Sport : Italien: Ein bisschen Rossi ist immer dabei

Sven Goldmann

Hamburg – Als die Arbeit getan ist, läuft Fabio Cannavaro zur Mannschaftsbank und holt ein Laken hervor. Mit einem Betreuer eilt der italienische Kapitän zurück auf den Hamburger Rasen. Die beiden breiten das Laken aus. Dann geht die Botschaft um die Welt: „Pessottino, siamo con te“. Pessottino ist der Spitzname des Managers von Juventus Turin, der am Mittwoch mit einem Rosenkranz in der Hand aus dem Klubheim sprang und seitdem in Lebensgefahr schwebt. „Wir sind bei dir“, diese Botschaft des Turiners Fabio Cannavaro ist der emotionale Schlusspunkt eines weitgehend emotionslosen Viertelfinales, zu deutlich hat Italien die Ukraine beim 3:0-Sieg dominiert.

Cannavaros Gruß ist eine anrührende Szene in einer Zeit, in der jeder Torschütze sein persönliches Erfolgserlebnis der Verlobten widmet, Mama oder dem lieben Gott. So leicht hat es sich Luca Toni am späten Freitagabend nicht gemacht. Der Stürmer aus Florenz hat zwei Tore geschossen. Es sind seine ersten bei der WM, und Toni widmet sie „allen, die an mich geglaubt haben, als es nicht so gut lief“. Das lässt sich schwer in Namen fassen. Also belässt es Toni bei der Andeutung und freut sich darüber, dass die Tage des Zweifels vorbei sind. Die Tage der Krise, in die Europas Torjäger Nummer eins zur wichtigsten Phase der Saison gestolpert war. Entsprechende Fragen hatte er nach den ersten vier Spielen mit Verweis auf mathematische Gesetze beantwortet: Mit jedem torlosen Spiel steige die Wahrscheinlichkeit, dass es beim nächsten Mal klappe.

Die Besetzung des italienischen Angriffs bei dieser WM war eine Staatsaffäre, über die so vehement gestritten wurde wie sonst nur über den Manipulationsskandal um Juventus, Milan, Florenz und andere. Es ging dabei weniger um Toni, der war nach 31 Toren für die Fiorentina in der abwehrstärksten Liga der Welt gesetzt. Wer aber sollte außer ihm spielen? Die Befürworter körperbetonten Spiels wollten Gilardino, Traditionalisten plädierten abwechselnd für Del Piero und Inzaghi, nur vom großen Francesco Totti hielt fast niemand etwas. Trainer Marcello Lippi galt vielen als verwirrt, weil er den von einer schweren Verletzung nur halbwegs genesenen Römer nominierte. Zehn Wochen vor der WM hatte Totti sich das linke Wadenbein gebrochen. Als er nach einem missratenen Comeback gegen die Schweiz ernsthaft von seinem Einsatz bei der WM sprach, lachten ihn die Italiener aus. Doch Totti ist stetig besser geworden und hat in der Nachspielzeit des Achtelfinales gegen Australien nervenstark einen Elfmeter zum 1:0-Sieg verwandelt.

Auch an Luca Toni hat Lippi geglaubt. Vor dem Spiel gegen die Ukraine hat Lippi gesagt: „Pass auf Luca, heute wirst du ein Tor schießen, vielleicht sogar zwei.“ Toni hat getroffen, einmal mit dem Kopf, einmal mit dem Fuß. Die Vorlage zum ersten Tor kam von Totti. Nach dem Spiel will ein Reporter von Toni wissen, ob er ein Typ wie Paolo Rossi sei. Er lacht. „Hmm, ich glaube eher nicht.“ Rossi war ein kleines, flinkes Bürschchen, also ziemlich genau das Gegenteil von Luca Toni mit seinen 193 Zentimetern Körperlänge und den breiten Schultern. Aber Rossi war als Torschützenkönig der WM 1982 der Held des letzten italienischen Weltmeisterteams, im Finale gab es einen Sieg gegen Deutschland. Ein bisschen Rossi sollte also schon in einem italienischen Stürmer stecken, der am Dienstag gegen die deutsche Abwehr spielt. Ach ja, die Deutschen, dazu muss er noch etwas sagen: „Wir wissen, dass die Deutschen sehr stark sind und eine Turniermannschaft haben.“ Er verkneift sich den Hinweis auf das letzte Länderspiel gegen Deutschland, dieses 4:1 am 1. März bei ihm in Florenz. Auch Luca Toni hat damals ein Tor geschossen, Francesco Totti schaute im Krankenhaus zu.

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