Sport : Istaf: Zunehmen: Mit 118 kg und fünf WM-Titeln ist Lars Riedel gefragt wie nie

Ernst Podeswa

Er war so schwer wie nie und musste weiter werfen denn je, um erneut Weltmeister zu werden. 118 Kilogramm und 69,72 Meter sind die Daten, die hinter Diskuswerfer Lars Riedel und seinem sportlichen Husarenstück stehen. Bei den Weltmeisterschaften in Edmonton sicherte sich der 34-jährige Chemnitzer den fünften WM-Titel seiner Karriere. Damit ist er der erfolgreichste deutsche WM-Athlet aller Zeiten. Und nur Stabhochsprung-Legende Sergej Bubka (Ukraine) hat mit sechs einen mehr.

Zum Thema Rückblende:
Die schönsten Bilder der Leichtathletik-WM Der vierfache Olympiasieger Al Oerter (USA/1956 - 1968) hatte Riedel 1995 nach dessem dritten WM-Sieg als seinen Nachfolger bezeichnet. Der Amerikaner war ein ähnlicher Werfertyp wie der Deutsche: kein massiger Körperbau, lange Arme, abgerundete Technik. Als sich Riedel 1991 in Tokio erstmals auf den WM-Thron schleuderte, "da war ich im Vergleich zu heute 16 Pfund leichter". Und sah bei 1,99 m Körperhöhe für einen Werfer fast schon schlank aus.

Angst vor zu viel Gewicht - bei Radprofi Jan Ullrich ein Dauerthema vor jeder Tour de France - kennt der Sachse Riedel nicht. Er huldigt keiner Diät, er hat keinen Ernährungsberater, er futtert gern Süßigkeiten und schätzt als Hauptgericht Sauerkraut mit Rippchen. Auch das Klischee vom Nimmersatt bereits zum Frühstück trifft nicht zu. Riedel isst "ganz normal Tee, Brot, Käse, Wurst, Süßes". Kaffee nimmt er nur ab und direkt vor Wettkämpfen zu sich, um hellwach für die Weitenjagd mit dem zwei Kilo schweren Diskus zu sein.

Das Besondere an Riedels Essgewohnheiten ist, dass er auf etwas verzichtet, was anscheinend unverzichtbar im Leistungssport geworden ist - auf Nahrungsergänzungsmittel. Oft mit verbotenen Dopingsubstanzen vermischt. Die Furcht davor und die Abneigung "gegen künstlich hergestellte Medikamente" halten ihn von Nahrungsergänzungsmitteln ab. Und davor, Tabletten gegen Kopfschmerz oder Schlaflosigkeit zu nehmen. Nur wenn eine Erkältung im Anmarsch ist, greift er zu Vitamintabletten.

Riedel setzt vor allem auf natürliche Mittel, um die für den Muskel- und Kraftaufbau notwendigen Eiweiße zu konsumieren. Daheim wirft er gern selbst den Grill an, um Gäste und seinen Magen mit saftigen Steaks und ein paar Bierchen zu verwöhnen. Die Eiweiß-Hochzeit liegt jedoch während der Saisonvorbereitung an der Algarve in Albufeira. Da freut sich der Besitzer eines Fischrestaurants auf seinen prominenten Stammbesucher, der mit Genuss Unmengen von Fisch verspeist.

In diesem Jahr muss Riedels Appetit besonders stark gewesen sein. Vielleicht, weil ihm der Lette Virgilijus Alekna in Sydney den Traum vom zweiten Olympiasieg nach 1996 vermasselt hatte. Und Riedel wusste, "ich muss meine Kraftwerte verbessern, wenn ich eine Chance haben will". Also stemmte er Gewichte, stopfte Fisch in sich hinein und registrierte Kraftbestwerte. Doch dann muckerte das Knie. Alles schien gefährdet, doch zum Glück verlief eine Knieoperation bei Professor Hertel in Berlin optimal. Erstmals fuhr er ohne Druck zur WM und überrumpelte den Favoriten Alekna.

Danach schwebte Riedel auf Wolke sieben, war glücklich und locker wie nie. Er reiste vorzeitig von der WM zurück, um Sonnabendfrüh bei der Einschulung seines Sohnes Robert dabei zu sein. Abends juckelte er mit dem Hubschrauber ins ZDF-Sportstudio. Und am Sonntag rief Schalkes Manager Rudi Assauer an: "Ich brauche den größten deutschen Leichtathleten bei der Einweihung unseres Stadions." Dort holte er sich Riesenbeifall vom Publikum, Anerkennung (auch ob seiner Bizeps) von den Klitschko-Brüdern. Inzwischen klingelt bei Riedels Manager Helmut Ebert pausenlos das Handy, um Interviews zu erhalten. Zwei Fernsehsender wollen Filme über Riedels Karriere drehen. Erst mit dem fünften Titel und 118 kg ist der "Herr der Ringe" auch in der medialen Wahrnehmung ein Schwergewicht geworden. Obwohl er mittlerweile durch den Terminstress zehn Pfund auf der Waage eingebüßt hat. Die zeigt im Winter stets weniger als jetzt - um die 110 kg.

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