Istaf-Geschäftsführer : "Diskus und Hammer sind nicht mehr zeitgemäß"

Istaf-Geschäftsführer Gerhard Janetzky über Reformen in der Leichtathletik, deutsche Hoffnungsträger und die WM 2009

Janetzky
Gerhard Janetzky. -Foto: Imago

Herr Janetzky, die Leichtathletik kämpft um Aufmerksamkeit. Wie wird sie das am Sonntag beim Istaf tun?

Wir fokussieren uns jetzt auf Duelle. Künftig werden wir im Stadion höchstens die drei besten eines Wettbewerbs vorstellen, also die zwei Favoriten und vielleicht noch den deutschen Teilnehmer. So sparen wir Zeit und bringen dem Zuschauer die Dramatik des Wettkampfs näher.

Ist das auch eine Konsequenz daraus, dass Zeiten und vor allem Rekorde im Bewusstsein des Dopings an Wert verlieren?

Sie verlieren nicht unbedingt an Wert, aber sie haben einen Beigeschmack. Ich denke, wir müssen davon wegkommen, dass die Leute sagen: Asafa Powell muss 9,78 Sekunden über 100 Meter rennen, sonst war es ein schlechter Wettbewerb. Wenn zwei auf der Zielgeraden gegeneinander kämpfen, ist das doch viel spannender als irgendeine Zeit.

Sie beugen also schon einmal vor, falls es keine guten Zahlen geben sollte?

Am Ende der Saison und nach der WM in Osaka sind viele Athleten erst einmal erschöpft. Das Interesse am Istaf ist trotzdem groß. Wir werden mit 70 000 Zuschauern im Stadion ausverkauft sein und haben außerdem Übertragungen in 180 Länder, das sind mehr als je zuvor.

Was hat die WM in Osaka der Leichtathletik aus Ihrer Sicht gebracht?

Ich glaube Herr Digel…

… der bis zur WM Vizepräsident des Weltverbandes IAAF war und jetzt noch im Council des Verbandes sitzt…

…hat im Grundsatz Recht: Die WM ist zu lang. Natürlich besteht die Notwendigkeit für jedes Land, sich mit Athleten zu präsentieren. Aber ich halte eine Straffung für notwendig. Wir haben einfach zu viele Disziplinen in der Leichtathletik…

… 47 sind es. Welche wollen Sie streichen?

Die Laufdisziplinen sind die Königsdisziplinen, da kann man nicht groß beschneiden. Aber es gibt einige Disziplinen, die nur in Europa eine Rolle spielen, das sind die technischen – die Stärke der Europäer liegt eben in der Technik. Das fängt bei Tests im Windkanal an. Das können die afrikanischen Staaten gar nicht.

Was sind denn die Maßstäbe für Sie, welche Disziplinen sollten rausfliegen?

Es geht darum, welche Disziplinen am wenigsten vorkommen und welche am wenigsten Teilnehmerländer haben. Das sind vor allem Diskuswerfen und Hammerwerfen. Ich weiß, dass Diskus eine klassische olympische Disziplin ist, aber ich weiß nicht, ob Diskus- und Hammerwerfen noch zeitgemäß sind. Speerwerfen hat sich dagegen etabliert, auch bei uns in der IAAF Golden League.

Was würden Sie also zuerst streichen?

Hammerwerfen zum Beispiel, auch wenn es uns Deutsche hart trifft.

Haben Sie den Vorschlag schon der neuen Weltmeisterin Betty Heidler gemacht?

Das ist nicht unsere Entscheidung, sondern die des Weltverbands IAAF.

Funktioniert die Leichtathletik in Deutschland denn nur mit erfolgreichen Läufern?

Das kann ich nur mit einem klaren Ja beantworten. Wir brauchen Persönlichkeiten wie Thomas Blaschek, Bastian Swillims und Tobias Unger, das sind Hoffnungsträger. Im Sprint und auf den Langstrecken werden wir den Anschluss wohl nicht schaffen. Aber es würde schon reichen, über 400 Meter, 800 Meter oder 1500 Meter erfolgreiche Athleten zu haben.

Die Straffung würde vor allem einem Eintagesmeeting wie dem Istaf zugute kommen.

Ich möchte beim Istaf lieber 10 Disziplinen ausführlich präsentieren als 16, zu denen ich von der IAAF verpflichtet bin. Beim Skilanglauf akzeptieren die Zuschauer auch, dass nur alle halbe Stunde ein Läufer vorbeikommt. Wir müssen begreifen, dass sich die Leute am meisten mit den Disziplinen identifizieren, bei denen sie sofort wissen, wer gewinnt. Im Fernsehen bekommen sie das erklärt, im Stadion ist das nicht so einfach.

