Istaf-Chef Janetzky : "So kann man keine Helden aufbauen"

Istaf-Direktor Gerhard Janetzky spricht im Tagesspiegel-Interview über die Probleme der Leichtathletik im Fernsehen und den langen Streit um Liveübertragungen von der WM.

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Der deutsche Diskuswerfer Robert Harting bei der Leichtathletik-WM 2010 in Berlin.
Der deutsche Diskuswerfer Robert Harting bei der Leichtathletik-WM 2010 in Berlin.Foto: picture-alliance/dpa

ARD und ZDF haben sich nach Tagesspiegel-Informationen mit der Vermarktungsagentur des Leichtathletik-Weltverbands geeinigt, es gibt Livebilder von der WM in Südkorea. Welcher Schaden ist aus Ihrer Sicht von der deutschen Leichtathletik abgewendet worden?
Also, wenn es wirklich so sein sollte – noch weiß ich das nicht offiziell –, dann gibt es nach der EM in Barcelona eine weitere Chance, die deutschen Stars zu zeigen. Außerdem ist die WM natürlich eine Woche vor dem Istaf eine exzellente Werbung für das Meeting in Berlin. Und das Istaf ist bekanntlich das zuschauerstärkste Ein-Tages-Meeting der Welt.

Die Verhandlungen zogen sich über viele Wochen. Können Sie verstehen, dass ARD und ZDF die geforderten 15 Millionen Euro nicht bezahlen wollten, weil die Entscheidungen in Deutschland am Mittag stattfinden, wo kaum jemand zuschaut?
Na ja, man findet schon Fans, die zuschauen. Wenn es eine Fußball-WM wäre, dann würde man auch in den Mittagsstunden senden. Wir brauchen einfach diese Liveübertragung. Es kann ja wohl nicht sein, dass Volker Herres, des Programmchef der ARD, sagt, durch den Verzicht auf die WM könne man vier Millionen sparen und damit den Eurovision Song Contest mit Lena teilfinanzieren. Das kann bei einem öffentlich-rechtlichen Anspruch nicht das Thema sein.

Sie kennen als langjähriger Istaf-Meetingdirektor den harten Kampf um Sponsoren. Wie hätten die auf einen WM-Verzicht reagiert?
Wegen der Sponsoren sind wir alle ja so interessiert an dem Thema. Die WM 2013 findet in Moskau statt, der aktuelle Vertrag schließt diese WM mit ein. Mit Moskau gibt es keine Probleme wegen der Zeitverschiebung. Aber dann kommt Peking. Geht dann das Theater von vorne los?

Ist denn nicht das größte Problem, dass der Weltverband IAAF seine TV-Rechte nicht selbst vermarktet hat, sondern an eine Agentur vergab, die natürlich maximalen Gewinn erzielen wollte und die Preise in die Höhe trieb? Es war doch zu erwarten, dass ARD und ZDF diese horrenden Preise nicht bezahlen würden.
Nein, zu erwarten war das nicht. Man muss auch hier die IAAF verteidigen.

Eben, und das ging schief.
Dieses Geld wird verwendet für Preisgelder und Reisekostenzuschüsse für Athleten. Die so genannte Gier der IAAF ist ja auch Resultat der großen finanziellen Probleme, die sie vor nicht allzu langer Zeit hatte. Sie war doch schon aus eigener Schuld gezwungen, diese Agentur einzuschalten. Natürlich will man möglichst viel verdienen. Aber es gibt auch immer mehr Nationen, die an einer WM teilnehmen, die Preisgelder sind gestiegen, das alles treibt die Kosten. Natürlich will die IAAF auch ihre Verbindlichkeiten abbauen, aber sie will auch zum Beispiel deutschen Athleten Riesekostenzuschüsse geben und Entwicklungsländer fördern. Der Leichtathletik-Weltverband ist einer der größten auf diesem Globus.

