Italien : ABC des Neuanfangs

Der Weltmeister von 2006 hat sich in Südafrika blamiert, ist in der Vorrunde ausgeschieden. Nun wagt Italien nach der WM den radikalen Umbruch.

Tom Mustroph[Mailand]
Jung, genial, multikulti. Balotelli (l.) und Cassano stehen fürs neue Italien. Foto: dpa
Jung, genial, multikulti. Balotelli (l.) und Cassano stehen fürs neue Italien. Foto: dpaFoto: dpa

Er scherzt, er strahlt, er dribbelt – und er schnappt sich die prestigeträchtige Trikot-Nummer 10. Vor dem Freundschaftsspiel der italienischen Nationalmannschaft am heutigen Dienstag gegen die Elfenbeinküste macht Antonio Cassano klar, dass er der Chef sein möchte. Der 28 Jahre alte Offensivmann steht für den personellen und strukturellen Neuanfang, den der italienische Fußball nach dem Vorrundenaus bei der WM in Südafrika einleiten möchte. Spieler wie er und Mario Balotelli sollen die Spielfreude zurückbringen. Und im Verband arbeiten künftig ehemalige Größen wie Roberto Baggio und Gianni Rivera neue Konzepte zur Talententwicklung aus.

Cassano, das Dribbelgenie von Sampdoria Genua, ist endlich auf der Spielmacherposition der Italiener angekommen. Als es um die Verteilung der Nummern ging, zögerte er keinen Augenblick, sich die 10 zu sichern. Es gab auch niemanden, der sie ihm streitig machte. „Ich wünsche mir, dass Antonio mit all seinem Talent der Orientierungspunkt in unserem Spiel sein wird“, sagt der neue Nationaltrainer Cesare Prandelli. Zwar rechnet Prandelli in Zukunft auch mit dem derzeit angeschlagenen Andrea Pirlo. Doch der Ballverteiler des AC Mailand ist traditionell etwas weiter hinten positioniert. Er wäre – gemeinsam mit dem ebenfalls verletzten Torwart Gianluigi Buffon und dem einzigen im aktuellen Aufgebot verbliebenen Weltmeister von 2006, Daniele De Rossi – eines der wenigen Symbole der Kontinuität.

Das Symbol des Neuanfangs hingegen lautet ABC. C wie Cassano, B wie der streitbare Jungstar Mario Balotelli, A wie der Italobrasilianer Amauri. Alle drei Offensivspieler waren zum Verdruss der meisten Fans vom früheren Nationaltrainer Marcello Lippi dauerhaft ignoriert worden. Der gestrenge weißhaarige Herr setzte auf Fügsamkeit und eine antiquierte Form von Italienertum. Der in Brasilien geborene Amauri war ihm zu wenig italienisch. Der in Palermo als Sohn ghanaischer Migranten zur Welt gekommene Balotelli war ihm offiziell zu aufmüpfig; Lippi machte aber auch den Eindruck, mit Balotellis Hautfarbe ein Problem zu haben. Von Cassano befürchtete er, dass der stets zu Scherzen aufgelegte Bursche seine Autorität untergraben und einigen Rumpelfüßlern im Aufgebot zu lustvoll deren technische Grenzen aufzeigen würde.

Alle drei stehen für die neue Hoffnung. Jung, genial und multiethnisch – ganz wie die viel bewunderte deutsche Nationalmannschaft – soll auch das neue Team Italia werden. Jung wie der 19-jährige Balotelli, genial wie Cassano und die engen nationalen Grenzen sprengend wie Amauri und Balotelli.

Das Projekt einer umfassenden Jugendförderung – auch unter den Kindern von Migranten – wurde jetzt in die Hände der Fußball-Legenden Roberto Baggio und Gianni Rivera gelegt. Baggio ist Technischer Direktor des Verbands. Rivera soll ein neues Ausbildungskonzept erarbeiten. Aus dem schmählichen WM-Auftritt in Südafrika zieht der italienische Fußballverband nun die gleichen Konsequenzen wie der DFB nach der EM-Pleite 2000 – in der Hoffnung, dass sie in zehn Jahren ähnliche Früchte tragen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben