Sport : Isabell und das Schlitzohr

Helen Ruwald

Die zweite Prüfung in seinem siebenjährigen Pferdeleben stand bevor, und Satchmo war unglaublich aufgeregt. Erst die Reise nach Berlin und nun diese vielen seltsamen Leute auf der Tribüne des Velodroms. Die Frau in seinem Sattel hatte nach der Begrüßung zur Dressurprüfung höflich gegrüßt, die Zuschauer klatschten. Und Satchmo erschrak - der Beifall war so laut. "Die Atmosphäre hat ihn überwältigt, er war dem Herzinfarkt nahe", erzählt seine Reiterin belustigt. Sie ist erfahrenere Pferde gewohnt und tritt nicht allzuoft bei so unbedeutenden nationalen Dressurprüfungen wie der am Freitag beim CHI an. Satchmos Reiterin ist Olympiasiegerin Isabell Werth.

Satchmo? Bis zu den Olympischen Spielen in Sydney 2000 wurde die beste Dressurreiterin der Neunzigerjahre immer in einem Atemzug mit Gigolo genannt, der sie von Erfolg zu Erfolg trug. Nach Gold und Silber in Sydney ging der 18-jährige Gigolo in den Pferde-Ruhestand, für Isabell Werth begann eine neue Ära. Satchmo will sie wie auch Richard Kimble langsam aufbauen, die neue Nummer eins ist nun Antony vor Apache. Gigolo lebt in Rheinberg bei Düsseldorf im Stall seines Besitzers Dr. Uwe Schulten-Baumer, Werths langjährigem Trainer. "Ein junges Mädchen kümmert sich rührend um Gigolo. Er wird noch geritten und abtrainiert", erzählt Werth. Dass er plötzlich zuhause bleiben musste, wenn die anderen Pferde für Turniere fertig gemacht wurden, das gefiel Gigolo gar nicht. "Er ist gegen die Gitterstäbe gesprungen und wollte mit." Ob er sie vermisst hat nach all den gemeinsamen Jahren? "Ich hoffe schon. Ich habe ihn jedenfalls vermisst. Gigolo ist ein Teil meines Lebens. Ich konnte ihn nicht einfach abgeben und sagen, jetzt habe ich ein neues Pferd." Dem Pferd habe sie ein bisschen nachgetrauert, nicht den Erfolgen. Mit Gigolo war eine Medaille garantiert, mit Antony hat die 32-Jährige bei der Europameisterschaft im Sommer in Verden zwar mit der Mannschaft Gold gewonnen - lieferte aber das Streichresultat und kam nicht ins Einzelfinale. Das neue deutsche Traumpaar sind Ulla Salzgeber und Rusty.

Eine ungewohnte Situation, und doch ist Isabell Werth zufrieden. "Aus Antony wird zwar kein Championat-Sieger, aber in Deutschland zum Dressurteam zu gehören, das ist schon etwas. Das ist keine neue Bescheidenheit. Ich habe mir einfach gesagt: auf zu neuen Ufern."

Dazu gehört auch der Umzug von Rheinberg nach Mellendorf bei Hannover, zum Ehepaar Winter-Schulze, das zu den wichtigsten Mäzenen des deutschen Reitsports zählt und im Sommer Apache, Satchmo und Richard Kimble von Schulten-Baumer gekauft hat. Die Beziehung zu ihm, Werths großem Förderer, hat sich durch den Umzug gelockert. "Über 15 Jahre waren wir tagtäglich zusammen. Jetzt habe ich ein bisschen mehr Freiraum", sagt Werth. Bei Turnieren arbeiten die beiden weiter zusammen.

Vermutlich erfolgreich, denn die Durststrecke nach Gigolos Abschied blieb aus. Antony wurde vor einer Woche in Stuttgart Dritter, gestern gewann Werth mit ihm beim CHI den Kurz Grand Prix. Antony ist schon 15, eine Übergangslösung, aber eine erstaunlich gute. Der interne Aufstieg spornt ihn an, er spürt, dass er nun der Star ist. Konstant sei er geworden im vergangenen Jahr, erzählt Werth. "Antony ist ein Schlitzohr, er lässt sich schon mal ablenken und vergisst seine Lektion. Das wäre Gigolo nie passiert." Werth nimmt es gelassen, wie auch die Sperenzchen von Satchmo. "Er hat irres Talent. Pferde mit hohem Potenzial stehen zwischen Genie und Wahnsinn."

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