• Ist die Profiliga zu hart oder war der Rückhalt aus seiner zerütteten Familie zu schwach?

Sport : Ist die Profiliga zu hart oder war der Rückhalt aus seiner zerütteten Familie zu schwach?

J. M. Dettmer

Leon Smith gilt als hochtalentierter Basketballer. Der NBA-Klub Dallas Mavericks nahm ihn unter Vertrag. Nur wird man in Dallas jetzt erst einmal wenig Freude an dem Jungen haben: Der wurde nämlich am vorigen Wochenende in die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses der Texas-Metropole eingewiesen. Der 19-Jährige aus Chicago hatte gleich packungsweise Aspirintabletten geschluckt. Als die Polizei ihn auf dem Boden seines Appartements fand, war sein Gesicht mit grüner Farbe bemalt. Den Beamten sagte Smith, er sei ein Indianer und kämpfe gegen Kolumbus.

Der Nervenzusammenbruch des jungen Spielers sorgte in Dallas für einen Schock. Die Hintergründe sind in der Vergangenheit von Smith und im enormen Leistungsdruck in der NBA, der härtesten Basketball-Liga der Welt, zu suchen. Der Neuling aus dem Norden hatte in Dallas große Erwartungen geweckt. Er bekam einen mit 1,5 Millionen Dollar dotierten Dreijahresvertrag. Im NBA-Handbuch heißt es über Leon Smith kurz: 19 Jahre alt, 2,08 Meter groß, 106 Kilo schwer, kommt von der Martin Luther High School in Chicago.

Was nicht im Handbuch steht, ist die Lebensgeschichte des Jungen, der rasante Aufstieg aus einem schwarzen Armenviertel in Chicago zum Sport-Millionär. Als Leon fünf Jahre alt war, wurden er und seine Geschwister nachts auf der Straße von der Polizei aufgegriffen. Sie waren hungrig und hatten nach Essen gesucht. Der Mutter wurde das Sorgerecht entzogen, die Kinder kamen zu wechselnden Pflegefamilien. Er wurde von seinen Geschwistern getrennt. Der Vater hatte die Familie vor Jahren im Stich gelassen. Später zeigte sich Leons Talent beim Basketball. Nach der High School verzichtete er auf den normalen Weg über das College zum Profisport und meldete sich direkt zur NBA. "Leon war nicht reif dafür", sagt Mavericks-Coach Don Nelson jetzt, "ich habe gewürfelt, ich wollte einen guten jungen Spieler hierher holen und sehen, ob wir ihn entwickeln könnten. Es hat nicht geklappt. Wenn einen hier die Schuld trifft, dann mich und keinen anderen."

Leon Smith kam für die Mavericks nicht zum Einsatz, er saß bereits zu Saisonbeginn verletzt auf der Bank. Und im Training war es zu zwei Zusammenstößen mit Co-Trainer Donnie Nelson gekommen, dem Sohn des Coaches. Leon gilt als Einzelgänger, ohne engere Kontakte. Mavericks-Mitarbeiter Amadou Fall: "Wir mussten ihn an die Hand nehmen. Wir babysitten Jungs mit Drogenproblemen und Jungs, die mit Kriminellen herumlaufen. Leon aber fehlte jede Struktur in seinem Leben."

Die Kollegen des jungen Burschen äußerten nach dem Zusammenbruch Mitgefühl. Erick Strickland: "Auf uns Spielern lastet ein irrer Druck. Leon stammt aus einer auseinandergebrochenen Familie, und es ist noch viel schwerer, wenn man niemanden aus diesem engen Kreis zur Unterstützung hat." Dallas-Spieler Dirk Nowitzki aus Würzburg dagegen hatte in der vorigen Saison als Neuling diesen Rückhalt. Er telefonierte regelmäßig mit seiner Familie zu Hause in Deutschland, Eltern, Schwester und Freunde kamen zu Besuch nach Texas.

Immer wieder gibt es in der NBA Fälle, in denen unerfahrene Spieler zu wenig als Persönlichkeit gereift sind, um ihrer Rolle als ein von den Fans verehrter Superstar und Millionär gerecht zu werden. Leon Smith ist nicht mit den "Bad Boys" der NBA wie Dennis Rodman zu vergleichen. Die Fans verzeihen Spielern, die Frauenkleider tragen, Freundinnen oder ihre Trainer schlagen und Drogen nehmen - so lange sie nur erfolgreich sind und Körbe werfen. Leon Smith aber war erfolglos - auf dem Spielfeld wie im Privatleben.

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