwischen 14 und 18 Jahren aus der ganzen Welt sollen sich zum Ermitteln ihrer Besten treffen, aber auch zum Aufnehmen olympischer Werte wie Fairness und Miteinander. Die Vorbehalte, dass auch diese Jugendspiele vom Gigantismus beherrscht werden könnten, hat Rogge nicht angenommen. Seine Hoffnung ist zu groß, dass die Jugendlichen als saubere und faire Sportler geprägt werden – dass sie genauso ergriffen werden von Olympia wie er.

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