Italien : Der Weltmeister zerfällt

Italiens Nationalelf muss zwei Rücktritte verkraften: Francesco Totti und Alessandro Nesta verlassen die "Squadra Azzurra".

Vincenzo Delle Donne
Francesco Totti
Francesco Totti. -Foto: dpa

MailandAlessandro Nesta hörte sich bedrückt an. „Ich habe gemerkt“, sagte der 30-jährige Römer, der für den AC Mailand spielt, „dass meine Leistung konstant hoch bleibt, wenn ich auch ein bisschen Erholung habe.“ Die Einsätze für die Nationalmannschaft aber seien in seinem Alter ein derartiges Hindernis, dass er beschlossen habe, von der „Squadra Azzurra“ zurückzutreten. Das Abenteuer sei zu Ende. Der defensive Abwehrspieler wollte jedoch nicht ausschließen, dass er kurz vor der WM 2010 vielleicht doch noch mal zurückkehre, „so als neue Herausforderung“. Auf diese Weise verabschiedete sich der 78-malige Nationalspieler ausgerechnet in der entscheidenden Qualifikationsphase für die EM in der Schweiz und Österreich.

Von Differenzen mit dem jungen Nationaltrainer Roberto Donadoni könne keine Rede sein, betonte Nesta, auch wenn der Nationaltrainer ihn zuletzt gelegentlich auf die Bank verbannte. „Dass ich gegen die Ukraine auf der Bank saß, war in Ordnung“, sagt Nesta. Seine zwölfjährige Profikarriere hat am Körper des Abwehrspielers, der einst bei Lazio Rom mit dem Profifußball begann, Spuren hinterlassen. Inzwischen hat sich Nesta sechs schweren Operationen unterziehen müssen. Zuletzt war es eine heikle Schulteroperation, die fast das Ende seiner Karriere bedeutete. Kapitän Fabio Cannavaro bedauerte den Rücktritt, er sagte: „Zusammen mit Francesco Totti war Alessandro Nesta von fundamentaler Bedeutung für den WM-Sieg.“

Doch vor Nesta hat auch Francesco Totti seinen Rücktritt aus der Squadra Azzurra erklärt. Der Star von AS Rom stellte sich dabei nicht besonders geschickt an. Zunächst hatte er sich nach dem WM-Titel eine einjährige kreative Auszeit genommen, auch aufgrund von Verletzungs- und familiären Sorgen. Im Juli wartete er schließlich mit dem abstrusen Vorschlag auf, nur noch „wichtige Spiele für Italien“ bestreiten zu wollen. Das erzürnte den jungen, aber selbstbewussten Roberto Donadoni. Auf die Frage, was er von Tottis Vorschlag halte, polterte er los: „Totti Parttime? Die nächste Frage, bitte!“ Totti erklärte daraufhin seinen endgültigen Rücktritt und sprach von einer Verschwörung der Konkurrenz. „Man kritisiert meine Entscheidung, weil ich Römer bin“, sagte er.

Als Luciano Moggi noch als Manager das Regiment bei Juventus Turin führte und Marcello Lippi als Nationaltrainer regierte, kam es tatsächlich vor, dass einige Stars in wichtigen Meisterschaftsphasen geschont wurden und unter einer vorgetäuschten Verletzung nicht in die Nationalmannschaft berufen wurden. So geschehen etwa bei Alessandro del Piero oder Fabio Cannavaro. Tottis und Nestas’ Rücktritt sind indes ein Beleg dafür, wie die Klubmannschaften in Italien immer stärker ihre Wirtschaftsinteressen gegenüber dem Verband durchsetzen. Sie würden schließlich für die horrend hohen Gagen der Spieler aufkommen, argumentieren die Vereine, also müsse auch deren Verletzungsrisiko minimiert werden.

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