Istaf : Robert Harting: Zum Glück leicht reizbar

Robert Harting gewinnt mit großer Diskusweite beim Istaf im Berliner Olympiastadion – auch David Storl und Christian Reif siegen.

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Schaut her. Ich kann's immer noch am besten.
Schaut her. Ich kann's immer noch am besten.Foto: dpa

Man muss ihn wohl einfach nur reizen, ärgern, piesacken, damit er die richtige Wettkampflaune bekommt. Das scheint Robert Harting zu brauchen, vielleicht auch zu mögen. Am Sonntag beim Istaf im Olympiastadion plätscherte der Wettbewerb gerade so dahin, Olympiasieger Harting lag mit wenig spektakulären 65 Metern vorne, da kam ein plötzlicher Rempler von der Seite. Von Martin Wierig, der sich sonst streng an die Rollenverteilung hält, im deutschen Diskusgewerbe die Nummer zwei zu sein. Doch Wierig wuchtete den Diskus auf einmal 66,73 Meter weit. Und wer weiß, ob es ohne diesen Wurf überhaupt ein so unterhaltsamer Wettkampf geworden wäre und ein Höhepunkt dieses Istaf.

Harting jedenfalls fühlte sich provoziert. „Das war nicht fair von dir“, sagte er zu Wierig, dann lächelten beide und machten sich wieder an ihre Arbeit. Nach dieser langen Saison, „sind wir alle am Ende mit unseren Kräften“, sagte Harting hinterher, da könne Wierig ihn doch nicht so herausfordern. „Martin hat das Feuer eröffnet und uns alle geweckt.“ Harting krallte sich also die Scheibe, stapfte in den Ring und schleuderte sie mit einer Urgewalt und größtem technischen Geschick so hoch und weit, dass das Publikum während des Flugs genug Zeit zum Johlen und Jubeln hatte, ehe die Scheibe bei 69,02 Meter landete.

Ein Wurf als Machtwort. Basta. Der Rest ist schnell erzählt. Keiner traute sich mehr in Hartings Wurfnähe, und der für den SC Charlottenburg startende Dreifach-Weltmeister hatte wieder einmal sein Lieblingsmeeting gewonnen. Es war einer von drei deutschen Siegen vor offiziell 55.000 Zuschauern. Außer Harting beherrschte auch Kugelstoß-Weltmeister David Storl mit 20,91 Meter seine Konkurrenz, in der Ralf Bartels zum Ausklang seiner Karriere Fünfter wurde und vom Publikum gefeiert wurde. Und Weitspringer Christian Reif schaffte es mit einem Satz über 8,11 Meter im letzten Versuch noch auf Platz eins.

Es war aus deutscher Sicht ein erfolgreiches Meeting, auch wenn Stabhochsprung-Weltmeister Raphael Holzdeppe zwar mit dem Cabrio ins Stadion gefahren wurde, nach Problemen beim Einspringen an der Wade aber gar nicht in den Wettkampf einstieg, und seine Kollegen Björn Otto und Malte Mohr schon an ihrer Anfangshöhe scheiterten. Dafür hatten die deutschen Stabhochspringer das Publikum zuletzt sehr verwöhnt.

Gut auch, dass das Istaf schon eine reifere Veranstaltung ist mit gewachsenem Selbstbewusstsein. Sonst hätte es am Sonntag eifersüchtig sein müssen, denn zwei deutsche Athletinnen waren zwar dabei, aber in Gedanken doch ganz woanders. Kugelstoßerin Nadine Kleinert sagte: „Für mich war das heute nicht Istaf 2013, sondern WM 2009.“ Und Speerwerferin Christina Obergföll dachte an die WM in Moskau und ihre russische Konkurrentin Maria Abakumowa: „Ich bin nur glücklich, dass sie da nicht so weit geworfen hat wie heute.“

Das Istaf hat jedenfalls beide an ihre Karrierehöhepunkte erinnert. „Das ist hier die Stätte, an der ich meinen größten Erfolg hatte, WM-Silber“, erzählte Kleinert und Anlass zum Zurückblicken gab es für sie genug, denn die 37 Jahre alte Magdeburgerin bestritt ihren letzten großen Wettkampf. Sie wurde Vierte mit 17,73 Meter, es gewann die Olympiasiegerin Valerie Adams aus Neuseeland mit 20,58 Meter vor der WM-Zweiten Christina Schwanitz aus dem Erzgebirge mit 19,43. Aber für Kleinert zählte die Erinnerung ohnehin mehr als das Ergebnis. „Schon als ich mit Valerie ins Stadion gelaufen bin, haben wir an die WM 2009 gedacht und hatten sofort Gänsehaut.“ Am Ende standen Siegerin Adams und Pensionärin Kleinert gemeinsam auf der Bühne, Kleinert nahm Adams noch einmal fest in den Arm und sagte: „Dieses verrückte Huhn wird mir fehlen.“

Ein so gutes Verhältnis hat Christina Obergföll nicht zu ihrer größten Konkurrentin dieser Saison, Maria Abakumowa. Obergföll hatte nach vielen erfolglosen Anläufen auf einen großen Titel Abakumowa in deren Heimatland in Moskau den WM-Titel weggeschnappt. Davon ist offenbar so viel Wut zurückgeblieben, dass Abakumowa sich am Sonntag mit der Weltjahresbestweite von 70,53 Meter revanchierte. Obergföll konnte nur zuschauen, süßsauer lächeln und höflich klatschen. Mit 63,30 Meter landete sie auf Platz drei und musste dabei Linda Stahl vorlassen, die im letzten Versuch 65,35 Meter warf. Hinter Abakumowa liefen Obergföll und Stahl dann aber fast genauso fröhlich mit Nationalfahne eine Ehrenrunde.

Auch Harting feierte nicht alleine, er hatte noch einen Freund im Wettbewerb, Sebastian Dietz, der Paralympics-Sieger, der als erster behinderter Athlet in einem offiziellen Wettbewerb beim Istaf startete. Mit 38,27 Meter blieb Dietz zwar unter seinen Weltrekordleistung von 42,18 Meter aus diesem Jahr. Aber für ihn zählte auch der Wettkampf an sich. „Ich bin von allen super aufgenommen worden und hinterher haben sich alle Konkurrenten bei mir bedankt.“ Als Harting seinen letzten Wurf gemacht hatte, umarmte er Dietz, auch um zu zeigen, dass es hier zwei Sieger gab.

Ein Ziel hat Robert Harting noch in dieser Saison. Die Militär-Europameisterschaft am 15. September in Warendorf. „Der Titel fehlt mir noch.“ Tatsächlich. Und es könnte sogar ein ernsthafter Wettbewerb werden. „Piotr Malachowski“, sein härtester Rivale, „der ist auch beim Militär.“

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