Sport : „Irgendein Depp“

Nach dem letzten Platz beim Weltcup in Kuusamo denkt der Skispringer Sven Hannawald wieder einmal über sich selber nach

Benedikt Voigt

Berlin. Im vergangenen Jahr hat der Fernsehsender RTL einen größeren Fehler begangen. Im ganzen Land kündigte der Sender vor der Vierschanzentournee auf großflächigen Plakaten das Duell des Winters an: Martin Schmitt gegen Adam Malysz. Doch RTL hatte sich geirrt, es wurde das Duell Sven Hannawald gegen den Rest der Welt. In diesem Jahr steht der Sender vor einem noch größeren Problem: Was bloß verspricht man den Zuschauern für die kommende Vierschanzentournee, das Duell des Österreichers Andreas Widhölzl gegen den Slowenen Primoz Peterka?

Es droht ein trauriger Winter zu werden für die deutschen Skispringer. Die Ergebnisse der erste beiden Weltcup-Springen in Kuusamo lassen das Schlimmste befürchten. Martin Schmitt konnte wegen seiner Verletzung noch keinen Wettbewerb bestreiten. Und Sven Hannawald, der überragende Gewinner der Vierschanzentournee und Olympiazweite auf der Normalschanze, dieser Sven Hannawald wurde im zweiten Weltcupspringen der neuen Saison am Samstag Letzter. Noch mal zum Begreifen: L e t z t e r. Sein Hüpfer auf 58 Meter ist eine Weite, die früher nur der einstige Spaßspringer Eddi the Eagle schaffte. Andreas Widhölzl flog bei seinem Siegsprung am Samstag auf 143,5 Meter. Es war eine Blamage. Hannawald sagte: „Das ist nicht Hannawald, der dort springt, sondern ein Depp, der irgendetwas versucht.“ Einzig Michael Uhrmann, der auf die Plätze sechs und fünf sprang, brachte den deutschen Trainern etwas Freude. „Er wird jetzt seinen eigenen Ansprüchen gerecht“, sagte Bundestrainer Reinhard Heß. Doch ein Siegspringer ist der 24-Jährige noch nicht.

Die Verunsicherung bei Sven Hannawald ist riesig. „Der Wettkampf hat gezeigt, dass auch ich nicht dagegen gewappnet bin, so einen Scheiß zu springen“, sagte Hannawald. Der 28-Jährige hatte sich im Mai einer Knieoperation unterziehen und drei Monate lang pausieren müssen. Vor dem ersten Springen hatte er angekündigt, auf der Suche nach dem perfekten Sprung zu sein. In Kuusamo fand er den Sprung mit den meisten Fehlern. „Wir können uns einiges nicht erklären“, sage Heß, „aber man muss uns entschuldigen, wir sind keine Heiligen, die sofort Lösungen parat haben.“

Die erste Maßnahme zur Frustbewältigung bildete das Aufsuchen der Bar im Hotel Rukahovi, wo die Trainer Reinhard Heß und Wolfgang Steiert lange bei ein paar Gläsern Wein mit dem deprimierten Tiefflieger sprachen. In der kommenden Woche wird die Mannschaft in Lillehammer trainieren. Auch Mannschaftsolympiasieger Martin Schmitt wird dort erstmals hinzustoßen. Doch falls Hannawald im Training keine Fortschritte zeigt, wird er am kommenden Wochenende in Trondheim pausieren. „Der Sven muss sich selbst dazu in der Lage fühlen“, sagte Reinhard Heß, „ansonsten nehmen wir ihn aus dem Verkehr.“

Schon im Frühjahr 2001 hatte Hannawald nach schwachen Leistungen eine zweiwöchige Pause eingelegt. Danach holte er sich den Weltmeistertitel im Skifliegen. „Wir sind schon einmal wie Phoenix aus der Asche gestiegen“, sagte Heß. Und auch Wolfgang Steiert, der Heimtrainer von Sven Hannawald schreibt diese Saison noch nicht ab. „Wenn die richtigen Entscheidungen getroffen werden, kommt er schnell aus dem Loch heraus. Hannawald ist ein sensibler Typ, bei dem die psychische Verfassung eine noch wichtigere Rolle spielt als bei anderen Skispringern. Im Moment ist er nach seiner Verletzung und den peinlichen Hopsern von Kuusamo total verunsichert. Auch im ersten Training hatte es für Hannawald nur zum vorletzten Platz gereicht.

Martin Schmitt hatte sich das Debakel im Fernsehen angesehen. „Das Ergebnis von Hannawald hat sich schon angedeutet, nachdem es im Training nicht so wunschgemäß gelaufen ist“, sagte der 24-Jährige. In Neustadt will er wieder in den Weltcup einsteigen. Schmitt sagt: „Bei den Höhepunkten ist mit uns zu rechnen.“

Ob dieser Optimismus genügt, dass RTL wieder Martin Schmitt oder Sven Hannawald vor der Vierschanzentournee auf die Plakate nimmt? Im Moment wäre das mehr als mutig.

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