Vielleicht ist es auch deshalb so schwer, in Deutschland viel Geld zu kassieren, weil die Marke Leichtathletik nicht mehr so leuchtet wie früher. Immer mehr Meetings werden mangels Sponsoren eingestellt. Der Deutsche Verband hat gerade seine Gala in Wattenscheid beerdigt.
Klar ist aber auch, dass sich die Leistungen der deutschen Leichtathletik seit den enttäuschenden Olympischen Spielen 2004 enorm verbessert haben. Schauen Sie doch mal, was die Deutschen 2010 bei der EM in Barcelona gewonnen haben. Barcelona haben im Schnitt 2,4 Millionen Zuschauer verfolgt, das sind doppelt so viele Fans wie beim Skispringen oder Eisschnelllauf. Wenn es deutsche Medaillenkandidaten gibt, und die haben wir, dann funktioniert es.

Allerdings sind die Leichtathletik-Stars nicht so populär wie zum Beispiel die Biathletin Magdalena Neuner.
Ja, wie denn auch? Wenn man im Jahr nur drei oder vier Stunden Leichtathletik im Fernsehen sieht, kann man keine Helden aufbauen. Verena Sailer ist 100-Meter-Europameisterin, Robert Harting Diskus-Weltmeister, das sind ja große Namen, aber denen muss man auch die Chance geben, das sie sich darstellen. Wenn Magdalena Neuner nur ein paar Stunden im ganzen Jahr auf dem Bildschirm wäre, dann wäre sie auch nicht so bekannt wie jetzt.

Magdalena Neuner taucht deshalb so oft auf, wie sie ständig bei Weltcups oder Weltmeisterschaften startet.
Ein wichtiger Punkt. Der internationale Aspekt ist ein bedeutsamer Punkt. Niemand würde Deutsche Meisterschaften im Biathlon übertragen. Dieser große internationale Aspekt fehlt der Leichtathletik. Mehr internationale Wettkämpfe allein helfen ja nicht.

Bei vielen Leichtathletik-Übertragungen gibt es entweder zu viele Pausen oder es findet so viel gleichzeitig statt, dass man den Überblick verliert.
Keine Frage, die Leichtathletik muss sich auch ändern. Die Leute sind einfach nicht mehr gewöhnt, dass sie eine Veranstaltung lange verfolgen. So ein Wettbewerb sollte nicht länger als zwei Stunden dauern. Fußball ist ideal, da kann man nach 45 Minuten eine Bratwurst essen, und nach 90 Spielminuten ist alles vorbei. Es gibt auch keine Biathlon-Wettbewerbe, die vier Stunden dauern. Wenn man sich darauf einstellt, hält man die Zuschauer. Denn Leichtathletik ist unverändert eine Breitensportart.

Man kann aber auch in zwei Stunden das Programm überfrachten.
Ja, deshalb muss man innerhalb der Meetings weniger Disziplinen anbieten. Alles muss kürzer und prägnanter präsentiert werden. Das heißt zum Beispiel weniger Vorläufe.

Da wird sich bei einer WM allerdings die IAAF bedanken. Kürzere Wettkämpfe bedeuten weniger Geld.
Ja, das ist die andere Seite der Medaille. Wenn ich die Rechte für vier Tage verkaufe, erhalte ich weniger Geld als wenn ich sie für sieben Tage veräußere. Das ist halt ein komplexes Problem.

Im Winter senden ARD und ZDF sehr erfolgreich teilweise acht Stunden am Stück Wettbewerbe von Randsportarten wie Rodeln oder Eisschnelllauf. Wieso funktioniert das bei Sommersportarten nicht?
Weil die wichtigen Verbände, Leichtathletik, Schwimmen und zum Beispiel Rudern, noch nicht genügend harmonieren und zusammen arbeiten. Die machen es ARD und ZDF nun wahrlich nicht leicht, eine Sportschiene aufzubauen.

Das Gespräch führte Frank Bachner.

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