Sport : Ist das letzte Rennen gelaufen?

Ingo Wolff

Manfred Schneider steht mit seinem Kumpel in der Wetthalle der Trabrennbahn Karlshorst und beobachtet die Menschen, die eilig auf die beiden Schalterrondelle in der Magistrale des Raumes zueilen. "Meistens ist es interessanter die Menschen hier zu beobachten als die Pferde", sagt Schneider. Er verfolgt, wie die Wetthungrigen ihre Programme angestrengt studieren, sich mit ihren Tischnachbarn über die Form der Pferde streiten und dann doch in den meisten Fällen das Falsche wetten.

Der ehemalige Sulkyfahrer ist nach langer Abstinenz mal wieder auf die Bahn gekommen. Seit 1989 ist er kein Rennen mehr gefahren und hat die Bahn seit einiger Zeit auch nicht mehr besucht. Doch am Freitagabend konnte er sich noch einmal aufraffen. Nicht ohne Grund: auf dem Programm stehen die letzten zwölf Rennen, die die Trabrennbahn Karlshorst wohl erleben wird.

Nach 117 Jahren schließt die Rennbahn an der Treskowallee die Pforten. Der Berliner Trabrenn-Verein (BTV) hat den bis Ende 2003 laufenden Pachtvertrag vorzeitig gekündigt und damit das Aus des Rennbetriebes beschlossen. Mit der schon vorher getroffenen Entscheidung, in den Wintermonaten bis März keine Rennen auszutragen, wurde der für den 28. Dezember angesetzte Renntag somit zum traurigen Finale.

Doch die Tränen der Betroffenen hielten sich beim Abschied von der Traditionsbahn in Grenzen. Nur einmal, nach dem neunten Rennen, rief der Sprecher die Aktiven zum Protest in die Wetthalle unter der Tribüne. Trainer und Fahrer trugen unter den Augen der Besucher einen Sarg in die Halle. Einer der ältesten Trainer in Karlshorst, Karl-Heinz Brendike, formulierte dazu eine Grabrede, die tiefgründig den Untergang analysierte. Zuspruch bekam Brendike aber nur bei wenigen Bemerkung wie: "Die Schließung darf nicht das letzte Wort sein." Ansonsten erinnerte die Begeisterung für seine Rede tatsächlich an eine Beerdigung.

Viele der Zuschauer waren eher aus nostalgischen Gründen auf die Bahn gekommen. Sie wollten ein letztes Mal Pferde mit ihren Sulkys in Karlshorst laufen sehen. "Wer weiß, ob ich in meinem Leben noch einmal ein Rennen so nah erleben darf", sagt eine 81-jährige Frau, "den weiten Weg nach Mariendorf mute ich mir jedenfalls nicht mehr zu." So wie sie denken einige ältere Besucher an diesem Renntag. Auch einige Protestler wollen sich der Bahn im Westteil Berlins verweigern. Doch es gibt auch andere, für die die Distanz nach Mariendorf nicht unüberbrückbar scheint. "Zocker gehen dahin, wo gewettet wird", sagt eine Frau an der Totokasse. Dennoch stirbt mit dem letzten Renntag in Karlshorst eine Berliner Institution. Die Trabrennbahn besuchten vor allem Menschen der unteren Schichten und in der Mehrheit aus dem Ostteil der Stadt - manche schon seit Jahrzehnten. Dieses besondere Fluidum geht nun verloren, befürchtet ein älterer Mann.

Trotz des Wehmuts geht vieles an diesem Renntag seinen üblichen Gang. So stehen um kurz nach elf Uhr nur noch wenige Wetter an ihren Tischen, füllen die Scheine für das Schlussrennen aus und genießen dabei das letzte Bier zur Schrippenhälfte mit Gehacktem und Gurke. Nach dem Rennen lassen sie sich ihren Gewinn auszahlen und entschwinden still. Nur wenige feiern bei Diskomusik den Ausklang.

Unter denen, die Feiern, sind auch einige Bahnmitarbeiter. Für sie endet an diesem Tag die Beschäftigung. "Die Stimmung ist bedrückend", sagt Totokassiererin Gerda Müller, "die meisten hier arbeiten doch nur auf 630-Mark-Basis." Sie alle werden in Mariendorf nicht gebraucht. Deshalb hoffen sie auf eine Rettung in letzter Minute. Vom BTV ist die nicht zu erwarten. Eher schon von einer Initiative aus Trainern und Bahn-Enthusiasten. Sie wollen Anfang Januar ein Konzept mit einem neuen Rennverein auf den Tisch bringen. Doch die Hoffnung ist wage.

Gleichzeitig hoffen alle auf die Solidarität der Besucher. Die bescherten der Bahn mit 278 000 Mark noch einmal einen Rekordumsatz, obwohl wegen der Kälte viele Pferde zurückgezogen wurden. So liefen in einigen Rennen nur vier Pferde - vor wenigen Jahren noch undenkbar. "Unter normalen Umständen wäre der Renntag abgesagt worden", sagt ein Stammgast. Doch das wollte der Berliner Trabrenn-Verein nun auch nicht. Immerhin schenkte er dem treuen Publikum einen würdigen Abschied.

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