Istaf : Caster Semenya siegt in Berlin

Caster Semenya hat bei ihrer Rückkehr ins Berliner Olympiastadion das 800-Meter-Rennen des Istaf gewonnen. Doch so richtig gefeiert wurde die Läuferin, um deren Geschlecht es Spekulationen gegeben hatte, nicht.

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Ende einer Leidenszeit: Unter dem Dach des Olympiastadions gewinnt Caster Semenya über 800 Meter. Die südafrikanische Läuferin hofft nun, dass die Gerüchte über ihr Geschlecht verstummen. Hier die Bilder zum Istaf 2010.Weitere Bilder anzeigen
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22.08.2010 17:57Ende einer Leidenszeit: Unter dem Dach des Olympiastadions gewinnt Caster Semenya über 800 Meter. Die südafrikanische Läuferin...

Der Applaus war freundlich, wohlwollend – aber keineswegs begeistert. Vielleicht hatte sich Caster Semenya ein wenig mehr erhofft, als ihr Name aufgerufen wurde bei der Vorstellung der 800-Meter-Läuferinnen im Olympiastadion. Schließlich hatte sie hier vor fast genau einem Jahr in dieser Disziplin überragend den WM-Titel gewonnen, mit nur 18 Jahren. Doch da waren die Spekulationen bereits unwiderruflich im Umlauf. Spekulationen, dass diese junge Läuferin womöglich gar keine Frau sein könnte. Riesig war ihr Vorsprung gewesen, in 1,55:45 Minuten hatte sie ihre Konkurrentinnen deklassiert. Das und ihr kantiges Aussehen schürten die Gerüchte. Als sie nun am Sonntag auf dieselbe blaue Bahn zurückkehrte, war beides nicht mehr so eindeutig. Aber Semenya siegte wieder. In 1:59,90, Minuten, immerhin in einer neuen Saisonbestleistung. Zum ersten Mal lief die Läuferin, die man elf lange Monate wegen der Spekulationen um ihr Geschlecht nicht hatte starten lassen, wieder unter 2:00 Minuten.

Sie wollte sich feiern lassen dieses Mal. Doch auch bei Semenyas Ehrenrunde wollte die Stimmung nicht so recht aufkommen. Gleichzeitig sprang nebenan gerade Ariane Friedrich ihren zweiten Versuch. Das war natürlich etwas ungünstig. Und trotzdem wirkte die Südafrikanerin einigermaßen zufrieden, genau ein Jahr und drei Tage nach dem größten Erfolg ihrer jungen Karriere und dem Beginn der Spekulationen endlich zurück zu sein. „Hier zu sein, bringt natürlich die Erinnerungen zurück“, sagte die immer noch eingeschüchtert wirkende19-Jährige. „Das Publikum hat mich nett empfangen, es war gut, ich habe mich zu Hause gefühlt.“ Was soll sie auch sagen? „Das Ganze war nicht leicht für ein 19-Jähriges Mädchen“, deutet sie die Leidenszeit kurz an. Elf Monate lang, hatte sie nicht starten dürfen. Fast ein ganzes Jahr. Im Leben eines Sportlers eine Ewigkeit. Bis März hatte sie gar nicht trainiert, sagt sie. Vor fünf Wochen kehrte sie dann, im finnischen Lappeenranta auf die Bahn zurück – und siegte.  Entwürdigend waren die monatelangen Diskussionen. Es wird nun spekuliert, dass der Weltverband IAAF sie sogar gedrängt habe, sich einer Hormonbehandlung oder gar einer Operation zu unterziehen, um wieder starten zu dürfen. Semenya sagt dazu nichts. Fragen Sie die IAAF, ist ihr Kommentar. „Ich spreche nur über die Zukunft. Ich bereite mich auf die Olympischen Spiele vor.“

Diesbezüglich kann man zumindest sagen: Es geht aufwärts. Die erste Zeit unter 2,00 Minuten ist ein Erfolg und geht insofern in Ordnung, da dies erst Semenyas drittes Rennen nach dem Titelgewinn 2009 war. Sie versucht es ohnehin positiv zu drehen: „Es war gut, eine Pause zu machen“, sagt sie und versucht ein breites Grinsen. Sie arbeitet an ihrer Weiblichkeit. Caster Semenya hat etwas zugelegt, wie sie auch selbst zugibt, wirkt dadurch runder, weiblicher. Und die fehlende Weiblichkeit war schließlich ihr Problem.

Am Sonntag sah es zunächst so aus, als könne Semenya nicht mehr mithalten. In der ersten Runde lag sie weit zurück, ließ sich bis auf den drittletzten Platz zurückfallen. Doch dann, als es auf die zweiten 400 Meter ging, griff die 19-Jährige an, überholte eine nach der anderen. „Es ist lange her, dass ich ein so schnelles Rennen gelaufen bin“, sagte sie später. „Ich wollte erst einmal abwarten und mich auf die letzten 100 Meter konzentrieren.“ Dort spielte sie dann die riesigen Reserven aus und zog an allen vorbei. Was für eine Rückkehr.

Diesmal stellte sich Caster Semenya auch den Medienvertretern. Das hatte man ihr vor einem Jahr verwehrt, als die Spekulationen schon im Raum standen – obwohl sie gerade Weltmeisterin geworden war. Allein im Hotelzimmer wartete sie darauf, dass ihr jemand erklärte, was eigentlich los war. „Die denken, ich bin ein Mann“, soll sie in einem Telefongespräch zu ihrer Oma in Südafrika gesagt haben. All diese Spekulationen sollen nun endlich ein Ende haben. Fast ein ganzes Jahr hat die junge Sportlerin verloren. Der Auftritt in Berlin war zumindest ein Schritt zurück. Zurück zur Normalität.




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