Sport : Irland - Niederlande: Trauer in Orange

Egon Boesten

Es hätte alles so schön sein können: Tausende von Fans hatten das Fußballstadion an der Dubliner Lansdowne Road mit ihren Fahnen und Blasinstrumenten zum Holland-Heineken-House umfunktioniert, und Ruud Gullit musste mehr als einmal kommentieren, wie er vor 17 Jahren mit Marco van Basten in Irland ein wichtiges WM-Qualifikationsspiel heraus- und herumgerissen hatte. Ein Sieg am Samstag hätte den Niederländern zumindest zwei Entscheidungsspiele um die Teilnahme an der WM 2002 in Japan und Südkorea ermöglicht. Stattdessen gab es eine 0:1-Niederlage, die den WM-Zweiten der Jahre 1974 und 1978 der letzten Chance auf eine Reise nach Fernost beraubte.

Ruud Gullit, Hollands Star vergangener Jahre, schüttelte den inzwischen kurz geschorenen Kopf und sagte nur: "Das ist eine Katastrophe." Sein Gesprächspartner Mart Smeets vom niederländischen Fernsehen fragte mit deutlich rhetorischem Unterton: "Muss man nicht sagen: selber Schuld?" Gullit nickte. "Auf jeden Fall. Vor dem Spiel haben viele Leute gesagt, wir wären auf dem Papier klarer Favorit. Aber was nutzen denn so viele Top-Leute in der Mannschaft, wenn sie alle zusammen keinen Erfolg haben?"

Noch vor ein paar Jahren, als Ajax Amsterdam den europäischen Fußball beherrschte, galten die Holländer als Pioniere moderner Fußballkunst und -taktik. Davon war in Dublin nichts mehr zu sehen. Als der dribbelstarke Marc Overmars verletzungsbedingt ausgewechselt werden musste, spielte Holland ohne Flügelstürmer. Es wirkte schon ein wenig tragisch, wie Trainer Louis van Gaal seinen Spielern in den letzten 20 Minuten immer wieder zurief: "Blijven voetballen, blijven voetballen" - "weiter Fußball spielen". Seine Worte verhallten im Nichts, die Spieler in den berühmten orangen Trikots erzwangen nicht mehr die Wende.

Johan Cruyff durfte sich bestätigt fühlen. Der Weltstar der Siebziger- und Achtzigerjahre moniert schon seit langem technische und taktische Mängel seiner jungen Landsleute. Vor Jahren war es noch undenkbar, dass ein Klub der Ehrendivision nicht mit einem offensiv ausgerichteten System antrat. Mittlerweile ist in der von Eindhoven, Rotterdam und Ajax dominierten Spielklasse das defensive Element vorherrschend. So prophezeit Cruyff denn, dass die Niederländer sich im Vereinsfußball künftig mit schottischen oder österreichischen Klubs in der zweiten Reihe um einen Champions-League-Platz anstellen müssen. Spätestens im kommenden Jahr dürfte die einst von Ajax erspielte gute Platzierung in der Rangliste des europäischen Fußballverbandes Uefa verloren gehen.

Der holländische Fußballverband hat die Zeichen der Zeit erkannt und schon vor einiger Zeit einen Masterplan für die Ausbildung des Nachwuchses erstellt. Doch bis diese Maßnahme wirksam wird, müssen die Niederländer ihre Ansprüche zurückstellen. Das gilt auch für die Nationalmannschaft. Deren Trainer Louis van Gaal hatte noch vor einem Jahr angekündigt: "Ich will zweimal Weltmeister werden." Nach der Niederlage von Dublin erscheint es fraglich, ob er überhaupt seinen bis 2006 laufenden Vertrag erfüllen kann. Fernsehmoderator Mart Smeets formulierte es salopp: "Für den Sommer 2002 können die Oranje-Fußballer bereits Urlaub planen." Die Weltelite vergnügt sich zur selben Zeit in Japan und Südkorea.

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