Also ist der Stadionbesucher derjenige, an dem man sich orientieren muss?

Der Stadionbesucher ist am wichtigsten, weil er die Atmosphäre bringt und verstehen muss, was passiert. Wir sind in diesem Jahr das zuschauerstärkste Eintagesmeeting der Welt. Aber hinter uns in Deutschland klafft eine Riesenlücke. Es fehlt der Mittelbau, also ein Meeting mit 30 000 bis 40 000 Zuschauern. Das nächstgrößte Nicht-Verbandsmeeting ist Kassel mit 6000 Zuschauern. Es sterben immer mehr Großmeetings aus, stattdessen gibt es Spezialmeetings mit wenigen Disziplinen. Es gibt immer mehr Klamauk wie Hochspringen als Wettkampf auf irgendwelchen Marktplätzen – das machen wir maximal als Promotionveranstaltung.

Wie sehen Sie Ihre Verantwortung für die deutsche Leichtathletik?

Wir sind ein internationales Meeting in Deutschland und kein deutsches Meeting. Unsere Messlatte sind Zürich und Brüssel, nicht Cottbus und Kassel. Die Zuschauer kommen zu uns, weil sie die besten Athleten der Welt sehen wollen. Unsere Aufgabe ist es nicht, die deutsche Leichtathletik zu promoten, sondern ihr eine Plattform im internationalen Wettbewerb zu bieten. Deshalb haben deutsche Athleten bei uns auch eine Wildcard.

In diesem Jahr ist das Istaf zum letzten Mal Finalstation der Golden League. 2008 beginnt die Serie in Berlin. Was verlieren Sie und was gewinnen Sie dadurch?

Wer eine Chance auf den Jackpot haben will, muss nächstes Jahr auf jeden Fall bei uns starten. Wir werden auch eine größere Auswahl bei den Mittel- und Langstreckenläufern haben. Auf der anderen Seite kann ich nicht mehr mit der Jackpotvergabe werben. Für das Fernsehen wird das kaum Auswirkungen haben. Wir kommen so oder so nicht auf den Freitagabendtermin. Denn was die Quote betrifft, schlägt uns am Freitagabend jeder Krimi.

Bis einschließlich 2009 ist der Status des Istaf gesichert, wie geht es danach weiter?

2010 wird die Golden League neu aufgestellt. Gut möglich, dass sie dann auch in Asien stattfindet. Dort gibt es potente Sponsoren, in Japan etwa. Katar ist auch sehr interessiert, ebenso China. Wenn wir sechs Meetings in Europa behalten, bleibt Berlin dabei. Insgesamt ist alles eine Geldfrage. Wir haben in Deutschland zu wenige Unternehmen, die sich im internationalen Sportsponsoring engagieren und außer Thomas Bach zu wenige international mächtige Funktionäre. Deswegen wird es in Deutschland in den nächsten 20 Jahren auch keine größere Weltmeisterschaft oder Olympischen Spiele mehr geben. Wir werden uns mit Veranstaltungen wie der Beachvolleyball-WM auf dem Schlossplatz abfinden müssen.

Was bedeutet die WM 2009 in Berlin für das Istaf?

Das Organisationskomitee hat bei uns überraschenderweise keine Werbung angefordert. Das ist ein politisches Thema und hat wohl vielleicht mit der Kritik zu tun, die ich als Mitglied des Aufsichtsrates intern geäußert habe. Es gibt also keine Aktion bei uns für die WM 2009. Ich persönlich bedauere das sehr.

Künftig werden Sie solche Absprachen mit Frank Hensel treffen, dem neuen Geschäftsführer der WM 2009.

Ich schätze ihn als Fachmann sehr, aber ich finde es problematisch, dass er gleichzeitig als Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes von Darmstadt aus arbeitet. Die WM und der Verband sind zu wichtig, als dass man sie einer Person aufbürden kann. Denn von der WM wird abhängen, wie die Leichtathletik in Deutschland künftig dasteht. Zurzeit hat die Leichtathletik eine Schwächephase in der Fernsehakzeptanz. Wenn sie es 2009 nicht schafft, Begeisterung auf breiter Basis auszulösen, wird sie im Fernsehen auf das Niveau von Judo zurückfallen.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

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