Istaf : Sprung in die Geschichte

Vor 30 Jahren meisterte Rosemarie Ackermann beim Istaf als erste Frau der Welt zwei Meter. Am Sonntag ist sie nicht einmal Ehrengast beim 70. Jubiläum.

Friedhard Teuffel

BerlinDen ersten Moment im Stadion nimmt sich Rosemarie Ackermann am Sonntag ganz für sich, da wäre es ihr auch sehr lieb, wenn sie nicht gestört würde. „Ich brauche erst einmal ein paar Minuten für mich alleine, um meinen eigenen Film vor mir ablaufen zu lassen“, sagt sie. Dieser Film ist nun schon 30 Jahre alt, und der Ort des Geschehens hat sich auch ein wenig verändert, das macht ihr aber nichts aus, die Bilder laufen wie von alleine in ihrem Kopf. „Ich kann noch genau sagen, wie ich angelaufen bin, wie ich gesprungen bin, was danach passiert ist.“ Es war der Sprung ihres Lebens am 26. August 1977, als Rosemarie Ackermann beim Istaf im Olympiastadion als erste Frau der Welt zwei Meter Höhe bewältigte.

Dieser sporthistorische Moment hat sich beinahe zufällig ereignet. Nicht, dass Ackermann nicht sprungstark genug gewesen wäre für zwei Meter, sie war 1976 Olympiasiegerin geworden. Aber das Istaf sollte eigentlich nur ein Aufbauwettkampf sein, „ich wollte meine Form vor dem Weltcup in Düsseldorf überprüfen“. Dafür ist sie zum Istaf gefahren, und es war die erste Reise der Cottbuserin überhaupt nach West-Berlin, ausgestattet mit einem Tagegeld von zehn D-Mark.

"Da sind die Reporter schon hinter mir her und haben mich eingeholt, ich war eben nicht so der Ausdauertyp"

Besser hätte sie es kaum treffen können im Olympiastadion vor 30 000 Zuschauern. „Ich hatte keinen Druck und war locker, das Wetter war gut und das Teilnehmerfeld nicht so groß, ich musste also nicht so lange zwischen meinen Sprüngen warten“, erzählt sie. Bis 1,93 Meter wurde sie noch von der Konkurrenz begleitet, dann stand sie als Siegerin fest und ließ zwei Meter auflegen, obwohl das gleich drei Zentimeter über dem Weltrekord lag. „Ich dachte, man muss sich doch mal an diese Grenze heranarbeiten, selbst wenn ich es nicht schaffe.“

Erster Versuch: Ackermann überquerte die Latte, berührte sie leicht – doch sie blieb liegen. „Ich bin vor Freude hochgesprungen. Dann habe ich auch schon die Reporter gesehen.“ Schon damals wäre sie am liebsten ganz alleine gewesen. Sie lief durch das Stadion, um sich wenigstens für einen winzigen Moment bewusst zu machen, was gerade geschehen war. „Da sind die Reporter schon hinter mir her und haben mich eingeholt, ich war eben nicht so der Ausdauertyp.“

Im DDR-Fernsehen war der Sprung nicht zu sehen

Ihre Stärke war ihre Technik, sie sprang noch den Straddle-Stil, bei dem sich der Athlet bäuchlings mit gespreizten Beinen über die Latte schiebt. „Wälzer“ nennt sie selbst diesen Stil und sagt, dass auch heute damit genauso hoch gesprungen werden könnte wie mit der Flop-Technik. „Aber den Wälzer zu lernen, kostet viel Zeit. Diese Zeit haben die meisten heute nicht mehr. Ich hatte diese Technik schon in der Schule gelernt.“ Und sie hat sie so gut beherrscht, dass sie trotz 1,74 Meter Körpergröße gegen die längeren und schlankeren Springerinnen gewann.

Im DDR-Fernsehen war ihr Sprung erst nicht zu sehen. Es war zwar ein Kamerateam nach West-Berlin gekommen, um ein Porträt über Edwin Moses zu drehen, den Olympiasieger über 400 Meter Hürden. „Danach haben sie aber im Programm nichts Interessantes gefunden und sind wieder nach Hause gefahren. Später mussten die Bilder gegen harte Devisen eingekauft werden“, sagt Ackermann. Ihr Lohn für Sieg und Weltrekord waren eine Brosche vom Istaf und außerdem 1500 Mark von der DDR-Regierung, „wie ein verdienter Facharbeiter eben“.

Heute arbeitet die 55-Jährige bei der Agentur für Arbeit als Sachbearbeiterin, den Sport verfolgt sie aus der Ferne. Am Sonntag ist sie jedoch noch einmal dicht dran als Ehrengast beim 70. Jubiläum des Istaf. Die Kroatin Blanka Vlasic hat schon angekündigt, die Weltrekordhöhe von 2,10 Meter auflegen zu lassen. Bis dahin wird Rosemarie Ackermann auch wieder in der Gegenwart angekommen sein, dann kann sie sich ganz auf ihre Nachfolgerinnen konzentrieren.

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