Sport : "Irgendwo gehört Sechstagrennen doch zu Berlin"

Olaf Ludwig zieht vor seinem letzten Rennen BilanzOlaf Ludwig (36) ist der erfolgreichste Rennfahrer, der für zwei deutsche Staaten siegte.Der Familienvater aus Gera (Frau Heike, Kinder Romina und Steffen) war 1981 Amateur-Weltmeister, 1988 Olympiasieger und gewann 36 Friedensfahrt-Etappen.Als Profi holte er sich drei Tour-Etappen, war 1990 Punktbester der Tour und 1992 Weltpokalsieger.Mit ihm sprach Klaus-Eckard Jost.


Tagesspiegel: Ist das Berliner Sechstagerennen für Sie ein besonderes oder nur eines von vielen? Ludwig: Von allen Sechstagerennen ist es schon etwas Besonderes, weil es nach sieben Jahren wieder gefahren wird.Ich persönlich habe in der alten Werner-Seelenbinder-Halle viele Schlachten geschlagen.Und die neue Halle steht am selben Platz.Für mich ist es zugleich das letzte Sechstagerennen in Deutschland.Es kommen also schon ein paar Dinge zusammen, die es auf einen besonderen Stellenwert für mich heben. Tagesspiegel: Weckt das Ihren Ehrgeiz? Ludwig: Sicherlich ist es eine besondere Situation und Motivation.Aber man sollte einen Vergleich mit den Zeiten vor 1989 unterlassen.Ich bin zur Zeit zwar in einer guten Form und auch froh darüber, aber ich habe noch nie vier Sechstagerennen hintereinander gefahren.Und Berlin ist das vierte.Deswegen bin ich noch ein wenig skeptisch. Tagesspiegel: Wann sind Sie das erste Mal in der alten Seelenbinder-Halle gefahren, welche Erinnerungen haben Sie? Ludwig:Das erste Mal 1973.Als Stift zum Training.Und gleich darauf folgte das erste Rennen.Ich bin eigentlich immer gerne auf der Winterbahn gefahren.Erstens bin ich immer gut zurechtgekommen und zweitens hat es mir Spaß gemacht.Es war immer eine wahnsinnig gute Stimmung.Manchmal aber wurden Rivalitäten zwischen den Bahnfahrern und den Straßenfahrern durch die verschiedenen Trainer geschürt.Das hätte nicht unbedingt sein müssen. Tagesspiegel: Sind Sechstagerennen so einfach aus dem Boden zu stampfen? Ludwig:Jede Veranstaltung muß wachsen.In München ist es mittlerweile so, daß, wer etwas auf sich hält, am Sonnabend in der Loge sitzt.Wenn man so weit ist, dann ist es für den Veranstalter, für die Sponsoren, für alle rundum sehr, sehr gut.Aber so etwas muß man sich erarbeiten. Tagesspiegel: Berlin hat Ihrer Meinung nach jedenfalls ein Rennen verdient? Ludwig: Heutzutage zählt ja nicht mehr, was Tradition war und deshalb verdient hätte.Sicherlich - Berlin ohne Radrennbahn ist für diejenigen, die sich mit der Geschichte des Radsports beschäftigen, unmöglich.Man kann nur hoffen, daß die Veranstaltung ein Erfolg wird und sich fest etabliert.Irgendwo gehört ein Sechstagerennen schon zu Berlin. Tagesspiegel: Etienne de Wilde ist Ihr Standardpartner.Was bedeutet das? Ludwig: Wir kennen uns schon länger, sind bei Telekom ein Jahr zusammen gefahren.Er ist natürlich einer der Erfahrensten im Feld, hat ein sehr gutes Auge, ist ein gewiefter Taktiker.Einer, an dem man sich aufrichten kann.In Sechstagerennen bin ich noch kein alter Hase.Ich bin zwar vom Alter her alt, aber nur etwa 15 Sixdays gefahren.Ich kann immer noch lernen.Er profitiert aber auch von mir, weil ich in einer guten Form bin. Tagesspiegel: Carsten Wolf sollte in Berlin mit Ihnen fahren, wollte aber nur mit Andreas Kappes - warum? Ludwig: Der Veranstalter hätte im Vorfeld mit Kappes und Wolf reden sollen.Aber wenn die Kappes gar keinen Vertrag geben wollen und Wolf soll plötzlich mit Ludwig fahren, dann ist das eine linke Tour.Zwischen Carsten und mir gibt es keinerlei Mißverständnisse.An den Problemen, die es gab, waren die Veranstalter selber schuld.Ich wäre gerne mit Carsten gefahren, ich wäre auch mit Andreas gefahren.Nachdem es in Köln aber so gut mit Etienne geklappt hat, habe ich gesagt: Feierabend mit der Diskussion, ich fahre mit Etienne. Tagesspiegel:1996 war Ihre letzte Saison im Telekom-Stall.Warum fahren Sie jetzt noch in deren Trikot und Hose? Ludwig: Ich habe auch 1997 einen Vertrag mit Telekom.Derart, daß ich die Sechstagerennen fahre und noch eine gewisse Anzahl an PR-Terminen mache.Ich hätte auch etwas anderes machen können.Aber da wir so lange schon zusammengearbeitet haben, habe