Istaf : Gerd Kanter: Gewinnen mit Humor

Diskus-Olympiasieger Gerd Kanter zählt mit seinem Duell gegen den Berliner Robert Harting zu den Hauptattraktionen des Istaf.

Friedhard Teuffel
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Estnischer Witzbold. Gerd Kanter zelebrierte seine olympische Goldmedaille in Peking mit der gleichen Pose wie der Jamaikaner...

Berlin - Als Olympiasieger darf man sich auch einen Spaß erlauben, Gerd Kanter nutzte dazu gleich die erste Gelegenheit, die Ehrenrunde. Nicht nur ein feierliches Auslaufen sollte sie für den Diskuswerfer sein. Als er im Nationalstadion von Peking an den Startblöcken für die 100-Meter-Rennen ankam, fing er auf einmal an zu sprinten. 120 Kilogramm donnerten über die Laufbahn, die estnische Fahne flatterte über seinem Kopf, und im Ziel zeigte Kanter mit beiden Händen Richtung Himmel – wie der Jamaikaner Usain Bolt wenige Tage zuvor.

Wenn es bei den Olympischen Spielen in Peking einen Preis für die schönste schauspielerische Leistung gegeben hätte, Gerd Kanter hätte ihn mit seiner Bolt-Parodie auf jeden Fall gewonnen. An diesem Samstagmorgen vor dem Istaf muss sein Humor allerdings erst noch aufwachen, Kanter sieht mit seinen strubbeligen Haaren aus, als sei er im Hotel Estrel gerade aus dem Bett gefallen.

Von Peking zu erzählen, vom bisherigen Höhepunkt seiner sportlichen Karriere, bringt ihn jedoch etwas in Fahrt. „Ich hatte erst keine richtige Idee, was ich nach meinem Sieg machen könnte. Aber zum Glück war sonst gerade nichts los im Stadion, und ich hatte Platz“, erzählt der 30-Jährige. Dann sei er einfach losgerannt. An einen deutschen Hammerwerfer und dessen Einlage musste Kanter auch denken, Karsten Kobs. Der hatte nach seinem WM-Sieg 1999 im Wassergraben der Hindernisläufer ein kühlendes Bad genommen.

Für seine lustige Ehrenrunde brachte Kanter eine wichtige Qualifikation mit. „Ich bin ein ziemlich guter Läufer“, sagt er. Seine Bestzeit über 100 Meter liegt bei 11,2 Sekunden, in seiner Gewichtsklasse dürfte er damit ziemlich weit vorne sein. „Es ist gut, für das Publikum etwas extra zu machen, wenn man seine Leistung bringt“, sagt Kanter.

Um das auch an diesem Sonntag im Olympiastadion zu tun, dafür muss er sich erst einmal gegen harte Konkurrenz durchsetzen. Der Litauer Virgilijus Alekna wird werfen, Olympiasieger von 2004, der Pole Piotr Malachowski, Zweiter von Peking – und Robert Harting.

Nachdem der Zehnkämpfer André Niklaus die Saison wegen einer Verletzung beenden musste, ist Harting nun der bekannteste Vertreter der Berliner Leichtathletik. Gerade deshalb wird der Wettbewerb der Diskuswerfer ein besonderer sein, beim Istaf, aber auch im August bei den Weltmeisterschaften. „Ich freue mich sehr, dass die Weltmeisterschaften in Berlin stattfinden, denn Deutschland hat viele gute Werfer und eine lange Tradition“, sagt Kanter und zählt eine Ahnenreihe auf mit Wolfgang Schmidt, Jürgen Schult, Lars Riedel, Michael Möllenbeck und eben jetzt Robert Harting.

Schmidt, Olympiazweiter 1976 in Montreal für die DDR, bewundert Kanter besonders. Wegen seiner außergewöhnlichen Technik. Was aber so außergewöhnlich daran war, kann Kanter nicht sagen. „Schmidt kann selbst nicht erklären, warum seine Technik so perfekt war. Er hatte einfach ein unglaubliches Gefühl für den Wurf“, sagt Kanter. Jedenfalls sei Schmidts Technik der „deutsche Stil“. Auch Robert Harting wirft noch in diesem Stil, er hält beim Drehen vor dem Abwurf mit den Beinen mehr Bodenkontakt, er stützt sich stärker ab, während die meisten anderen in den Abwurf hineinspringen. „Roberts Technik ist sehr sicher, damit riskiert man bei einem Wettbewerb nichts“, sagt Kanter.

Den Weltrekord hält mit 74,08 Meter ebenfalls ein Deutscher, Jürgen Schult, aber damit ist es so eine Sache. Schult stellte ihn 1986 auf, in der anabolen Hochphase des Sports. Die von Kanter mitbetriebene Internetseite würdigte jedoch das zehnjährige Jubiläum von Schults Rekord. Und schon der Name dieser Internetseite zeigt, dass Kanter Schults Bestleistung für übertreffbar hält: „team75plus.com“ .

„Es ist auf jeden Fall ein großartiger Rekord“, sagt Gerd Kanter, „aber warum soll man ihn nicht brechen können?“ Wenn man einen perfekten Tag erwische, mit bestem Wind, und genau die richtige Technik anwende, könne man seine Bestleistung um drei, vier Meter verbessern. Von Alekna wisse er, dass er im Training schon 76 Meter geworfen habe. Kanters Bestleistung im Training liegt bei 72,80 Meter, im Wettbewerb hat er schon weiter geworfen, 73,38 Meter, das war 2006.

Seine Stärke ist die Geschwindigkeit, nicht nur die in den Beinen, sondern auch in den Armen. „Ein Wissenschaftler in Estland hat einmal herausgefunden, dass ich von den Diskuswerfern gerade der Schnellste bin“, sagt der 1,96 Meter große Athlet. Im Moment fehlt ihm die Schnelligkeit etwas, weil er im Mai ein hartes Krafttraining absolviert hat. Beim Deadlift, dem Kreuzheben, lagen 300 Kilogramm auf seiner Hantelstange, aus der Kniebeuge stemmte er 290 Kilogramm nach oben. „Mein Körper ist noch etwas schockiert von diesem Programm“, sagt Kanter. Jetzt muss er beim Istaf zeigen, dass er vor lauter Kraft noch werfen kann.

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