Sport : Istaf: Der nette Superstar von nebenan

Frank Bachner

Seine Trainingsbahn war voll, mehrere Sprinter standen vor ihm, sie wollten zuerst loslaufen, und sie hatten das Recht dazu. Also wartete Michael Johnson. Das war nicht mal höflich, das war normal. So lauten die Regeln in einem Leichtathletik-Stadion, auch auf einem Nebenplatz in Edmonton, bei der WM 2001. Aber manchmal zimmern sich Stars ihre eigenen Regeln. Solche Leute verlangen dann herrisch, man solle die Bahn für sie freimachen. Johnson zum Beispiel ist fünfmaliger Olympiasieger und neunmaliger Weltmeister, er hält den Weltrekord über 200 m und 400 m, er gewann 32 Rennen über 200 m und 58 über 400 m in Folge, er lief über 400 m 20 Mal unter 44 Sekunden. Johnson könnte verlangen, das man für ihn die Bahn freimacht. Es wäre nicht fair, aber keiner würde sich wundern. Aber so etwas macht Johnson nicht.

Zum Thema Rückblende:
Die schönsten Bilder der Leichtathletik-WM Er ist ungemein freundlich auf Nebenplätzen. Er grüßt Konkurrenten, und wenn er in die Physiotherapie der US-Mannschaft kam, gab er jedem Anwesenden die Hand. Ein freundlicher Superstar. Auch in Edmonton, bei der WM, grüßte er höflich. Er kämpfte dort nicht um seinen zehnten WM-Titel, er bereitete sich nur auf seine Abschiedsvorstellungen vor. Johnson, die 33-jährige Legende, hört nach dieser Saison auf. Gestern nahm er beim Istaf in Berlin seinen Europa-Abschied. Er gewann mit der so genannten "Michael-Johnson-Staffel" in 1:21,45 Minuten und wurde von den Zuschauern frenetisch gefeiert.

Der höfliche Michael Johnson ist ein interessantes Bild. Vor allem ein ungewöhnliches. Die breite Öffentlichkeit kennt ihn so nicht. Sie kennt stattdessen einen Mann, der glatt und unnahbar und arrogant wirkte. Sein seltsamer, aber ökonomischer Nähmaschinenstil, mit dem er über die Bahn rennt, hätte zu seinem großen Vorteil werden können. Es ist ein Markenzeichen, es hebt ihn von anderen Stars ab, und er hätte es leicht zur Imagesteigerung einsetzen können. Und damit natürlich zur Steigerung des eigenen Marktwerts. Er hätte nur den Willen haben müssen, sympathisch zu wirken.

Aber Michael Johnson wollte nie in der Öffentlichkeit sympathisch wirken. Die Öffentlichkeit war für ihn immer nur ein lästiges Beiwerk, das ihm zusah, wie er seine wirklichen Ziele verfolgte. Rekorde, die sonst keiner hatte. Er wollte erster Doppel-Olympiasieger über 200 m und 400 m werden. Er schaffte es 1996. Er wollte Fabel-Weltrekorde über 200 m und 400 m. Er lief 19,32 Sekunden und 43,18 Sekunden. Nach den 43,18 Sekunden sagte er, "jetzt will ich eine 42er-Zeit, das ist alles, was mir noch bleibt". Aber er nimmt die Fans nicht mit auf diese Reise zum Außergewöhnlichen. Er strahlt keine Wärme aus, zeigt keine Gefühle. Die Zuschauer sehen nur eine menschliche Maschine, einen Eisblock mit Gesichtszügen. Aber mit einer Maschine oder mit einem Eisblock können sie nicht mitleiden.

Vielleicht hat Michael Johnson aus Dallas, Texas, ja nur die Botschaft seiner Eltern zu sehr verinnerlicht. "Gib dich nie mit dem Normalen zufrieden", sagte sein Vater. Michael Johnson hat vier ältere Geschwister, und als er aufs College ging, schickten sie ihm Taschengeld. "Wir hatten, was wir brauchten", sagt Johnson, "weil jeder so viele Opfer gebracht hat." Aber für ihn, so empfand er es, brachten sie besonders viele Opfer. Er spürte die Verantwortung, und er zahlte mit Leistung zurück. Später dann mit Geld. Als er ein Star war, kaufte er den Eltern in Dallas ein neues Häuschen. Er sagt: "Es ist gut, der Familie helfen zu können."

So hätte ihn Nike, der Sportartikelhersteller, auch verkaufen können. Als Menschen. Mit Wärme. Michael Johnson, die Legende mit Seele und Herz. Es wäre keine schlechte Kampagne gewesen, sie hätte sich ausgezahlt für die zwölf Millionen Mark, die das Unternehmen Johnson für einen langfristigen Vertrag zahlt. Aber Nike wollte nur den Superstar, den Helden, der andere mit erbarmungslos gefühlskaltem Blick in Grund und Boden läuft. Eine sportliche Übergröße, der alles Menschliche fehlt. Ein Symbol kalter Perfektion.

In Wirklichkeit hatte auch Johnson seine Tiefs und quälte sich durch Verletzungsphasen. Und seine Erfolge sind Ergebnis harter Arbeit. Und immer wieder gab es Dopinggerüchte. Keiner kann es beweisen, aber bis zu den Olympischen Spielen 1996 wurde Johnson noch nie ohne Vorwarnzeit im Training getestet. Und bis heute sind die Dopingkontrollen in den USA ein Witz.

Im Mai gab Johnson in Berlin vor einer Pressekonferenz, die Nike veranstaltete, einer Journalistin ein Interview. Als sie ihn zu Doping befragen wollte, stand er beleidigt mitten im Satz auf. Kurz darauf forderte Nike in der öffentlichen Pressekonferenz die Reporterin auf zu gehen, "mit Rücksicht auf die Sensibilitäten von Herrn Johnson."

So ist das mit Michael Johnson. Auf einem Nebenplatz ist er höflich. Aber er ist immer noch ein Superstar. Und wenn es ihm passt, dann bastelt sich auch den nette Herr Johnson seine eigenen Regeln.

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