ich diesen Vorschlag akzeptiert. Tagesspiegel: Thema Rückblick: Welche positiven Momente fallen Ihnen da ein? Ludwig: Die lustigen Momente, Spaß mit den Rennfahrern.Ein Beispiel: Wir waren am 8.8.1988 in St.Moritz im Training, hatten unseren freien Tag und waren vormittags auf dem Piz Nair, in 3000 m Höhe, im Schnee und bei Sonnenschein.Nachmittags haben wir am See Bündner Spezialitäten gegrillt.So etwas hatten wir zu DDR-Zeiten nicht.Als Amateur war sicher der Olympiasieg das Schönste.Bei den Profis der Etappensieg auf den Champs Elysée, die Siege beim Amstel-Gold-Race und Henninger Turm und der dritte Platz bei der Weltmeisterschaft in Oslo.Erst dann kommt das Grüne Trikot bei der Tour. Tagesspiegel:Was würden Sie als Tiefpunkt bezeichnen? Ludwig: Die Weltmeisterschaften im Mannschaftsfahren 1982 und 1983.Die Absage unserer Olympia-Teilnahme 1984.Und das Ausscheiden bei der Tour 1995.Es gab schon Momente, in denen man enttäuscht war.Aber wenn man Erfolg haben möchte, muß man durch solche Sachen durch. Tagesspiegel:Wer hat Sie in solchen Momenten wieder aufgebaut? Ludwig: Anfangs mein Trainer Werner Marscher, danach die Familie.Denn in solchen Momenten ging es ja nicht ums sportliche Können, sondern um menschliche Dinge.Da habe ich bei meiner Frau und den Kindern die nötige Ruhe gefunden. Tagesspiegel: Was müßte sich denn aus Sicht der Fahrer am Radsport ändern? Ludwig: Wir haben gar keine Möglichkeiten, den Sport zu verändern.Ich denke nur daran, als die Helme Pflicht wurden.Damals haben wir Fahrer gestreikt.Danach gab es Hauruck-Aktionen.Ich meine nach wie vor, das muß jeder selbst entscheiden.Diejenigen, die sich heutzutage ohne Helm in einen Sprint werfen, sind selber schuld.Mit einer Verpflichtung oder einem Gesetz läßt sich das schwer durchsetzen.Es wird immer wieder Stürze, wahrscheinlich auch schwere Stürze geben, egal, ob Helm oder nicht.Aber unterm Strich ist es so, daß irgendwelche Funktionäre oben entscheiden, und die Sportler an der Basis haben es dann auszubaden. Tagesspiegel: Warum treten die Fahrer nicht öfter geschlossen auf? Ludwig: Bei uns gibt es keine Gewerkschaft.Jeder denkt für sich.Da kommt beispielsweise einer und sagt: Die Zielankunft dürften wir normalerweise gar nicht fahren.Aber was tun wir? Wenn ich zu meinen Telekom-Leuten gesagt hätte, hier fahren wir nicht, wäre der Godefroot (Sportlicher Leiter, d.Red.) gekommen und hätte gesagt: das können wir nicht machen, das gibt Ärger mit dem Sponsor.Und wenn wir Deutschen uns einig wären, irgendwo nicht zu fahren, dann käme ein Franzose, der sagt: Da können wir aber nicht mitmachen.Man kann Radrennen nie hundertprozentig sicher machen.Aber man muß von Kilometer zwei zu Kilometer eins auch nicht fünf Kurven einbauen.Und schmale Straßen und Kreisverkehr.Denn dann sind Stürze programmiert. Tagesspiegel: Sind Sie zufrieden, daß mit Jan Ullrich eine neue Galionsfigur im deutschen Radsport aufgetaucht ist? Ludwig: Natürlich, denn mir liegt ja am Herzen, daß es mit dem Radsport weitergeht.Man muß aber auch sehen, daß wir einen Erik Zabel haben.Der hat zweimal zwei Etappen bei der Tour gewonnen.Und dieses Jahr das Grüne Trikot.Das ist alles ein wenig untergegangen wegen "Ulles" zweitem Platz.Insofern sind gleich zwei ganz große Rennfahrer da.Aber es gibt noch genug andere gute.Was Udo Bölts in diesem Jahr gefahren hat oder auch Jens Heppner oder Rolf Aldag, ist aller Ehren wert.Für dieses Jahr ist sicher einiges zu erwarten. Tagesspiegel: Und was werden Sie künftig machen? Ludwig: Nach Berlin fahre ich noch die Sechstage in Mailand.Am 14.Februar werde ich in Stuttgart mein Abschiedsrennen bestreiten.Und danach werde ich ein wenig faulenzen und fahre mit der Familie drei Wochen in Urlaub.Dann habe ich für Telekom noch soundsoviele Tage im Jahr bereitzustehen.Vielleicht werde ich hier oder da als Co-Kommentator im Fernsehen dabeisein.Auf der einen Seite möchte ich etwas Abstand gewinnen, auf der anderen Seite möchte ich mich umhören.Ab Mitte des Jahres werde ich dann ungefähr wissen, was ich machen will.Und machen kann.Der künftige Wohnsitz wird von meinem künftigen Job abhängen.

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