Island fährt zur WM 2018 : Huh, huh, Russland!

Island hat so viele Einwohner wie Neukölln und ist damit das kleinste Land, das sich jemals für eine Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert hat.

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Alles hört auf sein Kommando! Aron Einar Gunnarsson, Islands Mannschaftskapitän und erster Sänger bei der After-Show-Party.
Alles hört auf sein Kommando! Aron Einar Gunnarsson, Islands Mannschaftskapitän und erster Sänger bei der After-Show-Party.Foto: Brynjar Gunnarsson/dpa

Was heißt eigentlich „Huh!“ auf Russisch? Für die Transkription ins kyrillische Alphabet schlägt Google „Xa!“ vor, aber das hilft den Fußballfreunden in Moskau und St. Petersburg auch nicht entscheidend weiter. Egal, sie werden ihn schon noch kennen lernen, den Schlachtruf, mit dem die Fans aus dem hohen Norden im Sommer 2016 Frankreich aufgemischt haben und den sie im kommenden Jahr in den Osten tragen werden. Das „Huh!“ ist wieder da und mit ihm Island, das kleinste Land, das jemals bei einer Weltmeisterschaft aufspielen durfte. Gut 330 000 Menschen leben auf der Vulkaninsel im Nordatlantik, ungefähr so viele wie im Berliner Bezirk Neukölln. Mit einem 2:0 daheim in Reykjavik über Kosovo vollendete die Mannschaft in den blauen Leibchen mit weißroten Längsstreifen das kleine Wunder, als Sieger der starken Qualifikationsgruppe I vor Kroatien, der Ukraine und der Türkei.

„Das ist schon schräg, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, sprach Heimir Hallgrimsson und listete die Namen auf, mit denen er das Abenteuer Weltmeisterschaft verbindet: „Pelé, Maradona, Gunnarsson!“ Heimir Halgrimsson ist der bekannteste Zahnarzt Islands, seine Praxis auf den Westmänner-Inseln wird allerdings seit längerem von einer Vertretung betreut, weil er im Nebenjob als Nationaltrainer unabkömmlich ist. Aron Einar Gunnarsson steht der Nationalelf als Kapitän vor. Ein Hüne mit Vollbart und großflächigen Tätowierungen, dem nur noch ein Helm mit zwei Hörnern zur Karikatur eines Wikingers fehlt. Auf dem Platz treibt er das Spiel im Mittelfeld voran und ist später für das „Huh!“ zuständig. Wenn er da vor den Fans steht, die Arme überm Kopf zusammenschlägt und den Takt vorgibt, erst langsam los und dann immer schneller, bis das ganze Stadion in ein langgezogenes Jaulen einfällt.

Am Montag war es noch ein bisschen lauter als sonst im Laugardalsvöllur, dem Nationalstadion, einer besseren Bezirkssportanlage mit offenen Kurven und einer winzigen Tribüne. Vorgefertigte WM-Trikots und die rot-gelb-grünen Blitze eines Feuerwerks über dem verregneten Abendhimmel kündeten davon, dass der Jubel nicht ganz spontan war (und das Wunder nicht ganz überraschend kam). Es bedurfte nur noch dieses einen Sieges über den abgeschlagenen Tabellenletzten Kosovo, aber Pflichtsiege auf Bestellung sind bekanntlich nicht die einfachsten. Entsprechend schwer taten sich die Isländer. Die erste Halbzeit war schon fast zu Ende, als Gylfi Sigurdsson seinen Kollegen endlich den Weg nach Russland wies. Nach seinem schönen Solo im kosovarischen Strafraum hatte er Glück, dass sein Schuss mit dem rechten Fuß ans linke Standbein prallte und von dort aus zum 1:0 ins Tor. Mitte der zweiten Halbzeit bereitete er auch das zweite Tor durch Johann Gudmundsson vor, und die Dinge nahmen ihren Lauf.

Sigurdsson verdient sein Geld in der englischen Premier League beim FC Everton, er hat auch mal für zwei Jahre in Hoffenheim gespielt, als dort noch Ralf Rangnick das Wort führte. Der Mann war eine Entdeckung von Rangnicks Sohn, der in England studierte und den damals 20-jährigen Isländer zufällig beim Zweitligisten FC Reading gesehen hatte. Heute ist er 27 und war Everton im vergangenen Sommer knapp 50 Millionen Euro Ablöse an Swansea City wert.

Gylfi Sigurdsson kümmert sich auf dem Platz um die Filigranarbeit, aber der Chef ist Aron Einar Gunnarsson. Das Spiel gegen Kosovo war sein 75. für Island, und eigentlich hätte er gar nicht dabei sein dürfen. Bei Cardiff City, dem walisischen Tabellenführer der zweitklassigen englischen Championship, waren sie höchst ungehalten darüber, dass Gunnarsson trotz eines Muskelrisses die Reise zur Nationalmannschaft angetreten hatte. Cardiffs Trainer Neil Warnock ließ den Isländern ausrichten: „Wenn sie wollen, dass er spielt, dann sollen sie auch sein Gehalt übernehmen!“

Am Ende siegte die Loyalität zur Nation über die zum Arbeitgeber, etwas anderes wäre für einen aufrechten Isländer auch nicht infrage gekommen. Wie hätte Gunnarsson denn später seinen Enkeln erklären sollen, warum er bei diesem Termin nicht zugegen war? Als er unten auf dem Rasen das finale „Huh!“ anstimmte, stand Gudni Johannesson auf der Tribüne und bedeckte ergriffen mit den Händen sein Gesicht. „Dieser unglaubliche sportliche Erfolg tut dieser Nation so gut“, sagte Islands Staatspräsident. „Es gibt so viele Dinge, bei denen wir uns in diesem Land nicht einig sind. Deshalb ist es so wunderbar, dieses Team zu haben, das uns alle verbindet“, vom französischen Sommer über den isländischen Herbst bis in das nächste Jahr nach Russland. Also lässt sich Heimir Halgrimsson in seiner Praxis noch ein bisschen länger vertreten und stimmt sich auf weitere Großtaten ein. „Wir haben einen Berg erklommen und blicken zum nächsten. Dann ziehen wir unsere Wanderstiefel an und marschieren los!“

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