Sport : Ist denn heut’ noch Weihnachten?

Im Sport ist es weltweit üblich, an den Feiertagen Spiele zu bestreiten – einige Profis protestieren

Benedikt Voigt

„Well we’re living here in Allentown;

And they’re closing all the factorys down;

Out in Bethlehem they’re killing time;

Filling out forms, standing in line.“

(Billy Joel, Allentown, 1981)

Berlin - Es gibt schönere Flecken auf dieser Erde als Allentown, Pennsylvania. Die US-amerikanische Stadt hat in den siebziger Jahren einen Niedergang erlebt, als im nahe gelegenen Bethlehem die Stahlfabriken zumachten. Trotzdem wird Pete Lisicky alles tun, um am ersten Weihnachtsfeiertag irgendwie in Allentown anwesend zu sein. Er wird die Internetkamera anschließen, die er vor drei Jahren in Spanien das erste und letzte Mal benutzt hat. Dann wird er sich vor den Computer setzen und sagen: „Frohe Weihnachten meine Lieben.“ Aber es wird nicht so sein wie in den Jahren zuvor. „Ich kann nicht die Reaktion meiner Familie sehen, wenn sie ihre Geschenke öffnet“, sagt Pete Lisicky, „das werde ich am meisten vermissen.“ Kurz vor 17 Uhr wird der Basketballprofi seinen Computer ausschalten und zum Training fahren. In Braunschweig, Niedersachsen.

Pete Lisicky ist verärgert. Lange hat er sich mit seinen Teamkollegen von Energy Braunschweig gegen das Bundesligaspiel am zweiten Weihnachtsfeiertag gewehrt. Zum zweiten Mal in Folge spielt die Basketball-Bundesliga an Weihnachten durch. Im letzten Jahr konnte der Verein das Weihnachtsspiel noch verlegen, weshalb die Spieler auch in dieser Saison darauf hofften. Der Spruch „Was ist mit Weihnachten?“ geriet zum Running-Gag im Training der Braunschweiger, so oft haben sich die Profis diese Frage gestellt. Doch nun müssen sie spielen. Die Liga hat es erschwert, dass ein Spiel aus der Weihnachtswoche auf einen anderen Zeitpunkt gelegt werden kann. Pete Lisicky hat einen drastischen Ausdruck für diese neue Regelung, die einen einheitlicheren Spielplan sichern soll. Er nennt sie: „Fuck Christmas.“

Im professionellen Sport ist es weltweit üblich, an Weihnachten Spiele zu bestreiten. In den USA spielen die Profiligen NBA und NFL sogar am 25. Dezember, obwohl dieser Tag dort der wichtigste Weihnachtsfeiertag ist. In Australien besitzt das Cricket-Testspiel in Melbourne am Boxing Day, dem zweiten Weihnachtsfeiertag, eine lange Tradition. Und in England gehört Fußball in der Premier League zu den Weihnachtsfeiertagen wie die Geschenke unter den Tannenbaum. Die ganze Familie geht zu den Spielen, die bereits Kultcharakter besitzen. Die Fans tragen Weihnachtsmützen und singen Weihnachtslieder, wenn ein Tor fällt. Auch die Spieler haben sich an den ungewöhnlichen Termin gewöhnt. Jan Aage Fjoertoft, der fünf Jahre lang in England spielte, sagte: „Du hast in diesem Land so viele Spiele, da merkst du nach ein paar Jahren gar nicht mehr, ob gerade Weihnachten ist, du vergisst, wann wir Silvester haben.“

Auch in Deutschland spielt Sport an Weihnachten und zum Jahreswechsel eine größere Rolle. Traditionell gehört die Vierschanzentournee der Skispringer zum Programm nach den Feiertagen. Die Handball-Bundesliga und die Deutsche Eishockey-Liga spielen ebenfalls am zweiten Weihnachtsfeiertag. Beim Eishockey wird nicht mehr über diesen Termin diskutiert, die Profis protestierten lediglich einmal, als ein Spieltag am 25. Dezember angesetzt war. Dafür wird allerdings an diesem Tag trainiert, bei den Berliner Eisbären zum Beispiel schon ab 15 Uhr.

Die Spielergewerkschaft der Basketballer fordert eine Pause. „Nicht nur aus moralischen Gründen, sondern auch, weil die Spieler frische Beine und einen freien Kopf brauchen“, sagt Walter Palmer von der Sport-Union. Palmer hat vor der Bamberger Halle Zettel ausgeteilt: „Samstags gehört Papi immer dir, bitte lass ihn Weihnachten bei mir.“ Auch protestierten Frankfurter und Leverkusener Spieler mit einem Tannenbaum-Aufkleber auf dem Trikot gegen den Weihnachtstermin. Doch für die Basketball-Bundesliga ist der Tag wirtschaftlich wichtig. Zu den Spielen kommen mehr Zuschauer, der Fernsehsender Premiere überträgt viele Spiele. „Die Zuschauer wollen nach dem ersten Feiertag Abwechslung“, sagt Ligachef Otto Reintjes. Er hat wenig Verständnis für das Anliegen der Profis. „Sie haben im Sommer mehrere Monate frei, und es gibt auch andere, die Weihnachten arbeiten müssen.“

Pete Lisicky zieht einen eigenen Schluss. Sein Weihnachten findet zwischen zwei Trainingseinheiten statt und wird nur 28 Stunden dauern. Und er feiert es nicht in Allentown, Pennsylvania. Der 27-Jährige sagt: „Das ist für mich ein Grund, im nächsten Jahr nicht in Deutschland zu spielen.“ Er meint es sehr ernst.

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