Irrfahrt zweier Starboxer : Fidel Castro und die "deutsche Box-Mafia"

Eine mysteriöse Geschichte um Desertion und Deportation: Zwei von einem deutschen Boxstall umworbene kubanische Boxer sind drei Wochen nach ihrer "Flucht" in Brasilien in ihre Heimat zurückgeschickt worden.

Emilio Rappold[dpa]
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Erislandy Lara (l.) und Guillermo Rigondeaux -Foto: dpa

Rio de Janeiro/HavannaIm Ring haben sie ihre Gegner das Fürchten gelehrt - aber nun müssen sie selbst zittern: Die von einem Hamburger Boxstall umworbenen kubanischen Star-Boxer Guillermo Rigondeaux (25) und Erislandy Lara (24) sind drei Wochen nach ihrer "Flucht" in Brasilien in die Heimat abgeschoben worden und stehen nun vor einer ungewissen Zukunft. Menschenrechtler und Medienbeobachter kritisierten die Deportation. Brasiliens Staatschef Luiz Lula da Silva habe "den brasilianischen Staat in den Dienst der politischen Polizei" des kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro gestellt, klagte der Journalist und Schriftsteller Elio Gaspari.

Die Boxer hätten vor der Abschiebung von Menschenrechtlern und Nichtregierungsorganisationen interviewt werden und nach ihren wahren Wünschen befragt werden sollen, meinte Gaspari. Die Regierung in Brasilia beteuerte, die Kubaner hätten keinen Asylantrag stellen wollen und so schnell wie möglich in die Heimat zurück gewollt. Castro versicherte derweil, die am Sonntag in Havanna eingetroffenen Sportler würden trotz ihrer mutmaßlichen Fahnenflucht während der Panamerikanischen Spiele in Rio keine Repressalien erleiden.

Castro: Rückkehrer sollen "ehrenvolle Aufgaben bekommen"

"Diese Bürger sollen mit keiner Art von Festnahme empfangen werden, und noch weniger mit solchen Methoden, wie sie die Regierung der USA in (den Gefangenenlagern) Abu Ghraib und Guantánamo benutzt", schrieb Castro im Blatt "Juventud Rebelde". Sie würden vielmehr "ehrenvolle Aufgaben bekommen, die ihren Fähigkeiten und Erfahrungen entsprechen und dem Sport zugute kommen werden".

Die Kubaner waren am 21. Juli während der Panamerikanischen Spiele in Rio untergetaucht und sollen Verträge mit dem deutschen Boxstall Arena Box Promotion unterzeichnet haben. Am Mittwoch waren sie von der brasilianischen Polizei in einer Strandgemeinde nordwestlich von Rio festgenommen worden. Sie seien nun in Havanna vorläufig in einem Gasthaus untergebracht worden, wo sie von ihren Angehörigen besucht werden könnten, so das kubanische Fernsehen.

Kubaner hatten kein für Brasilien gültiges Aufenthaltsvisum

"Die beiden hatten keine Papiere bei sich, allein das ist Grund für eine Abschiebung", rechtfertigte der zuständige Kommissar Felício Laterça in Rio die Maßnahme. Die Kubaner hätten kein für Brasilien gültiges Aufenthaltsvisum mehr, hatten Polizeisprecher betont. Das Justizministerium erklärte, die Kubaner hätten keinen Asylantrag gestellt. Ihre Situation sei deshalb allein Polizeisache.

Erst am Samstag hatte es eine neue Wende in der "Seifenoper" um die Boxer gegeben. Rigondeaux und Lara versicherten im Verhör, sie seien nicht "desertiert". Sie hätten bei einem freien Ausgang ein Rio in Videospiel kaufen wollen und seien von Männern unter Drogen gesetzt und verschleppt worden. Auf Grund dieser Aussagen beantragte die Staatsanwaltschaft bei der Polizei nun eine Untersuchung wegen möglicher Entführung. Staatsanwalt Leonardo Figuereido sagte, es gebe Verdacht gegen einen Deutschen und einen Kubaner.

"Ich habe ihnen die Möglichkeit des Asylantrags erklärt und gefragt, ob sie Angst vor einer Rückkehr nach Kuba hätten, aber die beiden haben mehrfach versichert, sie liebten ihr Heimatland und wollten dahin zurück", versicherte Kommissar Laterça.

Castro kritisiert deutsches Boxgeschäft

Fidel Castro hatte nach dem Verschwinden der beiden Boxer eine "deutsche Mafia" angeprangert, die "sich der Auswahl, des Kaufes und der Förderung kubanischer Boxer bei internationalen Turnieren" widme. Sie benutze "raffinierte psychologische Methoden" und "viele Millionen Dollar", kritisierte er. Wenige Tage später bestätigte Arena Box Promotion, dass Rigondeaux, Doppel-Olympiasieger im Bantamgewicht, und Lara, Weltmeister im Weltergewicht, Verträge über fünf Jahre mit der Hamburger Gruppe des türkisch-deutschen Unternehmers Ahmet Öner unterschrieben hätten.

Vor allem Rigondeaux' Flucht war ein schwerer Schlag für Kubas Sportwelt. Der Boxsport ist eines der Aushängeschilder des Landes. Rigondeaux war der Star der Delegation in Rio. Er gewann zwischen 1999 und 2003 142 Kämpfe in Serie. Er war der letzte große Boxer seiner Generation auf der sozialistischen Karibikinsel.

Bereits im Dezember 2006 waren drei andere Top-Boxer - Yan Barthelemy, Yuriorkis Gamboa und Odlanier Solís - nach einem Turnier in Caracas/Venezuela nicht nach Hause zurückgekehrt. Sie sind nun in Deutschland aktiv. Kuba hat damit keinen aktiven Box-Olympiasieger mehr, der auf der Insel geblieben ist.

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