Sport : Italien - Holland: Die Niederländer scheitern im Elfmeter-Drama

In einer Nervenschlacht verpasster Chancen hat Gastgeber Niederlande den Einzug in das EM-Finale an Italien förmlich verschenkt. Zum gefeierten Helden der Italiener wurde Torhüter Francesco Toldo, der in der regulären Spielzeit und im mit 3:1 gewonnenen Elfmeterschießen nach 120 torlosen Minuten insgesamt drei Elfmeter hielt und damit zum Erfolgsgaranten wurde. "Wir haben uns wie die Löwen gewehrt. Das Finale ist nicht mein Verdienst, sondern das der ganzen Mannschaft", gab sich Toldo bescheiden. Der holländische "Bondscoach" Frank Rijkaard trat unmittelbar nach dem Spiel von seinem Amt zurück. Er sagte enttäuscht: "Ich hatte die Messlatte zu hoch gelegt, und ziehe daraus die Konsequenzen." Am Sonntag trifft Italien im EM-Finale in Rotterdam auf Weltmeister Frankreich.

Die Italiener, die mit ihrem Auftritt vor 51 000 Zuschauern in der ausverkauften AmsterdamArenA an die Zeiten des "Catenaccio" anknüpften und nach einer Gelb-Roten-Karte gegen Gianluca Zambrotta (34.) zeitig dezimiert wurden, erreichten erstmals seit ihrem Titelgewinn vor 32 Jahren wieder ein EM-Endspiel. "Jetzt genießen wir den Sieg und dann denken wir an das Finale. Wir haben mit zehn Mann besser gespielt als mit elf", freute sich Trainer Dino Zoff, der 1968 beim EM-Sieg als Spieler dabei war.

Für die Niederländer setzte sich das Elfmeter-Trauma fort. Nach der EM 1992 (Halbfinale gegen Dänemark) und 1996 (Viertelfinale gegen Frankreich) sowie der WM 1998 (Halbfinale gegen Brasilien) scheiterten sie bereits zum vierten Mal in einem wichtigen Turnier im Elfmeterschießen. Die dominierenden Gastgeber bekamen ihre Nerven nicht in den Griff und sorgten mit zwei verschossenen Strafstößen in der regulären Spielzeit für ein Novum in der EM-Geschichte. Erst scheiterte Frank de Boer mit einem von Alessandro Nesta an Patrick Kluivert verwirkten Foulelfmeter (39.) an Toldo, dann schoss Kluivert (62.) einen Elfmeter nach Foul von Mark Iuliano an Edgar Davids an den Pfosten.

"Wenn man zwei Elfmeter verschießt, kann man nicht ins Finale kommen", ärgerte sich de Boer, dem im Elfmeterschießen erneut die Nerven versagten. Nachdem Jaap Stam den Ball über die Latte gedroschen hatte, scheiterte auch Paul Bosvelt an Toldo. Der Fehlschuss von Italiens Kapitän Paolo Maldini fiel nicht mehr ins Gewicht. Trotz harscher Kritik durch die Italiener bot Schiedsrichter Markus Merk eine überzeugende Leistung. Bei den beiden im Spiel verhängten Strafstößen lag der Deutsche richtig, auch wenn Zoff danach meinte: "Der Schiedsrichter hat ein wenig anders gepfiffen als andere Internationale". Der 38-Jährige Merk aus Kaiserslautern hatte schon zuvor beim Feldverweis gegen Zambrotta richtig entschieden.

Obwohl Italiens Star Alessandro del Piero zum zweiten Mal im Turnierverlauf von Beginn an das Vertrauen von Zoff erhielt, änderte sich am System des dreimaligen Weltmeisters nichts. Vor der Dreierkette bauten die Azzurri im Mittelfeld ein dichtes Abwehrnetz auf, in dem sich die von Beginn an offensiv ausgerichteten Niederländer oft verfingen. Daher konnten sich die vom überragenden Dreigestirn de Boer, Davids und Bergkamp angetriebenen Gastgeber trotz drückender Überlegenheit nur selten so eindrucksvoll in Szene setzen wie beim 6:1 im Viertelfinale gegen Jugoslawien.

Zwar gewannen die Holländer im Mittelfeld fast jeden Zweikampf, doch vor dem Tor ließ die bisher angriffsstärkste Mannschaft des Turniers Souveränität vermissen. Die wenigen Chancen, die das italienische Abwehrbollwerk zuließ, wurden leichtfertig vergeben. Nicht nur bei den verschossenen Elfmetern versagten die Nerven, Kluivert und Bergkamp scheiterten auch aus dem Spiel heraus in aussichtsreicher Position.

Nach der Gelb-Roten Karte gegen Zambrotta zogen sich die Italiener noch weiter zurück. Den einzigen Torschuss gab Stefano Fiore in der 48. Minute ab, ansonsten fand die Offensive der Azur-Blauen nicht statt. Gegen zehn Italiener wirkten die Niederländer fast gehemmt. Lediglich bei einem Schuss des eingewechselten Clarence Seedorf musste Toldo noch eingreifen.

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