Istaf : Mann aus dem Schatten

Olympiasieger Aries Merritt zeigt über 110 Meter Hürden die stärkste Leistung beim diesjährigen Istaf.

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Große Sprünge. Arries Merritt gewann in London seinen ersten großen Titel über 110 Meter Hürden.
Große Sprünge. Arries Merritt gewann in London seinen ersten großen Titel über 110 Meter Hürden.Foto: dpa

Berlin - Schon an der ersten Hürde hatte Aries Merritt einen Vorsprung. Und als er über die Ziellinie sprintete, da lag er fast eine halbe Sekunde vor dem Zweitplatzierten, vor Ryan Wilson aus den USA, seinem Landsmann. Aber nicht der Vorsprung war entscheidend, bedeutsam war die Zeit des 27-Jährigen. Aries Merritt hatte die 110 Meter Hürden in 12,97 Sekunden gewonnen, das bedeutete Istaf-Rekord. Und während Merritt den Applaus genoss, lief über die Stadionboxen: „Das ist die Berliner Luft“. Rund 50 000 Zuschauer feierten den Olympiasieger von London über 110 Meter Hürden. Ihr Applaus passte zur Gesamtstimmung. Die Atmosphäre beim Istaf war wunderbar, das Wetter war gut, und als fünf Minuten nach Merritts Sieg Robert Harting, der Olympiasieger im Diskuswerfen, angekündigt wurde, da schnellte der Lärmpegel mal kurz steil nach oben.

Aries Merritt ist der Mann, der in London aus dem Schatten lief. Das war sein großes Glück. „Ich habe die ganze Saison über sehr gute Zeiten geliefert“, sagt der 27-Jährige, „aber ich hatte keinen Titel. Liu Xiang und Dayron Robles sind Olympiasieger, Jason Richardson ist Weltmeister von 2011, ich dagegen hatte nichts vorzuweisen. Das war für mich ein Vorteil.“ Aber der Chinese Xiang hatte sich schon im Vorlauf verletzt und Merritt in seinem Vorlauf mit 13.07 Sekunden geglänzt, deshalb stand er im Finale im Fokus. „Meine Aufregung stieg“, sagt Merritt, „meine Mutter, meine Geschwister, sie alle saßen im Stadion.“ Und dann dieser grandiose Lauf, 12,92 Sekunden, die zweitschnellste Zeit, die je bei Olympischen Spielen gelaufen worden war.

Nach London sprach Merritt mit Allen Johnson, dem Olympiasieger von 1996 und viermaligen Weltmeister. „Ich bin sehr stolz auf dich“, sagte Johnson. „Ich habe immer gewusst, dass du mal Olympiasieger wirst, ich wusste nur nicht, wann.“ Merritt lacht, als er die Episode erzählt, aber das Lob war für ihn wie ein Ritterschlag. Johnson ist nicht bloß eine Art Idol von Merritt, der Olympiasieger von 2012 bewundert den Olympiasieger von 1996 auch wegen dessen „enormer Ruhe, die er ausstrahlt“.

Vor allem aber hatte Johnson den enormen Ehrgeiz des jungen Aries Merritt geweckt. Der elfjährige Aries saß in Atlanta vor dem Fernseher, als wenige Kilometer Luftlinie entfernt Johnson im Olympiastadion zur Goldmedaille rannte. „Mum, so etwas werde ich auch mal schaffen“, rief der Junge seiner Mutter zu. Der Traum vom Olympiasieg wurde im Lauf der Jahre immer konkreter. „Aber du kannst viel erzählen“, sagt Merritt, „du musst hart dafür arbeiten, dass du dein Ziel erreichst.“ Zu dieser Arbeit gehörte auch das Studium von Liu Xiang. Merritt verfolgte mit großen Augen den Olympiasieg des Chinesen in Athen. Dann analysierte er auf Youtube dieses Rennen, so oft, bis er jeden Schritt des Olympiasiegers verinnerlicht hatte.

Wenn er je den Chinesen besiegen wollte, das war Merritt klar, musste er selber perfekt laufen. Bei der Hallen-WM 2012 hatte er ihn, Merritt gewann. Und, wie hatte er reagiert? „Er hat sich für mich gefreut“, sagt Merritt. Er hat sich gefreut? „Na klar war er auch enttäuscht“, sagt Merritt, „aber er hat sich auch für mich gefreut.“ Die beiden, sagt der 27-Jährige, hätten ein sehr gutes Verhältnis zueinander. „Wir haben eine freundschaftliche Rivalität“, sagt Merritt.

Liu Xiangs Vorlauf-Aus in London war für ihn ein „Schock“. Liu Xiang war in die erste Hürde getreten und hatte sich dabei die ohnehin angeschlagene rechte Achillessehne verletzt.

Derzeit also ist Aries Merritt aus Atlanta der Star über 110 Meter Hürden. 2013 möchte er das in Moskau bestätigen und Weltmeister werden. Denn wie lange der Ruhm des Olympiasiegs halten wird, ist nicht klar. Merrit ist pessimistisch: „Im nächsten Jahr“, sagt er, „interessiert dieses Gold in den USA doch keinen mehr.“

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